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Wissen & Umwelt

"Die Natur räumt auf, aber das dauert!"

Kein Reparaturversuch hat bislang funktioniert, das Öl sprudelt weiter aus dem Leck der Bohrinsel im Golf von Mexiko. Könnten ölfressende Bakterien die Rettung sein? "Kurzfristig leider nicht", meint Experte Ralf Rabus.

Ölteppich vor der Küste Lousianas (Foto: AP)

DW-WORLD.DE: Herr Rabus, was genau passiert, wenn sich Mikroben über das Erdöl hermachen?

Ralf Rabus, Institut für Chemie und Biologie des Meeres, Universität Oldenburg: Wenn sich Mikroben über Öl hermachen, wird CO2 (Kohlendioxid) daraus. Gleichzeitig baut sich ihre Zellmasse auf. Wenn wir frühstücken oder zu Mittag essen, passiert in etwa das Gleiche. Die Nahrung, die wir aufnehmen, wird verdaut und am Ende wird Glukose zu CO2 entoxidiert. Damit gewinnen wir Energie, und atmen Kohlendioxid aus.

Prof. Ralf Rabus, Institut für Chemie and Biologie des Meeres (ICBM) der Universität Oldenburg

Ralf Rabus

Das heißt, diese Bakterien ernähren sich von Erdöl?

Genau!

Kommen diese Bakterien überall vor oder nur da, wo es Erdöl gibt und wo sie sich davon ernähren können?

Bis vor zirka zehn Jahren ging man davon aus, dass es sich bei diesen Bakterien um Spezialisten handelt, die nur dort entstehen und vorkommen, wo der Mensch Erdöl ins Meer einbringt, wie zum Beispiel jetzt bei der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Ich glaube aber, dass diese Annahme nicht ganz den Tatsachen entspricht. Denn Kohlenwasserstoffe, wie eben auch das Erdöl, sind ubiquitär, das heißt, sie kommen überall vor. Gerade in der Tiefsee gibt es viele Bereiche, wo Öl gebildet wird. Auch im Golf von Mexiko gibt es verschiedene Regionen, in denen Öl austritt und wo es richtige Asphalt-Öl-Laken in der Tiefsee gibt.

Auf dem Meeresboden?

Ja. Es gibt zum Beispiel im Golf von Kalifornien Bereiche, in denen diese Kohlenwasserstoffe durch Erdspalten in die biologisch aktiven Sedimente aufsteigen. Wenn Sie so ein Sediment mit einem Tauchroboter herausholen, dann riechen Sie förmlich das Öl in dem Sediment. Und dort finden Sie natürlich viele Bakterien, die mit diesen Kohlenwasserstoffen leben.

Diese Bakterien vertilgen und bauen das Öl also nicht nur an der Oberfläche ab, sondern auch unter Wasser?

Ja, aber das sind Erkenntnisse, die erst zehn bis 15 Jahre alt sind. Die meisten Biochemiker konnten sich lange Zeit nicht vorstellen, dass bei dem dramatischen Mangel an molekularem Sauerstoff in marinen Sedimenten so etwas tatsächlich anaerob (ohne Sauerstoff) funktionieren kann.

Bakterium Alcanivorax borkumensis (Foto: HZI, Braunschweig)

Alcanivorax borkumensis ist ein Bakterium, das ein breites Spektrum an Kohlenwasserstoffen verwerten kann und daher in der Lage ist, auch Erdöl abzubauen

Und wann hat man entdeckt, dass es doch geht?

Das war Anfang der neunziger Jahre. Ich war selbst mit dabei und mein damaliger Mentor, Professor Widdel aus Bremen. Wir waren eine Handvoll Mikrobiologen, die begonnen haben, Bakterien anzureichern und zu isolieren, die unter Luftausschluss Kohlenwasserstoffe abbauen können. Damit war eigentlich das "Proof of Principle" gelegt, dass es geht. Und in den letzten Jahren haben wir das molekulare Verständnis gewonnen, wie so etwas funktioniert.

Hoffentlich haben Sie sich das patentierten lassen …

(Lacht) Nein, wir sind Grundlagenforscher und unsere Ergebnisse gehören der Öffentlichkeit!

Wie schnell geht das eigentlich? Wie viel Öl frisst so eine Bakterie in welchem Zeitraum?

Es sind sehr, sehr langsame Prozesse. Nehmen wir zum Beispiel Escherischia coli-Darmbakterien, die am besten untersuchten Mikro-Organismen weltweit. Während eine Coli-Kultur innerhalb eines halben Tages ihre maximale Dichte erreicht hat, dauert dieser Prozess bei ölabbauenden, anaeroben Bakterien mehrere Tage, manchmal auch mehrere Wochen bis hin zu Monaten. Die Wachstumsraten und damit einhergehend die Verbrauchsraten an Kohlenwasserstoff sind also sehr, sehr langsam.

Könnte man die Arbeit der Bakterien irgendwie beschleunigen?

Das ginge theoretisch mit speziellen Düngern. Es gibt auch entsprechende Untersuchungen, die nach dem Tankerunglück der Exxon Valdez durchgeführt worden sind. Die haben gezeigt, dass man das Reinigen von ölkontaminierten Stränden durch mikrobiellen Abbau fördern kann, indem man Dünger ausbringt, beispielsweise Stickstoff.

Aber jetzt kommt das wichtige "Aber": Das Ausmaß des Ölabbaus bleibt das gleiche. Man beschleunigt ihn nur etwas. Und auch da muss klar sein, über welche Zeiträume wir sprechen. Wir sprechen nicht von Tagen und Wochen, sondern von Jahren bis Jahrzehnten. Also, etwas salopp gesagt: Die Natur räumt schon auf, aber dieses Aufräumen oder der Abbau des Öls dauert sehr, sehr lange!

Professor Ralf Rabus ist Mikrobiologe am Institut für Chemie und Biologie des Meeres an der Universität Oldenburg.

Das Gespräch führte Judith Hartl
Redaktion: Gudrun Heise

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