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Geschichte

Die Ost-Illustrierte

Was unterscheidet die Menschen heute in Ost und West? Wie sieht sie aus, die typisch ostdeutsche Mentalität? Besuch bei einem, der es wissen muss: Jochen Wolff leitet Ostdeutschlands beliebteste Zeitschrift.

Titelbilder der Super-Illu von 1990 bis 2010 (Bilder: Super-Illu, Montage: DW)

Titelbilder der Super-Illu von 1990 bis 2010

Deutschland war noch geteilt, die Mauer aber schon gefallen. Hunderttausende Ostdeutsche strömten in Richtung Westen, um dort ihr Glück zu versuchen, da machte sich Jochen Wolff auf nach Ostberlin, um eine Illustrierte für den Osten zu gründen. Die Idee: "Die Ostdeutschen hatten ganz andere Fragen, ganz andere Themen, ganz andere Probleme. Sie brauchten jemanden, der ihnen hilft auf dem Weg in die Wiedervereinigung. Und da ist die Idee entstanden, eine eigene Zeitschrift zu gründen", erinnert er sich.

Keiner will sich sagen lassen, dass 40 Jahre für die Katz waren

Titelbild der Zeitschrift Super-Illu (Foto: Super-Illu)

Titelbild der Zeitschrift Super-Illu

Eine große westdeutsche Zeitung nannte Wolff kürzlich den "Herrn über die ostdeutschen Seelen", denn keine andere Zeitschrift erreicht so viele Menschen in Ostdeutschland wie die "Super-Illu". Jede Woche lesen nach Angaben des Verlags 3,7 Millionen Ostdeutsche die Zeitschrift, mehr als die großen westdeutschen Magazine Spiegel, Stern, Focus und Bunte zusammen. Kein Politiker, der im Osten gewählt werden will, kann es sich heute leisten, die Super-Illu zu ignorieren. Auf einer Wand in den Redaktionsräumen sind die Bilder sämtlicher Spitzenpolitiker der Republik beim Redaktionsbesuch nebeneinander aufgereiht: Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, Kanzlerin Angela Merkel, der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, der Linken-Fraktionschef Gregor Gysi. Die Super-Illu wollte von Anfang an die ganze Gesellschaft im Osten ansprechen, von ehemaligen Parteifunktionären bis zu Stasi-Opfern. "Letzten Endes hatte ich manchmal das Gefühl, dass diese allgemeine Verurteilung des DDR-Staates am Schluss sogar die Bürgerrechtler und die Parteimitglieder zusammengeschweißt hat", sagt Wolff. "Keiner will sich sagen lassen, dass jetzt vierzig Jahre für die Katz waren – zurecht nicht." Die Gratwanderung habe für die Zeitschrift darin bestanden, Respekt vor dem Alltag der Menschen zu haben und trotzdem keine Schönfärberei zu betreiben.

Eines der Herzstücke jeder Ausgabe sind nach wie vor die Ratgeberseiten. Christiane Fenske hat ihren Schreibtisch ziemlich genau in der Mitte des Großraumbüros, in dem die Redaktion arbeitet. "Salopp gesagt bin ich die Kummerkastentante der Zeitschrift", sagt sie. Sie und ihre Kollegin bearbeiten Leserbriefe und vermitteln zwischen den Lesern, Arbeitgebern und Behörden. Ihre Kollegin Ulrike Ravenhorst war von Anfang an dabei. "Man musste alle Basics erklären, vom Bürgerlichen Gesetzbuch über das Mietrecht und das Arbeitsrecht. Es war alles anders, als die Leute das kannten und sie standen hilflos davor. Heute unterscheiden sich die Probleme nicht mehr von denen der Westdeutschen: Ärger mit dem Vermieter, mit dem Arbeitgeber, mit Behörden. Vor ihr liegt der Brief einer Leserin, die wissen will, wie sie das Geld für Überstunden einklagen kann.

Keine Wasserstandsmeldungen aus den Adelshäusern

Im Westen wurde die Super-Illu belächelt als Zeitschrift, die den ostdeutschen Nachholbedarf an Tratsch und auch an ein bisschen Erotik abdeckte. Jede Woche druckte die Super-Illu ein allenfalls spärlich bekleidetes "Girl der Woche" ab. Inzwischen sind die Nacktbilder verschwunden. Und auch die Klatschgeschichten kommen nicht besonders voyeuristisch daher. Wenn die schwedische Kronprinzessin heirate, wolle auch sein Publikum die Bilder sehen, sagt Chefredakteur Wolff. "Aber jede Woche die neusten Wasserstandsmeldungen aus den Adelshäusern, das kommt hier nicht gut an."

Jochen Wolff (Foto: Super-Illu)

Jochen Wolff, Chefredakteur der Super-Illu

Das Leben der Superreichen, die Eskapaden von millionenschweren Sport-Stars wie Michael Schumacher, eigentlich das Kerngeschäft von Illustrierten, kommt bei den ostdeutschen Lesern nicht an. Die Personality-Geschichten in der Super-Illu drehen sich oft um Promis, die die Leser noch aus der DDR-Zeit kennen. Wolff nennt den Schauspieler Wolfgang Stumph als Beispiel: "Der lebt immer noch der wie vor zwanzig Jahren in Dresden lebt und ist immer noch mit derselben Frau verheiratet. Er feierte auch gerne mal, geht auf Partys, aber er hat einen nachvollziehbaren Lebensstil hat und schippert jetzt nicht plötzlich mit einer Jacht rum. Die Menschen lieben das Bodenständige."

Und so bleibt die Super-Illu auch bei Kochrezepten oder Reisetipps ziemlich bodenständig. Zum zwanzigjährigen Jubiläum druckte sie eine Serie über die schönsten Regionen Ostdeutschlands. Titel: Unsere schöne Heimat.

Autor: Mathias Bölinger

Redaktion: Dеnnis Stutе

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