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Kultur

Die pragmatische Ikone

Details aus besonders ungeduldig erwarteten Passagen waren schnell durchgesickert. Und auch nach Erscheinen darf weiter spekuliert werden: Wie soll Hillary Rodham Clintons Autobiografie allen Erwartungen gerecht werden?

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Hillarymania bei der Signierstunde

Ausgelesen hat das mit Spannung erwartete Buch wohl noch kaum jemand. Denn die am Montag (9.6.2003) in den USA und 14 weiteren Ländern erschienene "Gelebte Geschichte" der Hillary Rodham Clinton bringt es auf mehr als 600 Seiten. Allein in den USA erreichte "Living History", so der Originaltitel, eine Startauflage von einer Million Exemplaren. Und der Verkauf lief ausgesprochen gut an - obwohl, oder eben weil, es kaum Besprechungen des Buches gab. Auf Rezensionsexemplare musste die Presse nämlich weit gehend verzichten. Stattdessen hat der Verlag Simon & Schuster international die Rechte zum exklusiven Vorabdruck vergeben, in Deutschland etwa an den "Spiegel".

"Warum hast Du mich belogen?"

Die vorab veröffentlichten Kapitel beginnen mit einer berühmten Lüge: Hillary Rodham Clinton schlägt den Bogen von dem Tag, als ihr Mann Bill sie wegen seiner Affäre mit der White-House-Praktikantin Monika Lewinsky anlog, zurück zu ihrem Kennenlernen an der Universität und dem Verlauf von Bill Clintons politischer Karriere. Die ehemalige First Lady und heutige Senatorin im Staat New York eröffnet jedoch nicht nur erstmals ihren persönlichen Einblick in die Lewinsky-Affäre, die dem damaligen US-Präsidenten 1998 fast das Amt gekostet hätte. Rodham Clinton nutzt das Buch auch, um ihr politisches Profil zu schärfen.

Wirklich spektakulär ist deshalb nichts an dem Buch. Die 55-Jährige will schließlich noch weiterhin als Politikerin wirken. Warum bekommt es dann aber so viel Aufmerksamkeit? Vielleicht weil die US-Öffentlichkeit nach etwas mehr Spannung giert, als sie die eher biedere Bush-Family bietet. Denn Rodham Clinton ist in den USA eine durchaus umstrittene Person: Von vielen Rechten inbrünstig gehasst, wird sie von vielen Demokraten verehrt und schon als künftige Präsidentin gesehen.

Perfekte Frauen

Die Demokratin gilt als links, gläubig und feministisch. Wegen ihres Engagements für die Chancengleichheit der Frau musste Rodham Clinton viel Kritik einstecken. Gerade, weil sie sich nicht nur als die Frau an der Seite ihres Mannes sah, "die andauernd Plätzchen bäckt und Trippelschritte macht", wie Alice Schwarzer einmal den ständigen Spagat der Präsidentengattin beschrieb, wurde es Rodham Clinton angekreidet, dass sie zu ihrem Mann stand, als er sie betrogen hat. Was gar nicht nach Widerspruch klingt, wurde bei Rodham Clinton zum Problem. Denn nicht wenige halten sie für talentierter als ihren Mann. Sie hat seine Karriere begleitet und gepusht, und, wer weiß, vielleicht hätte er es ohne sie nie so weit gebracht.

Hillary Rodham Clinton war damit in einer typischen Frauenrolle gefangen: Den eigenen Ehrgeiz lieber in den Mann zu investieren. Dazu kommt das "Perfekte-Frauen-Syndrom": Rodham Clinton wurde frühzeitig auf Spitzenleistung getrimmt, vom Kindergartenalter bis zum Studium. Ihr Perfektionismus zeigte sie aber auch bei "weiblichen" Aufgaben wie Mutter zu sein und zu Hause alles zusammenzuhalten. Damit konnte sie wiederum manchen rechten Kritikern etwas Wind aus den Segeln nehmen. Zur feministischen Ikone taugt sie mit diesem Verhalten freilich nicht.

Buchcover: Living History von Hillary Rodham Clinton

Man kann das Hillary-Phänomen positiv sehen: Eine erfolgreiche Politikerin, die ihre Rolle als Frau kritisch reflektiert, schreibt nun auch noch ein erfolgreiches Buch. Oder negativ: Eine Frau steht sich mal wieder selbst im Weg, indem sie hinter ihren Mann zurücktritt und sogar in ihren Memoiren noch meistens über ihn schreibt. Ist Rodham Clinton eine kluge Strategin oder ein Opfer der gesellschaftlichen Normen? Auf jeden Fall ist sie eine Pragmatikerin. Deshalb will sie sicher auch mit ihrer Autobiografie etwas erreichen.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Aber Memoiren sind zunächst eine persönliche Angelegenheit. Und Rodham Clinton ist "eine sehr private Person". Deshalb drückt sie mit ihrem Buch vor allem ihre privaten, auch religiösen, Gefühle aus. Ein politisches Manifest ihrer zukünftigen politischen Ziele hat sie nicht geschrieben. Trotzdem darf man über all die Familien- und Ehedetails nicht vergessen, dass "Gelebte Geschichte" das Buch einer aktiven Politikerin ist - der beständig noch größere Ambitionen nachgesagt werden. Auch wenn sie angeblich gar nicht Präsidentin werden will: Sie sei geschmeichelt, dass sie immer wieder gefragt werde, habe aber keine Pläne, äußerte sie gegenüber dem US-TV-Sender ABC. Sie hoffe aber, dass die Fragen einmal dazu führten, dass eine Frau zur Präsidentin der USA gewählt werde.

Nach der Lewinsky-Affäre gab es schon mal eine Welle von Hillary-Biografien. Warum also hat Rodham Clinton bis jetzt gewartet, um den vielen Mutmaßungen mit ihrer eigenen Version zu begegnen? 2004 stehen in den USA Präsidentschaftswahlen an. Die Demokraten kann sie auch unterstützen, wenn sie nicht selbst kandidiert. Hillary Rodham Clinton kann mit ihrem Buch zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Geschichte nachträglich gerade rücken - und schon mal etwas Wahlkampf betreiben.

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