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Fußball

Die Polizei - ein Feindbild des Fußballfans?

Beim Bundesligastart in die Rückrunde sind in und um die Stadien wieder mehrere 1000 Polizisten im Einsatz. Um gegenseitige Vorurteile und Feindbilder abzubauen, trafen nun Polizei und Fans in einem Kongress aufeinander.

Rostocker Fans zünden am 06.03.2009 beim Zweitliga-Nordduell zwischen dem FC St. Pauli und Hansa Rostock bangalische Feuer im Stadion, die Hamburger Polizei steht mit einem Großaufgebot bereit, um Ausschreitungen zu verhindern (Foto: dpa)

Bernhard Witthaut hat einiges auf dem Herzen. Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) klagt über die vielen Polizeieinsätze bei Fußballspielen. Das Limit sei erreicht, sagt er. In der vorletzten Saison habe die Polizei die Rekordzahl von 1,5 Millionen Arbeitsstunden im Zusammenhang mit dem Fußball erreicht. Die Beamten stießen mittlerweile an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. "Wir sehen schon, dass die Gewalt in der Gesellschaft und auch die Gewalt anlässlich von Fußballspielen zugenommen hat. Insbesondere hat die Gewalt gegen Polizeibeamte massiv zugenommen."

Gewalt- und Fanforscher Gunther Pilz hat Ähnliches beobachtet. Vor allem jüngere Fußballfans haben anscheinend in den letzten Jahren ein ausgeprägtes Feindbild gegenüber Polizeibeamten entwickelt. Dieses werde bei entsprechenden Vorfällen - zum Beispiel in hektischen Situationen bei Auswärtsspielen - noch geschürt. Dazu kommt der Solidarisierungseffekt. "In dem Moment, wenn die Polizei einschreitet, um illegales Verhalten zu beenden, schauen die Unbeteiligten nicht mehr weg. Sie solidarisieren sich mit den Gewaltbereiten und stehen dann als großer Mob gegen die Polizei." Eine Entwicklung, die höchst dramatisch sei.

"Bier gehört zum Fußball wie die Bratwurst"

Ein Bier trinkender und singender Schalke-Fan unter Mitstreitern (Foto: dpa)

Gehört Alkohol im Stadion dazu oder verboten?

Beim Kongress "Feindbilder ins Abseits", zu dem DFB, DFL und die Polizeigewerkschaft geladen hatten, diskutierten über 300 Teilnehmer über gemeinsame Wege und neue Ansätze in der Präventions- und Fan-Arbeit. Gewerkschafter Witthaut forderte gar einen Staatsanwalt im Stadion. Man müsse nicht mehr Strafen aussprechen, sondern den entsprechenden Strafrahmen ausschöpfen. "Das bedeutet, dass Verfahren nach einer Straftat relativ schnell abgearbeitet werden. Wir glauben, dass ist der richtige Weg, weil die Strafe auf dem Fuße folgen muss und nicht erst in zwei Jahren."

Außerdem dachte er laut über ein generelles Alkoholverbot in und um die Stadien nach. Johannes Liebnau von der Ultra-Fangruppe aus Hamburg kann darüber nur schmunzeln. "Ein Alkoholverbot ist die schwachsinnigste Forderung, die man überhaupt stellen kann", sagt der Vorsänger der Hamburger Ultra-Gruppierung, der selbst keinen Alkohol mehr trinkt. Es sei sicherlich sinnvoll, zum vernünftigen Umgang mit Alkohol aufzurufen. "Aber ein gutes Bier gehört einfach zum Fußball dazu wie eine Bratwurst. Immer alles mit Verboten zu regeln, ist ein bisschen zu einfach."

Reden hilft

Der Sportsoziologe, Autor und bekannteste deutsche Hooligan-Experte, Gunter A. Pilz (Archivfoto von 1998: dpa)

Sportsoziologe Pilz fordert mehr Kommunikation

Kommunikation sei das einzige Mittel zur Gewaltprävention, findet auch Gewaltforscher Pilz. Und dafür gibt es unter anderem Schlichter, sogenannte "Konfliktmanager". In einem Versuch in Hannover hätten die Konfliktmanager erreicht, dass heute selbst bei Risikospielen nur noch 250 Polizisten nötig seien - früher waren es 600 - 800. Durch bessere Aufklärung, was ein Fan am Spieltag machen darf, welche Rechte er hat und was absolut verboten ist, könne die Polizeiarbeit besser durchschaut werden. Zudem tragen schwer bewaffnete Polizisten nicht unbedingt zur Deeskalation bei. Kommunikation sei das einzige Mittel, um sich wieder gegenseitig zu respektieren und zu verstehen, betont Pilz, und nicht etwa noch mehr Polizisten und noch schärfere Gesetze.

Weniger Polizeipräsenz forderten auch die Fangruppen - ebenso wie eine Kennzeichnungspflicht der Polizisten zur späteren Identifizierungsmöglichkeit. Dies lehnt die Gewerkschaft aber strikt ab.

"Fußballstadien sind sicher"

Die Polizei und der DFB hatten die Partie zwischen dem FC Hansa Rostock und dem FC Energie Cottbus als Spiel mit erhöhtem Risiko eingestuft (Foto: dpa/lmv)

Oft werden Fans schon vom Bahnhof aus "eskortiert"

Der DFB betonte, dass es in der vergangenen Saison bei 1973 Spielen zu "nur" 13 Vorfällen gekommen sei - das entspricht 0,66 Prozent. Gewalt sei also kein großes Thema mehr im deutschen Fußball. Helmut Spahn, Sicherheitsbeauftragter des DFB, behauptete gar, dass es kaum einen sichereren Ort gebe als ein Stadion in Deutschland. "Die Fußballveranstaltungen sind perfekt durchorganisiert. Sie sind sicher." Wenn man gewalttätige Aktionen bei der Anzahl der Spiele und der Menge der Zuschauer, die in die Stadien kommen, zusammenzähle, könne man von pazifistischen Treffen sprechen.

Dennoch sei der Kongress nur ein erster Schritt gewesen, man wolle auch in Zukunft miteinander statt übereinander sprechen. Denn eigentlich wollen Fans wie Polizei für die Rückrunde dasselbe: Gegenseitigen Respekt und einen ruhigen Spieltag erleben.

Autorin: Olivia Fritz
Redaktion: Wolfgang van Kann

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