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Deutschland

Die Pracht der Macht: Bayreuths Weltkulturerbe

"UNESCO-Weltkulturerbe" – Kaum eine Auszeichnung macht Denkmalpfleger und -ver­markter so glücklich wie diese. Nun ist auch Bayreuths "Markgräfliches Opern­haus" Teil des "kulturellen Erbes der Menschheit".

Am Anfang ist unendliche Verzweiflung: Wilhelmines Vater, Preußens König Friedrich Wilhelm I, ist ein brutaler Tyrann, der seine Kinder missbraucht. Die Jugend in der Hölle bei Hof erlebt Wilhelmine lieblos und kalt. Mit 22 muss sie einen überforderten Versager heiraten – noch dazu in Bayreuth, tiefste und ödeste Provinz. Wilhelmine von Preußen aber fügt sich nicht ihrem Schicksal – und baut im Jahr 1748 das Markgräfliche Opernhaus von Bayreuth, das atemberaubendste Theater ihrer Zeit. Die komponierende, malende und schreibende Wilhelmine will die Schlösser Sanssouci in Potsdam und Versailles bei Paris in den Schatten stellen. Für die Gräfin ist ihr Prachtbau im italienischen Barockstil eine "goldene Rüstung gegen das Leben", so hat es die Expertin Barbara Bogen formuliert.

37 Orte in Deutschland sind Weltkulturerbe

Bronzebüste der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth (Foto: dpa)

Die Gräfin grinst: Wilhelmines Prachtbau ist nun Weltkulturerbe

264 Jahre später erfährt Markgräfin Wilhelmine von Brandenburg-Bayreuth eine späte Genugtuung: Ihr nordbayerisches Theater ist UNESCO-Weltkulturerbe – als eine von 37 Stätten in Deutschland. Die Expertenkommission bescheinigt dem Theater damit "universale Einmaligkeit". Die Gräfin Wilhelmine grinst – zumindest lächelt ihre Bronzebüste in Bayreuth milde in sich hinein.

Auch die Bayreuther Stadtverantwortlichen zeigen sich glücklich: "Mit dieser Entscheidung ist ein wesentlicher Meilenstein für eine gute Zukunft Bayreuths gelegt", sagt Oberbürger­meisterin Brigitte Merk-Erbe, die eigens nach Russland zur Sitzung des UNESCO-Komitees in St. Petersburg gereist ist. "Bayreuth wird neben Richard Wagner und seinen Festspielen fortan in aller Welt auch mit dem Opernhaus verbunden werden."

UNESCO-Titel als Touristenmagnet

Die UNESCO-Auszeichnung wird Touristen in die 70.000-Einwohner-Stadt Bayreuth locken. Das legen die Erfahrungen nahe, die andere Städte mit der Auszeichnung machen – etwa das Städtchen Bad Muskau in Sachsen. Früher gastierten hier pro Jahr nicht einmal 15.000 Menschen. Seit der örtliche Fürst-Pückler-Park Weltkulturerbe ist, übernachten viel mehr Gäste pro Jahr in Bad Muskau - zuletzt waren es 37.000.

"Der normale Tourist kannte den Park nicht als touristisches Ziel", sagte Parkdirektor Cord Panning dem Deutschlandfunk, "das hat sich natürlich durch den Welterbetitel geändert: Jetzt kann kein Reiseführer mehr dran vorbei. Und das unterscheidet uns von den großen Touristenorten Weimar, Potsdam, Dresden: Ob dort noch der Welterbetitel 'raufgepfropft' wird oder nicht, das ist für die touristische Resonanz relativ einerlei." Im kleinen Bad Muskau aber, so Panning, spiele der Titel eine entscheidende Rolle: "Das hat so eine Kraft, so eine Wertigkeit, dass da keiner dran vorbeikommt."

Unbekanntere Orte profitieren immens – große Touristenmagneten freuen sich ebenfalls über Reputation und finanzielle Unterstützung. So ließe sich der Einfluss der UNESCO-Auszeichnung für die 37 deutschen Orte zusammenfassen – darunter die Domkirchen von Aachen, Speyer, Hildesheim und Köln oder die Schlösser in Potsdam. Die bayerische Touristenattraktion Schloss Neuschwanstein hingegen hat den UNESCO-Status nicht – wurde im Jahr 2011 aber dennoch von 1,4 Millionen Touristen besucht.

"Lasst uns doch in Ruhe mit eurem Dom XY"

Das Bayreuther Markgräfliche Opernhaus hat mit seiner Ernennung Glück gehabt – denn inzwischen mehren sich die Stimmen, die UNESCO-Welterbeliste sei zu sehr von Europa dominiert. Mehr als die Hälfte der gut 900 Kultur- und Naturschätze liegen in Europa und Nordamerika. Nicht einmal jeder zehnte Ort liegt in Afrika – nach Meinung der UNESCO also ein kulturloser Kontinent? Den politischen Sprengstoff sieht auch Parkdirektor Cord Panning aus Bad Muskau. "Die ganze UNESCO-Welterbeliste ist viel zu eurozentrisch ausgerichtet, so dass man versucht, das jetzt ausgeglichener zu gestalten, dass die asiatischen Länder, die afrikanischen verstärkt Einzug halten. Und dass man auch der Kritik der afrikanischen Länder folgt und sagt: Nun lasst uns doch in Ruhe mit eurem Dom XY und eurer Altstadt Z, das haben wir doch alles x-mal drauf."

Im Vordergrund eine Darstellung von Jesus Christus am Kreuz. Im Hintergrund die Geburtskirche in Bethlehem (Foto: dapd)

Die Geburtskirche Bethlehem: Palästina feiert sein erstes Weltkulturerbe als Erfolg im Kampf um Anerkennung

Freude in Bethlehem, Zerstörung in Timbuktu

Spektakulärster Neuzugang der Liste ist freilich nicht Bayreuths Markgräfliches Opernhaus, sondern die Geburtskirche in Bethlehem. Sie steht über einer Höhle, in der Jesus Christus geboren worden sein soll. Der Antrag der Palästinenser hatte politische Sprengkraft: Erst vor acht Monaten war Palästina der UNESCO beigetreten – gegen den Widerstand der USA, Israels und auch Deutschlands. Die Geburtskirche ist nun die erste Welterbestätte auf palästinensisch verwaltetem Gebiet.

Eine Tonmoschee im westafrikanischen Timbuktu. Augenzeugenberichten zufolge haben radikale Islamisten drei Mausoleen zerstört (Foto: dpa)

In Timbuktu haben Islamisten mehrere Grabmale zerstört

Überschattet wurden die Welterbe-Nominierungen in St. Petersburg von Nachrichten aus Mali in Westafrika. In der Stadt Timbuktu haben Islamisten mehrere, ebenfalls zum Weltkulturerbe gehörende Heiligengräber verwüstet. Radikale Islamisten lehnen jede Form der Heiligenverehrung ab. UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova sagte, nichts könne eine solche Vernichtung rechtfertigen. Sie forderte die Kämpfer auf, die "schrecklichen und unumkehrbaren Zerstörungen" sofort einzustellen. Malis Kulturministerin Fadima Touré Diallo forderte von den Vereinten Nationen auf der Sitzung des UNESCO-Welterbe-Komitees in St. Petersburg konkrete Schritte gegen diese "Verbrechen gegen das Kulturerbe der Menschen".