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Europa

Die neue Türkei - Ab jetzt mit Kopftuch

Kurz nach den Wahlen sorgt in der Türkei ein Foto der ersten Richterin mit Kopftuch für Aufruhr. Die einen sehen darin ein Zeichen für Emanzipation, andere sehen die Grundwerte der Republik in Gefahr.

Für Elif Kavakci ist es einer der schönsten Tage ihres Lebens: "Dieses eine Bild steht für Jahre des Kampfes, das Vergießen von Tränen von Millionen Frauen, die Kopftuch tragen und die jahrzehntelang diskriminiert wurden." Dieses #link:https://pbs.twimg.com/media/CS5OrS6WIAAwLPc.jpg:large:Bild# zeige, wie weit die Türkei gekommen ist, so die Designerin muslimischer Kleidung im DW-Interview. Bei Twitter hatte sie das Foto der unbekannten Richterin mit Kopftuch geteilt und damit einen Debattensturm ausgelöst.

Elif Kavakcis Familie steht symbolisch für den Kampf muslimischer Frauen um Gleichberechtigung und öffentliche Anerkennung in der Türkei. Elifs Schwester, Merve Kavakci, war die erste Abgeordnete in der Türkei, die das türkische Parlament mit Kopftuch betrat. Der Auftritt der Abgeordneten der "Wohlfahrtspartei" im Jahr 1999 geriet zum Fiasko, ihren Amtseid durfte sie nicht leisten, unter wütenden Protesten der Abgeordneten musste sie das Parlament verlassen.

Seitdem hat sich viel getan. Die "Wohlfahrtspartei" gibt es nicht mehr, dafür regiert deren Nachfolgepartei, die AKP, seit 2002 fast unangefochten das Land. Immer mit im Gepäck: die Sichtbarmachung eines konservativen Lebenswandels.

Das Ende der Gründerwerte

Für Erdem Evren vom Zentrum für Modernen Orient in Berlin ist diese Politik ein Bruch mit der Tradition der "republikanischen Werte" der kemalistischen Elite. Diese hatte die Geschicke des Landes bis Ende der Neunziger Jahre bestimmt:

"Angelehnt an das Prinzip der 'laïcité' der Französischen Revolution sollte auch in der Türkei gewährleistet sein, dass Religion als Privatsache anzusehen war", sagt Evren. Für die säkularen Kräfte in der Türkei gehörte dazu die absolute Verdrängung religiöser Zeichen eines 'republikanischen Bürgers' in der Öffentlichkeit."

Elif Kavakci - Foto: Privat

Kopftuchdesignerin Kavakci: Verzerrtes Bild?

Anstelle einer Trennung von Staat und Religion trat jedoch die Kontrolle des Staates über die Religion. Das "Amt für religiöse Angelegenheiten" sollte dies bis in die hintersten Ecken des Landes gewährleisten. Jahrelang kamen sogar die Texte für die Freitagsgebete aus der Zentrale in Ankara.

Für Erdem Evren war der harsche Umgang mit den konservativen Schichten des Landes einer der Hauptgründe für den Erfolg islamistischer Bewegungen und Parteien in der Türkei: "Frauen mit Kopftuch durften in der Türkei weder studieren, noch ein offizielles Amt bekleiden".

Mit Perücke in die Uni

Das sogenannte "Kopftuch-Verbot" führte über die Jahre zu den absonderlichsten Bräuchen. So war es eine Zeit lang durchaus üblich, dass sich Studentinnen mit Kopftuch Perücken anzogen, um auf das Universitätsgelände gelangen zu dürfen.

Dies änderte sich erst im Jahr 2008 mit dem sogenannten "Demokratie-Paket", das die AKP verabschiedete. Dies erlaubte Frauen mit Kopftuch zum ersten Mal in der Geschichte der Türkei an einer staatlichen Universität zu studieren. Überall rückten Kopftuchträgerinnen in der öffentlichen Wahrnehmung in den Vordergrund. Auch in der letzten Interimsregierung von Juni bis November gab es eine Ministerin mit Kopftuch.

Frauen an die Macht - unter der AKP?

Steht die AKP also für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen? Gareth Jenkins vom Institute for Security and Development Policy in Istanbul erteilt dieser Ansicht eine klare Absage: "Die AKP-Führung erachtet Frauen Männern gegenüber als unterlegen." Es stimme zwar, dass es Ministerinnen im AKP-Kabinett gäbe, so der Experte weiter: "Aber dabei handelt es sich meistens um das Ministerium für Frauen und Familien. Mehr wird Frauen in der AKP-Führungsriege nicht zugetraut."

Elif Kavakci widerspricht dieser Darstellung vehement: "Diese Frau zeigt doch gerade wie viel die AKP und die jetzige Regierung für Demokratie und Gleichberechtigung getan haben," behauptet die Desingnerin. Die Wahrheit läge in dem Foto: "Das ist Demokratie. Die Neue Türkei ist besser als sie jemals war."

Leidenschaft kann man Elif Kavakci wahrlich nicht absprechen. Den Vorwurf, ob die seit einigen Jahren in den USA lebende Designerin nicht vielleicht ein verzerrtes Bild von der Situation von Frauen in ihrem Heimatland hat, muss sie sich jedoch gefallen lassen. Nach der neuesten Studie des Weltwirtschaftsforums zur Geschlechtergleichheit rangiert die Türkei auf Rang 122 von 135 Ländern.

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