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Kultur

Die Olympiade der Videospiele

Bei den fünften "World Cyber Games" in Singapur misst sich die Weltspitze der Videospieler vier Tage lang in acht Disziplinen. Für Veranstalter wie Teilnehmer ist das keine Spielerei, sondern elektronischer Sport.

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700 Zocker aus 67 Ländern spielen um Gold und Geld

Mädchen, die kreischen, Kameras und Blitzlichtgewitter – in Singapur wird Michael Oprée von Fans und Medien umringt. "Das ist wie bei den Rolling Stones", sagt der 19-Jährige aus Würselen an der deutsch-holländischen Grenze. Nur ist Oprée kein Rockstar, sondern einer der besten Deutschen im Videospiel "FIFA Soccer 2005". Zuhause spreche man ihn zwar auch schon mal in der S-Bahn an, sagt er, "aber dass ein Mädchen fast in Ohnmacht fällt, wenn ich für ein Foto den Arm um sie lege, das ist mir dort noch nie passiert".

"Die Word Cyber Games sind die Olympiade der Videospiele", sagt Thomas von Treichel, der Turnier-Hauptverantwortliche für Deutschland.

Eröffnung der World Cyber Games 2005 in Shanghai

Bunt und effektvoll: die Eröffnungsfeier der World Cyber Games

In der Eröffnungszeremonie am Mittwoch (16.11.) marschierten Fahnenträger der 67 teilnehmenden Nationen ein, und ein Spieler schwor den Eid der Fairness. Am Donnerstag und Freitag werden Gruppenspiele ausgetragen, bis Sonntag folgen die Finalrunden im K.O.-Modus. Währenddessen soll ein Rahmenprogramm aus Sport- und Kulturveranstaltungen die World Cyber Games zum Videospiel-Festival machen. Mehr als eine Million Zocker weltweit wollten nach Singapur, jedoch nur 700 von ihnen qualifizierten sich über nationale Vorausscheidungen für das Finalturnier.

Sport und Sponsoren

Michael Oprée sucht bei den Duellen im Messezentrum "Suntec City" mehr als nur Spaß. Für den ersten Platz beim virtuellen Fußball gibt es die Goldmedaille und 20.000 US-Dollar. Weitere Disziplinen sind z.B. das Strategiespiel “Warcraft“ oder der Shooter “Counter-Strike“. Insgesamt haben die Preise einen Wert von mehr als 400.000 Dollar.

Die Gaming Area

Keiner kann manipulieren, die Rechner werden gestellt

Die Finanzierung der World Cyber Games läuft ausschließlich über Sponsoren, die gezielt Videospieler bewerben wollen. "Teilnehmer und Zuschauer der WCG sind hauptsächlich 'early adopters', die neue Technologien vor anderen akzeptieren und Meinungsführer in der Computerbranche sind", schreibt das koreanische Elektronikunternehmen Samsung Electronics, Hauptsponsor der World Cyber Games.

In Korea ist Videospielen schon lange als Sportart anerkannt. Zwei Fernsehsender zeigen rund um die Uhr elektronischen Sport (eSport), Finalpartien werden vor tausenden Zuschauern ausgetragen und hoch bezahlte Profis haben den Status von Popstars. So stellt Korea bei den World Cyber Games auch das größte Team. Die deutsche Nationalmannschaft ist mit 23 Sportlern immerhin die zweitgrößte im Spielerdorf, doch bei Popularität und Finanzierung liegt der deutsche eSport weit hinter dem koreanischen. Michael Oprées höchstes Preisgeld waren 4.000 Euro für den Mannschaftssieg in Deutschlands größter Online-Liga, der Electronic Sports League mit knapp 500.000 registrierten Nutzern. Von den Sponsoren seines Teams “Mortal Teamwork“ – dort spielt er unter dem Spitznamen Chocoyote – bekommt er vor allem Hardware, Reisekosten und kleinere Geldbeträge.

Ein ganz normaler Zocker

Michael Oprée

Im Wettbewerb braucht Michael Oprée höchste Konzentration

Um so weit zu kommen, musste Oprée viel trainieren. Für gewöhnlich spielt der Abiturient ein bis drei Stunden am Tag “FIFA Soccer“, vor Turnieren bis zu fünf Stunden. Und auch sein echtes Leben dreht sich ums runde Leder: Unter der Woche trainiert er drei Mal bei seinem Fußballverein "Rhenania Würselen", an den Wochenenden ist er dort Innenverteidiger oder schaut sich die Spiele seiner Lieblingsmannschaften Borussia Dortmund und Alemannia Aachen an. Oft bleibe so an Wochenenden wenig Zeit für die Freundin, sagt Oprée, aber die habe sich mittlerweile daran gewöhnt: “Wenn ich sie nach dem Turnier zum Essen einlade, ist es in Ordnung“. Dass Videospieler als schüchterne Einzelgänger gelten, versteht Oprée nicht. „Ich habe ein Leben wie jeder andere und gehe zum Lachen auch nicht in den Keller“.

Statistisch gesehen ist Oprée ein durchschnittlicher Computerspieler. Nach einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung sind 82 Prozent der Zocker männlich und 60 Prozent jünger als 20 Jahre. Beim eSport seien diese Tendenzen noch stärker, meint Frank Sliwka, Geschäftsführer des Deutschen eSport-Bundes: „Gaming ist für mich eine Jugendbewegung, aber die wird sicher den Kinderschuhen entwachsen“. In der Szene kursieren gar Gerüchte, eSport könnte 2008 in Peking olympisch werden, ein Sprecher des Olympischen Komitees schloss das gegenüber DW-WORLD jedoch aus. So bleiben die World Cyber Games wohl die einzige Videospiel-Olympiade. Michael Oprée hat seine sechs Gruppenspiele am Freitag. „Wenn ich einen guten Tag habe, kann ich jeden schlagen“, sagt er. Für den dritten Platz gäbe es immerhin noch 5000 Dollar. Dass er noch während seiner aktiven Zeit in Deutschland von eSport leben können wird, glaubt Oprée nicht. Nach der Schule möchte er erstmal Sport studieren, um Lehrer zu werden.

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