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Politik

Die Niederlande: Unter der Oberfläche brodelt es

In Amsterdam hat der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh begonnen. Knapp drei Monate nach dem Mord ist die Stimmung im Land immer noch gereizt.

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Demonstration für mehr Verständnis

Der Verdächtige, ein 26-jähriger Niederländer marokkanischer Herkunft, war zum Prozessauftakt nicht anwesend. Der als Islamist geltende Mann ist des Mordes, der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung sowie der Beeinträchtigung der Arbeit einer Abgeordneten angeklagt. Im droht eine lebenslange Haftstrafe. Bei dem Prozessauftakt handelt es sich allerdings nur um eine formale Sitzung zur Einhaltung bestimmter Fristen.

Mord mit Folgen

Jahresrückblick 2004 November Theo van Gogh

Ermordeter Filmemacher und Islamkritiker Theo van Gogh

Der Attentäter soll den Filmemacher van Gogh nur deshalb umgebracht haben, weil er Anstoß genommen hatte an einem provozierenden Film des Regisseurs über die Rolle der Frau im Islam. Der äußerst brutale Mord löste weitere Gewalttaten aus, besonders aber eine heftige Diskussionen in den Niederlanden und auch in Deutschland über das Konzept einer "multikulturellen Gesellschaft". Die Gegner dieses Konzeptes sehen sich bestätigt, die Befürworter zumindest verunsichert.

Und wie ist die Stimmung in den Niederlanden heute? Man habe zu einer "nuancierteren Einstellung" gefunden, anwortet Frans Jennekens, Integrationsbeauftragter des großen niederländischen Senders NPS, der sich auf multikulturelle und integrative Programme spezialisiert hat. Nach Wochen großer Aufregung sei es zwar wieder ruhiger geworden, aber der Eindruck täusche. Die Ruhe sei "oberflächlich" und es könnte jederzeit erneut zu einer Überreaktion kommen, wenn wieder etwas passiert, glaubt Jennekens.

Gewalt in der Niederlande Schule brennt

Nach dem Mord an van Gogh eskalierte die Gewalt: Hier brennt eine Schule

So habe kürzlich ein junger Mann marokkanischer Herkunft ein Auto stehlen wollen und sei deshalb von einer Frau absichtlich mit dem Wagen angefahren und dabei tödlich verletzt worden. Sofort seien die Zeitungen wieder seitenweise gefüllt gewesen mit Berichten und Spekulationen über diesen Vorfall. Viele junge Muslime wiederum beschwerten sich längst nicht mehr nur über Diskriminierung, sondern sprächen polemisierend davon, dass man sie in den Niederlanden nun sogar "ermorden" wolle. Die Nerven liegen blank.

Multi-Kulti am Ende?

Die Ursachen für diese Verunsicherung liegen nach Meinung von Jennekens darin, dass man in den Niederlanden - wie auch in Deutschland - beim Thema Einwanderung zu lange gedacht habe, alles werde sich irgendwie "von alleine regeln" - so, wie bei den Gastarbeitern aus Spanien oder Italien, deren Anwesenheit zwar auch zunächst einige Probleme ausgelöst habe, die inzwischen aber längst voll integriert seien. Bei den Einwanderern aus den islamisch geprägten Ländern Marokko und Türkei aber stehe man vor einem neuen Problem, an das man bisher kaum oder gar nicht gedacht habe. "In der sozialdemokratischen Partei ist man jetzt zum Beispiel davon überzeugt - sicherlich auch bedingt durch den Mord an van Gogh -, dass Radikalismus im Islam doch wirklich etwas ist, was auch die liberale Gesellschaft in Holland gefährden kann."

So könne man zwar einerseits sagen, der Multikulturalismus bisheriger Prägung sei tot. Aber gleichzeitig treffe das auch wieder nicht zu, denn es gebe in den Niederlanden weiterhin eine kulturelle und auch religiöse Vielfalt, mit der man faktisch eben leben müsse. "Es gibt heute eine Million Muslime in Holland - da man kann nicht einfach sagen: Die sind nicht da. Es muss doch irgendwo ein Mittel geben!"

Genügend Verantwortungsbewusste

Ein Mittel ist vielleicht, was die aus Somalia stammende Islam-kritische Abgeordnete Hirsi Ali vorgeschlagen hat, nämlich eine muslimische Partei zu gründen. Ali, die den umstrittenen Van-Gogh-Film geschrieben hatte, will damit keine Kehrtwende einleiten, sondern stellt sich offenbar eine Partei vor, in der niederländische Muslime am politischen und gesellschaftlichen Leben ihres Landes teilnehmen können und über die sie ihre - bisweilen recht speziellen - Interessen vertreten können.

Die Gesellschaft werde sich daran aber erst noch gewöhnen müssen, dass es eine große Religionsgemeinschaft gibt, die politische Rechte einfordert und in der Politik und Gesellschaft eine Rolle spielen will - und eben nicht nur in der Religion. Das erzeuge natürlich die Gefahr einer weiteren Polarisierung in der Gesellschaft, obwohl es doch - zum Beispiel bei den Medien - genügend Verantwortungsbewusste gebe, die Auswüchsen entgegen wirkten, meint Jennekens. Nicht überall werde jetzt verallgemeinert - und der Islam auch nicht pauschal mit Radikalität gleichgesetzt. Man sei sich der Gefahren bewusst - aber das bedeute in erster Linie, dass man radikale Tendenzen ernst nehmen und ihnen entgegen wirken müsse.

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