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Bücher

Die poetische Stimme Palästinas

Mahmoud Darwisch hat über Jahrzehnte den Kampf der Palästinenser begleitet - und auch selbst mitgekämpft. Die Werke des einstigen Kulturchefs der PLO sind nun auch für das deutschsprachige Publikum zu haben.

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Mahmoud Darwisch in seinem Büro in Ramallah

"Setz ab hier und jetzt von den Schultern Deine Bahre
Gibt Deinem Leben Gelegenheit, die Geschichte
Zu korrigieren."

Der palästinensische Lyriker Mahmoud Darwisch, der in jungen Jahren als "Widerstandsdichter" galt und der heute zu den bedeutendsten arabischen Dichtern zählt, hat künstlerisch, menschlich, politisch und körperlich alle denkbaren Höhen und Tiefen erlebt.

Mit 63 Jahren, nach einer lebensbedrohlichen Herzkrankheit und angesichts der Tatsache, dass sein Volk nach jahrzehntelangem Kampf immer noch keinen eigenen Staat hat, hat Darwisch mit seinem Gedichtzyklus "Entschuldige Dich nicht für Getanes" eine persönliche und politische Standortbestimmung unternommen.

Dass eine kleine Auswahl aus diesem Gedichtband diesmal schon wenige Monate nach Erscheinen des arabischen Originals in deutscher Übertragung vorliegt, ist dem syrischstämmigen Übersetzer Adel Karasholi aus Leipzig zu verdanken. Karasholi, selbst Lyriker und Chamisso-Preisträger, hat unter dem Titel "Wo Du warst und wo Du bist" auch Gedichte aus drei früheren Sammlungen seines Freundes Darwisch teils neu, teils zum ersten Mal, ins Deutsche übertragen.

Damit erhält das deutschsprachige Publikum nicht nur Zugang zu bislang unbekannten Werken von Darwisch, sondern auch die Möglichkeit, das jüngere Schaffen des palästinensischen Dichters im Zusammenhang nachzuvollziehen.

Enttäuschung über Oslo-Abkommen

Bildgalerie Arafat Handschlag zum Oslo-Abkommen

Handschlag zwischen Rabin und Arafat: das Osloer Abkommen

In den lyrisch anspruchsvollen, bilderstarken Versen von "Warum hast Du das Pferd alleingelassen?" hat Darwisch sein politisches Engagement der frühen Jahre scheinbar hinter sich gelassen. Doch der sich andeutende poetische Rückzug auf das eigene Ich, das sprachlich facettenreiche Spiel mit dem Selbst und dem Anderen, spiegelt auch Darwischs tiefe Enttäuschung über das Abkommen zwischen der PLO und Israel in Oslo von 1993 wieder.

Die Konzessionen von Yassir Arafat hatten den Dichter seinerzeit veranlasst, seinen langjährigen Posten als Kulturchef der PLO abzugeben und den palästinensischen Nationalkongress zu verlassen. Einige Verse scheinen darauf anzuspielen:

Ich sehe alte Propheten
Wie sie barfüßig gen Jerusalem hinaufsteigen
Und frage: Gibt es keinen neuen Propheten
Für unsere neue Zeit?

Vier Jahre später ist Darwisch heiterer, entspannter. Er lebt jetzt - ironischerweise dank der Oslo-Vereinbarungen - in Ramallah im Westjordanland, und ist damit nach über 20 Jahren erzwungenem Exil der verlorenen Heimat zumindest ein Stück näher gekommen.

Mit "Belagerungszustand" meldet sich Darwisch Anfang 2002 als politischer Dichter zurück. Die Texte entstanden während der monatelangen Belagerung Ramallahs und des Hauptquartiers von Präsident Yassir Arafat im Frühjahr 2001, in deren Verlauf Darwischs Arbeitsplatz, das Sakakini-Kulturzentrum in Ramallah, beschossen und sein Büro von israelischen Soldaten verwüstet wurde.

"Belagerungszustand" offenbart Darwischs Verbitterung über Israels Unwillen, wirklich Frieden mit den Palästinensern zu schließen, aber auch über westliche Regierungen, die der gewaltsamen Vertreibung der Palästinenser tatenlos zuschauen, und gleichzeitig behaupten, die Araber seien von sich aus zu Demokratie und Fortschritt nicht fähig.

Lesen Sie weiter: Der Arabist und Übersetzer Stefan Milich über Mahmoud Darwisch

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