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Wirtschaft

Die Phantom-Banknote

Ein Besuch am Berliner Sitz der bundeseigenen KfW-Bank birgt Überraschungen. Denn dort im Keller lagert ein Schatz der jüngsten deutsch-deutschen Geschichte, der erst jetzt das Licht der Welt erblickt.

Etwas unheimlich war ihr doch zumute, als sie mit einer großen Papiertüte voller Geldscheine durch die Sicherheitskontrolle am Frankfurter Flughafen ging. Lysann Goldbach lacht, als sie die Geschichte erzählt. Eine Million in Geldscheinen, das Flughafenpersonal vermutete Geldschmuggel. Die 36-Jährige versuchte zu erklären, wurde aber skeptisch beäugt. Erst als eine ältere Sicherheitsangestellte dazukam, glaubte man ihr. "Ja, das sind DDR-Mark", bestätigte diese. Also doch kein Schmuggelverdacht.

Lysann Goldbach (Foto: KfW)

Lysann Goldbach

Goldbach arbeitet bei der staatlichen KfW-Bank, die früher Kreditanstalt für Wiederaufbau hieß. Sie ist Leiterin des historischen Konzernarchivs. Dazu gehören auch die Hinterlassenschaften der ehemaligen Staatsbank der DDR. Die hatte im Tresor frisch gedruckte 200- und 500-Mark-Scheine. In Umlauf kamen diese Scheine nie. Eine Banknote, die ein Monatsgehalt wert ist, das schien der DDR-Führung dann doch unangemessen. Überraschenderweise tauchten die Scheine Jahre nach dem Fall der Mauer an verschiedenen Orten in Deutschland auf. Woher sie kamen? Sie müssen gestohlen worden sein.

Große Geldscheine, ein Erdversteck - und ein Einbruch?

In Frankfurt am Main beschlagnahmte die Polizei DDR-Mark in der 500er- und 200er-Stückelung. Die Scheine wurden von der Staatsanwaltschaft an die KfW übergeben. Die DDR-Banknoten konnten nur durch einen "Einbruch" auf den Markt gelangt sein, ist Lysann Goldbach überzeugt. Details kenne sie nicht, betont die Archivarin, habe sich aber sehr über die nagelneuen Scheine gefreut.

Das gesamte Papiergeld der DDR war als Folge der Währungsunion in den Jahren 1990 und 1991 in zwei Sandsteinstollen bei Halberstadt (Sachsen-Anhalt) eingelagert worden. Dort sollte es verrotten. Durch die Fusion mit der Staatsbank wurde die KfW 1994 Eigentümerin des Geldes und glaubte es in Sicherheit. Doch dann tauchten immer wieder Scheine auf, die es eigentlich nicht geben durfte. Diebe hatten sich Zugang zum Stollen verschafft. In einer aufwendigen Aktion ließ die KfW deshalb im März 2002 die Scheine wieder aus dem Stollen holen und endgültig vernichten. Zumindest glaubte sie das. Doch noch immer tauchen 200er- und 500er-DDR-Banknoten auf. So wie in Frankfurt. Angeblich zahlen Händler pro Schein 15 Euro.

Die beschlagnahmten DDR-Millionen aus Frankfurt sind direkt ins Archiv gewandert. Jetzt lagern die Scheine wieder im Tresor in Berlin an "einem der schönsten Orte der Hauptstadt", sagt die Leiterin des KfW-Archivs und betont: "Wir können mit unserem Standort ein wenig angeben."

Gebäude der ehemaligen DDR-Staatsbank (Foto: KfW)

Früher: DDR-Staatsbank - heute: KfW

Deutschlands Wall Street

In der Nähe des Boulevards Unter den Linden, in der Charlottenstraße, direkt am Gendarmenmarkt, hat die KfW-Bankengruppe ihren Berliner Sitz. Einst war hier die Wall Street Deutschlands. Über 170 Banken wurden 1914 in der unmittelbaren Umgebung gezählt. Das imposanteste Gebäude aber war der vom Architekten Alfred Messel entworfene Banksitz für die Berliner Handelsgesellschaft, die vom Bankier Carl Fürstenberg geleitet wurde.

Der saß damals in 40 Aufsichtsräten, von Siemens bis zu AEG. Fürstenberg sparte an nichts und verbaute allein für den zweiten Bauabschnitt 2,6 Millionen Reichsmark. 1900 fertiggestellt, folgten Erweiterungsbauten. 1933 musste Fürstenberg mit seiner Familie vor den Nazis fliehen. Im zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude teilweise zerstört. 1945 kam die Rote Armee und beschlagnahmte alles. Später zog hier die Staatsbank der DDR ein. Sie war zuständig für die Banknotenausgabe und direkt der Regierung unterstellt.

Ein Auto aus DDR-Münzen

Im Tresor lagern noch heute Entwürfe für DDR-Noten. Goldbach zeigt graphische Einreichungen, die nicht mehr umgesetzt wurden, weil es 1990 zur Vereinigung beider deutschen Staaten kam und die westdeutsche D-Mark für ganz Deutschland alleiniges Zahlungsmittel wurde.

"Schauen Sie mal hier, diese Aluchips wurden an die Autoindustrie verkauft, eingeschmolzen und wieder verwertet. Autoteile wurden wahrscheinlich aus alten DDR-Münzen hergestellt." Goldbach zwinkert, als sie das erzählt, dann wühlt sie in einer Kiste mit Kleingeld aus DDR- Zeiten. Die Münzen wirken wie Spielgeld. Dann erzählt Goldbach aus der deutsch-deutschen Geschichte. "Hier haben am letztmöglichen Umtauschtag Vertreter von Kombinaten und volkseigenen Betrieben im Kassensaal Schlange gestanden, um ihre Restbestände an DDR-Geld umzutauschen."

Koreaner wollen mehr wissen

Mittlerweile zählt die KfW pro Jahr rund 250 Zugriffe auf das Archiv. Zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls haben die Anfragen noch einmal zugenommen. Besonders häufig kommen Besucher aus Korea. "Wie war das damals mit der Währungsunion?", wollen sie wissen und staunen über die gut erhaltenen Banknoten. Schließlich wünschen sich alle einen Rundgang durch das Gebäude. Die KfW-Bankengruppe hat das Haus aufwendig restauriert und saniert.

Martina Köchling, Abteilungsdirektorin der KfW und ehemalige Leiterin des Vorstandssekretariats in Berlin, erinnert sich mit Stolz: "Die KfW hat im Zuge der Fusion mit der Staatsbank Berlin Verantwortung sowohl für deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als auch für das historisch und architektonisch bedeutsame Gebäude im Herzen Berlins übernommen." Alle Mitarbeiter der Staatsbank seien übernommen worden, und das denkmalgeschützte Gebäude angemessen saniert worden.

Schilderwechsel (Foto: KfW)

Schilderwechsel

Dienststelle der Volkspolizei

Damit wird die Geschichte des historischen Gebäudes bewahrt. Lysann Goldbach ist besonders stolz auf das Ahornzimmer. Eine wunderschöne, fast vollständig erhaltene Holzvertäfelung und ein riesiger herrschaftlicher Kamin geben dem Raum zusammen mit der Deckenhöhe von mehr als sechs Metern eine imposante Ausstrahlung.

Ein repräsentativer Empfangsraum für die vermögenden Kunden der damaligen Berliner Handelsgesellschaft. Kaum vorstellbar, das zu DDR-Zeiten genau hier die Volkspolizei ihre Dienststelle hatte. Der Boden war mit PVC ausgelegt, die hohen Decken abgehängt. Lysann Goldbach zeigt alte Fotos aus den 1980er Jahren, auf denen Volkspolizisten in die Kamera schauen.

Der Mauerfall

Die Archivwissenschaftlerin hat in Potsdam studiert und begeistert sich für Wirtschaftsgeschichte. Am 9. November 1989 war sie elf Jahre alt. Wie hat sie den Mauerfall erlebt? "Wie waren in der Klasse am Tag nach dem Mauerfall nur fünf Schüler, alle anderen haben sich den Westen angeschaut. Ich durfte nicht, weil meine Eltern erst allein gehen wollten. Das erschien ihnen sicherer", erzählt sie und lacht. Ihre Arbeit macht ihr sichtlich Spaß. Schließlich nimmt sie die 500er- und 200er-Banknoten, packt sie wieder in die Papiertüte und schließt den Tresor. Die Schätze aus DDR Zeiten sind bei ihr gut aufgehoben.

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