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Geschichte

Die Ost-West-Karrieren der Katrin Sass

Der Fall der Mauer stürzte viele Ost-Schauspieler in eine Krise. Auch die Schauspielerin Katrin Sass. Jahrelang bekam sie keine Aufträge. Dann kamen die Filme "Heidi M." und "Good bye, Lenin" - und sie war wieder da.

Die Schauspielerin Katrin Sass klatscht am 31. August 2010 in Berlin vor der Preview des ARD-Films Weissensee in die Hände (Foto: dpa)

Im Februar des Jahres 1982 stand eine junge Frau auf der Bühne des Westberliner Zoo-Palastes und weinte. Sie hieß Katrin Sass, war 25 Jahre alt und Bürgerin der DDR. Dies war ihr erster Aufenthalt im Westen. Und nun wurde sie hier gefeiert – die Jury der Internationalen Filmfestspiele Berlin hatte sie soeben mit einem Silbernen Bären für ihre Rolle in dem Film "Bürgschaft für ein Jahr" ausgezeichnet.

Prädikat: harmlos

Katrin Sass und Moritz Bleibtreu mit dem Deutschen Filmpreis

Und wieder ein Darstellerpreis: 2001 erhielt Katrin Sass (hier neben Moritz Bleibtreu) den Deutschen Filmpreis

Die Sicherheitsbehörden der DDR, sagt Katrin Sass heute, hätten sich damals nicht die Blöße geben können, den Film in den Westen zu schicken und die Hauptdarstellerin aus Sicherheitsgründen zu Hause zu lassen. Und wie sie später in ihrer Stasi-Akte lesen konnte, hatten einige Inoffizielle Mitarbeiter ausgesagt, dass sie harmlos sei und zurückkommen werde: "Die braucht ihre Heimat. Die ist manchmal laut, die randaliert, die will provozieren, aber eigentlich liebt sie ihre Heimat", zitiert sie und ergänzt: " Und die Heimat habe ich auch geliebt. Und mein Land habe ich auch geliebt. Dreißig Jahre. Aber nicht dieses System!"

Katrin Sass wurde 1956 in der mecklenburgischen Stadt Schwerin geboren und wuchs auch dort auf. Ihre Mutter war Schauspielerin an der Niederdeutschen Bühne des Mecklenburgischen Staatstheaters, den Vater beschrieb sie einmal als einen, "der dafür sorgt, dass die Familie glücklich ist, der kocht und macht und tut". Sie selber wusste früh, was sie einmal machen und tun wollte – schauspielern, wie die Mutter, in andere Rollen hineinschlüpfen, etwas "rüberbringen".

Traumberuf Schauspielerin

Schauspieler, sagt Katrin Sass, hätten damals so ihre Nischen gehabt. Man traf sich abends, saß zusammen, trank und redete. Man hatte einen eigenen Rhythmus. "Wir haben versucht, auch Stücke zu spielen, zu inszenieren, wo zwischen den Zeilen Dinge gesagt wurden. Und wenn die es nicht gemerkt haben, die Genossen, dann waren wir natürlich glücklich". Das hätten andere nicht erlebt, sagt Katrin Sass. Aber dafür hätten sie auch nicht diese Berührungen mit dem Staat und der Staatssicherheit gehabt.

Katrin Sass im Mai 2009 (Foto: ZB)

Katrin Sass im Mai 2009

Als Kind hat die Sass gerne mal krank gespielt, vor allem, wenn Russisch oder Sport auf dem Stundenplan standen. Bis zur zehnten Klasse ist sie damit durchgekommen, dann musste erstmal fürs Leben gelernt werden – Telefonistin, ein ordentlicher Beruf. Erst danach durfte sie sich an der Schauspielschule bewerben, in Rostock wurde sie angenommen. Fortan schien alles bestens zu laufen: Filmdebüt mit 21, erste Theatererfolge in Frankfurt/Oder, viele Freunde, tolle Feste und 1982 der Silberne Bär für ihre ungeschönte Darstellung einer überforderten alleinerziehenden Mutter in Herrmann Zschoches Drama "Bürgschaft für ein Jahr".

Kaltgestellt

Allerdings blieben nach dem Erfolg beim Klassenfeind daheim in der DDR neue Rollenangebote vom Film aus. Katrin Sass war auf Eis gelegt worden. Ganze zwei Jahre lang, damit sie keine Starallüren entwickelte. Sie wäre schwanger, hieß es zunächst, dann war die Rede von einem Ausreiseantrag, den sie gestellt haben sollte. Schließlich durfte sie dann doch den nächsten Film machen. Die Hintergründe erfuhr die Schauspielerin erst nach der Wende.

Erfolgreich auf der Bühne und beim Film

Katrin Sass als leidenschaftliche Sozialistin in dem Film Good Bye, Lenin (Foto: dpa)

Katrin Sass als leidenschaftliche Sozialistin in dem Film "Good Bye, Lenin"

Wenn sie damals schon gewusst hätte, was für ein Spiel die Staatssicherheit mit ihr spielte, hätte Katrin Sass die DDR vielleicht verlassen. Aber sie hat nichts geahnt und in der DDR eine schöne Karriere gemacht – als Charakterdarstellerin am Theater in Halle unter Peter Sodann, später am Schauspielhaus in Leipzig und nach der Zwangspause dann auch wieder auf der Leinwand. Mit der politischen Wende 1989 kam schließlich jene Freiheit, nach der die Sass sich immer gesehnt hatte. Überglücklich kündigte sie ihr Engagement am Theater begab sich auf den freien Markt. Naiv sei sie damals gewesen, sagt sie, und habe gedacht, dass jetzt Angebote aus verschiedenen Ländern auf sie zukommen würden. Schließlich war sie doch mal mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet worden. "Aber es kam nichts. Es lief andersrum".

Einbruch und Absturz

Anderthalb Jahre lang hat Katrin Sass von Arbeitslosengeld gelebt. Dann erst kam ein Angebot, ein Film, noch von einem Ostregisseur. Nach einer weiteren langen Flaute durfte sie in der Krimi-Serie "Tatort" zwei Sätze sagen, dann war wieder Flaute. Lange. Bis zum nächsten "Tatort", diesmal mit sechs Sätzen. Aber schließlich kam ein Angebot vom ORB: die Kommissarin im "Polizeiruf 110". Ein paar Folgen drehte Katrin Sass ab, dann flog sie raus. Weil sie getrunken hat. Sie war krank, jahrelang, und ganz, ganz unten.

Wieder da

Mit Daniel Brühl nach der Vorstellung von 'Good bye, Lenin bei der 53. Berlinale (Foto: AP)

Mit Daniel Brühl nach der Vorstellung von '"Good bye, Lenin" bei der 53. Berlinale

Schläge und Niederschläge habe es in ihrem Leben immer wieder gegeben, sagt Kathrin Sass. Daran habe sie sich gewöhnt. Aber wieder hoch gekommen ist sie immer - auch nach der ganz großen Krise. Zuerst 2001 mit dem außergewöhnlichen Frauenportrait "Heidi M." und zwei Jahre später mit "Good Bye, Lenin", diesem Welterfolg, in dem sie zusammen mit Daniel Brühl die DDR zu Grabe getragen hat. Preise hat Katrin Sass erhalten und neue Angebote, bis heute. Und sie ist sich dabei treu geblieben – in ihrem Anspruch an die Rollen, die sie spielt. Und in ihrem Selbstverständnis als Schauspielerin. Sich selber vermarkten kann sie bis heute nicht. Und wenn ein Film abgedreht ist, dann gönnt sie sich eine Auszeit. So, wie sie das damals in der DDR gemacht hat. Und dann fühlt sie sich wieder frei.

Autorin: Silke Bartlick

Redaktion: Dеnnis Stutе