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Kultur

Die Opferzahl nimmt zu - die Wut auch

Nach dem Erdbeben in Algerien ist die Zahl der Todesopfer auf über 2000 gestiegen. Staatschef Abdelaziz Bouteflika gerät wegen der Kritik am schlechten Krisenmanagement der Regierung zunehmend unter Druck.

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Katastrophenmanagement mangelhaft?

Nach dem schweren Erdbeben im Norden Algeriens am Mittwoch (21. Mai 2003) mit mehr als 2000 Todesopfern gerät Staatschef Abdelaziz Bouteflika zunehmend unter Druck. In der algerischen Sonntagspresse (25. Mai 2003) wurde Bouteflika in mehreren Berichten wegen des unzureichenden Krisenmanagements der Behörden zum Rücktritt aufgefordert. Die Zahl der Todesopfer stieg nach offiziellen Angaben unterdessen auf mehr als 2000. Angesichts der einsetzenden Hitzewelle wuchs im Katastrophengebiet die Gefahr von Seuchen.

"Machthaber, Killer"

Einige Zeitungskommentatoren erinnerten Bouteflika an sein Versprechen vor der Wahl 1999, "nach Hause" zu gehen, wenn seine Dienste nicht länger erwünscht seien. Wie gewohnt werde die Regierung die Warnungen der Bevölkerung missachten, schrieb die Tageszeitung "Le Matin". Am Samstag (24. Mai 2003) hatte der Staatschef seinen Besuch in der vom Beben besonders stark getroffenen Stadt Boumerdes abbrechen müssen, weil ihn wütende Bewohner mit Steinen bewarfen. "Machthaber, Killer" sollen Demonstranten laut Agenturangaben gerufen haben.

Die notleidenden Menschen in der Katastrophenregion werfen der Regierung vor, völlig unzureichend auf das Erdeben reagiert zu haben. Zehntausende warteten weiterhin verzweifelt auf Hilfslieferungen mit dringend benötigten Decken, Zelten, Medikamenten und Nahrungsmitteln. In Zeitungsberichten machten Überlebende die Korruption in der algerischen Bauwirtschaft und Verwaltung dafür verantwortlich, dass zahllose Bauten mit erheblichen Mängeln behaftet waren und wie Kartenhäuser in sich zusammenfielen.

Regierung räumt mögliche Mängel ein

Außenminister Abdelaziz Belkhadem verteidigte das Vorgehen der Behörden. Die Regierung habe "schnell reagiert", angesichts der Notlage der Menschen seien die Proteste aber verständlich. Regierungschef Ahmed Ouyahia räumte mögliche Mängel bei den Vorgaben für die Sicherheitsnormen ein und kündigte entsprechende Gesetzesinitiativen an. Angehörige sollten eine Entschädigung von 70.000 Dinar (rund 7500 Euro) je Opfer erhalten. Die Betroffenen schenkten der Ankündigung aus Algier allerdings wenig Glauben. Die USA schickten 6000 Decken, 600 Zelte und Medikamente für 30.000 Menschen in die Region. Die kanadische Regierung stellte 125.000 Euro als Nothilfe bereit.

Nach Angaben des algerischen Innenministeriums vom Sonntagmorgen wurden bislang 2047 Menschen tot geborgen. Die Zahl der Verletzten wurde mit mindestens 8626 angegeben. Die meisten Opfer wurden in der Provinz Boumerdes und in der Hauptstadtregion Algier gezählt. Noch am Samstag, drei Tage nach dem verheerenden Erdbeben, waren Verschüttete lebend geborgen worden. In der Küstenstadt Boumerdes bargen die Rettungskräfte wie durch ein Wunder eine Frau und ihr Baby wohlbehalten aus den Trümmern. Rettungskräfte aus Österreich und Polen befreiten ein zehnjähriges Mädchen.

Gefahr durch Krankheiten droht

Die Hoffnungen, noch viele weitere Überlebende bergen zu können, sanken am Wochenende jedoch. Bagger und Baukräne begannen damit, den Schutt der eingestürzten Häuser zu räumen, was die Überlebenschancen für womöglich noch eingeschlossene Menschen auf ein Minimum reduzierte. Mit dem Einsetzen der Hitzewelle und Hunderten noch unter den Trümmern liegenden Leichen bestehe ein erhebliches Risiko, dass sich gefährliche Krankheiten ausbreiteten, warnte der staatliche Rundfunk. Krankheitsgefahr entsteht nach solchen Erdbeben durch den Zusammenbruch der Ver- und Entsorgungssysteme und den Mangel an Wasser, Nahrung sowie Hygiene. Fäkalienversuchtes Wasser, die Schwächung der Menschen und das dichte Zusammenleben in Notunterkünften schaffen ideale Bedingungen für Krankheitskeime.

In Algier und Umgebung wurden am Freitag und Samstag mehr als hundert Nachbeben registriert, eines davon am Samstagabend mit der Stärke 4,1 auf der Richterskala, wie das algerische Forschungszentrums für Astronomie und Astrophysik mitteilte. Das Beben am Mittwochabend hatte eine Stärke von 6,3 erreicht. (kap)

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