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Welt

"Die Niederlande sind nicht das 17. Bundesland"

Klein, aber eigenständig: Welches Verhältnis haben die Niederländer zum großen Nachbar Deutschland 20 Jahre nach dem Mauerfall?

Käsemarkt in den Niederlanden (Foto: picture-alliance/dpa)

Niederlande: Käsemarkt in Alkmaar

Professor Friso Wielanga ist Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien an der Universität Münster. Hier forscht er zur Geschichte der Niederlande und den deutsch-niederländischen Beziehungen.

DW-WORLD.DE: Wie waren die deutsch-niederländischen Beziehungen vor 20 Jahren, kurz bevor die Mauer fiel?

Friso Wielenga, Professor der Universität Münster (Foto: Jürgen Peperhowe)

Friso Wielenga, Professor der Universität Münster

Friso Wielenga: Allgemein kann man sagen, dass im Jahre 1989 die Bundesrepublik als Deutschland wahrgenommen wurde. Die DDR wurde zwar auch gesehen - von manchen auch mit Sympathie - aber die Teilung Deutschlands hat man doch eigentlich als etwas Normales empfunden und sich darauf eingerichtet, dass es eben zwei deutsche Staaten gab.

Welche Befürchtungen oder welche Hoffnungen hatten die Niederlande, als vor 20 Jahren die Mauer in Deutschland fiel?

Karte Deutschland und Nachbarländer (DW-Grafik: Peter Steinmetz)

Der Fall der Mauer wurde positiv aufgenommen, während sich manche gleichzeitig natürlich schon die Frage stellten, was Deutschland als Ganzes bedeutet. Als sich die Entwicklungen dann im Herbst 1989 fortsetzten, waren die Niederlande ein bisschen zwiegespalten. Es gab deutliche Unsicherheiten, es gab auch Kritik, auch gewisse Befürchtungen, dass Deutschland noch viel stärker und noch viel größer werden würde. Aber es wäre falsch zu sagen - wie es am 3. Oktober 1990 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen war - "den Niederlanden fällt der Abschied von der deutschen Teilung schwer". So war es sicherlich nicht.

Gab es konkrete Auswirkungen durch den Mauerfall für die Niederlande?

Wirtschaftlich haben die Niederlande sicherlich von der deutschen Einheit profitiert und die wirtschaftlichen Beziehungen sind seitdem auch weiter intensiviert worden.

Wie sieht die heutige Sicht auf den damaligen Mauerfall und die deutsche Einheit aus?

Rechtsradikale diskutieren mit Polizisten (Foto: dpa)

1992 gab es in Rostock einen Übergriff auf ein Asylantenheim

Man kann nicht sagen, dass 20 Jahre Mauerfall in den Niederlanden ein so zentrales Thema ist wie in Deutschland - selbstverständlich nicht. Es ist kein Thema der eigenen Geschichte. Wenn wir zurückblicken in die frühen 1990er-Jahre, als es unter anderem die ersten ausländerfeindlichen Ausschreitungen in in Deutschland gab, hat das in den Niederlanden Wellen geschlagen, sichtlich antideutsche Wellen.

Gibt es diese Ressentiments, die es seit dem Zweiten Weltkrieg gibt, immer noch?

Nein. Es gibt sicherlich ein sensibles Verhältnis, aber dieses sensible Verhältnis hat nichts mehr mit der Besatzungszeit zu tun, sondern hängt mit der Groß-Klein-Frage zusammen: ein großes Land mit einem großen Gewicht in Europa und ein kleines Land mit einem kleineren Einfluss. Die Niederlande sind eben nicht das 17. Bundesland, sondern eine selbständige Nation. Deswegen findet sich in der Abgrenzung, die manchmal zu bestimmten Reibungen führen kann, eine gewisse Animosität aus der Sicht der Niederländer, die aber viel älter ist als der Zweite Weltkrieg - auch wenn in solchen Spannungen ab und zu doch noch Erinnerungen an die Besatzungszeit mitspielen.

Interview: Pouyeh Ansari

Redaktion: Susanne Henn

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