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Kultur

"Die Politik benutzt heute die Religion"

Für mehr Verständnis zwischen den Religionen wird auch an iranischen Universitäten geworben. Dialog-Institute wollen durch ihre Arbeit Christen und Muslime auf ihre Gemeinsamkeiten aufmerksam machen.

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Seit einigen Jahren gibt es zwischen Teheran und dem Vatikan offizielle Gespräche. Doch auch darüber hinaus wächst im Iran das Interesse an einem Austausch zwischen den Religionen. Selbst an der als konservativ geltenden Universität der heiligen Stadt Qom, 100 Kilometer südlich von Teheran, existiert inzwischen ein Institut für religiöse Studien. "Wir versuchen zwischen den Religionen einen konkreten Austausch zu praktizieren", sagt dessen Leiter Ayatolla Mefta. "Dabei interessiert uns besonders das Christentum, und wir wünschen uns nichts mehr, als dass Christen ein vergleichbares Interesse an der Erforschung Persiens und des Islam entwickeln."

In der Institutsbibliothek findet man zahllose Texte nichtmuslimischer Autoren, die ins Persische übertragen wurden, um sie den Studenten im Iran zugänglich zu machen. Schriften des katholischen Theologen und Kirchenkritikers Hans Küng gehören ebenso dazu wie Luthers 95 Thesen oder der Weltkatechismus der katholischen Kirche. Das Angebot wird von einer wachsenden Zahl an Studenten wahrgenommen - derzeit sind es rund 150: "Es wäre schön, wenn in Zukunft auch ausländische Gastprofessoren zu uns kämen oder Studenten von uns nach Europa gehen könnten, um ihr Wissen zu vertiefen," sagt Mefta. "Wir hoffen, durch den Austausch mit den anderen Religionen Missverständnisse und das schlechte Bild, das die Welt vom Islam hat, beseitigen zu können."

Wer repräsentiert?

Shahram Pazouki unterrichtet an der Teheraner Universität Philosophie und legt dabei einen Schwerpunkt auf die Mystik als Brücke zwischen den Religionen. Das Christentum sei die Religion, die dem Islam am nächsten steht. "Wir müssen einander direkt kennen lernen und nicht durch die Zungen der Politiker", sagt Pazouki. "Leute wie Bin Laden sind meiner Ansicht nach keine Repräsentanten des Islam, auch nicht andere Politiker, die so sind wie er. Wir sollten heute mehr auf unsere Theologen und Philosophen hören als auf die Politiker."

Appell an die Eliten

Dialog will auch das Institut für interreligiösen Dialog im Norden Teherans. Die Einrichtung, die von den Vereinten Nationen als Nicht-Regierungs-Organisation anerkannt ist, wurde von Mohammad Ali Abtahi gegründet, dem früheren Stellvertreter des iranischen Staatspräsidenten Khatami. "Als intellektuelle Elite müssen wir in unserem Land religiöse Toleranz vermitteln. Das ist ganz entscheidend. Die Verbindung von Politik und Religion ist immer etwas Problematisches. Deshalb möchten wir vor allem den jungen Leuten im Iran klar machen, dass alle Religionen einen Weg zu Gott suchen, nicht nur unsere eigene."

Das Institut verfügt über eine internationale Bibliothek, gibt ein Monatsmagazin heraus und veranstaltet Seminare, bei denen sich Vertreter aller Glaubensrichtungen begegnen. Darüber hinaus ist Mohammad Abtahi bemüht, interreligiöse Kontakte rund um den Globus auszubauen, um die Spannungen zwischen christlicher und islamischer Welt zu verringern. "Muslime und Christen wissen zu wenig voneinander. Würden wir uns besser kennen, könnten wir in Frieden miteinander leben", sagt Abtahi. "Denn zwischen uns steht kein religiöses Problem. Es sind die Politiker, die zwischen uns stehen und uns gegeneinander ausspielen. Die Politik benutzt heute die Religion."

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