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Nach Anschlag in Berlin

Die neue Normalität

Tag zwei nach dem Anschlag: Die AfD macht Angela Merkel verantwortlich. Berliner hingegen geben sich besonnen. Charlotte Potts war in der Stadt unterwegs.

Die Rechtspopulisten der AfD haben zur Mahnwache vor dem Kanzleramt gerufen. In bitterer Kälte werden noch schnell die letzten Plakate gemalt. "Merkel muss weg" steht da mit Filzstift geschrieben und "Defend Berlin". Wovor muss sich Berlin jetzt genau schützen? "Das wissen Sie doch", sagt ein AfD-Anhänger.

AfD-Anhänger machen Merkel persönlich verantwortlich

Noch steht nicht fest, wer genau hinter dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt steckt. Doch für viele, die am Mittwochabend zusammen gekommen sind, scheint alles schon klar: Es war ein Flüchtling. Und eben deshalb machen sie nicht nur die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin, sondern auch Angela Merkel ganz persönlich verantwortlich für den Anschlag. "An ihren Händen klebt das Blut der Opfer", hört man immer wieder in der Menschenmenge und sieht, wie die Finger auf das Kanzleramt zeigen.

Deutschland Anschlag in Berlin Social Media Reax (Twitter/Andre Poggenburg)

André Poggenburg, Landesvorsitzender der AfD in Sachsen-Anhalt, auf Twitter.

"Frau Merkel will Deutschland abschaffen"

Manfred Betz ist extra aus Thüringen zur Mahnwache angereist. Mit sich trägt er die Widerstandsflagge aus dem Zweiten Weltkrieg, bedient sich aber gleichzeitig nationalsozialistischer Rhetorik. Er sei gekommen, "um gegen die Umvolkung zu protestieren", erklärt er und meint, dass alle Ausländer sofort aus Deutschland abgeschoben und die Grenzen dicht gemacht werden müssten: "Frau Merkel will Deutschland abschaffen."

Schatten für das Wahljahr 2017

Der Hass auf die Kanzlerin tobt in diesen Tagen nicht nur im Netz, sondern auch vor dem Kanzleramt. Für die AfD-Anhänger war Angela Merkel nie alternativlos. Sie ist zum Symbol für all das geworden, was derzeit vermeintlich schief läuft in Deutschland.

Die Mahnwache vor dem Kanzleramt zeigt die politische Dynamik des Anschlags vom vergangenen Montag. Berlin reiht sich ein in die weltweite Serie von Anschlägen: Paris, Brüssel, Istanbul, Ankara, Nizza, Orlando. Ein weiteres erschütterndes Ereignis zum Ende eines düsteren Jahres, das auch Schatten auf das Wahljahr 2017 werfen wird.

Tiefe Gräben spalten Deutschland

Das wird an diesem Abend vor dem Kanzleramt deutlich. Während die Regierungsparteien einen Tag nach dem Anschlag noch versuchten, Zusammenhalt zu demonstrieren, erinnert die AfD-Zusammenkunft daran, dass an manchen Stellen tiefe ideologische Gräben Deutschland spalten.

Mit der Widerstandsflagge wollen Demonstranten ein deutliches Zeichen gegen die Regierung, "gegen das Establishment", setzen: "Es sind politische Fehlentscheidungen getroffen worden. Die müssen umgekehrt werden", sagt der einzige Sprecher des Abends, ein evangelischer Pfarrer, der aus Protest gegen Merkels Flüchtlingspolitik aus der Kirche ausgetreten ist. Er erntet den größten Applaus.

Andernorts geben sich Berliner besonnen

Am zweiten Tag nach dem Attentat mit einem ein Lastwagen, öffnen die Weihnachtsmärkte wieder ihre Tore.

Deutschland Weihnachtsmarkt auf dem Gendarmenmarkt in Berlin (DW/E. Yorck Von Wartenburg)

Der Gendarmenmarkt in Berlin - vielleicht Berlins schönster Weihnachtsmarkt - ist wieder geöffnet.

Zur Mittagszeit füllt sich der Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt, wenn auch nicht so gut besucht wie sonst. "Morgens um 11 wenn wir öffnen stehen normalerweise schon Besuchergruppen Schlange. Heute war das nicht so", erzählt Steffi, die kurz hinter dem Eingang zum Markt Wiener Strudel verkauft. "Es ist schon ein komisches Gefühl jetzt wieder hier zu stehen, aber wenigstens ist die Polizei hier", sagt sie.

Weihnachtsmärkte jetzt stark bewacht

Deutschland Weihnachtsmarkt auf dem Gendarmenmarkt in Berlin (DW/E. Yorck Von Wartenburg)

Seit dem Anschlag am Montag wird der Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt mit zehn Polizisten bewacht.

Wenige Meter weiter stehen vier bewaffnete Polizisten. Einer hält eine Maschinenpistole, andere tragen Pistolen. Insgesamt zehn Polizisten sind am Gendarmenmarkt im Einsatz, bewachen Ein- und Ausgänge und streifen an den Ständen vorbei. "Das soll das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung erhöhen", sagt einer von ihnen.

Vielen Besuchern ist die erhöhte Sicherheit eher suspekt. "Das hinterlässt ein beklemmendes Gefühl", sagt Maria Hofmann. Wie viele Besucher des Weihnachtsmarktes hatte auch sie mit einem Anschlag in der deutschen Hauptstadt gerechnet: "Es war nur eine Frage der Zeit."

Die neue Normalität nach dem Anschlag

Terror scheint zur neuen Normalität geworden zu sein. Was passiert wenn man zur falschen Zeit auf dem falschen Weihnachtsmarkt ist, das ist den Besuchern auf dem Gendarmenmarkt zwar bewusst, niemand aber will sich zu lange mit diesem Gedanken aufhalten. Schließlich ist man gekommen um einen Glühwein zu trinken, eine Bratwurst zu essen, und noch einmal die Vorweihnachtszeit zu genießen – über Politik reden will man hier eher nicht.

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