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Namibia

Die Nama und das Erbe des Genozids

Während des Genozids im heutigen Namibia vor mehr als 100 Jahren verloren die Herero und Nama Land und Vieh. Viele ihrer Nachkommen sind noch immer landlos - und fordern Entschädigungen. Christian Selz hat sie besucht.

Nama-Chief Johannes Matroos mit seiner Assistentin Francisca Witbooi

Nama-Chief Matroos und seine Assistentin Francisca Witbooi hoffen auf Reparationen aus Deutschland

 Nama-Chief Johannes Matroos steht im Schatten der einstigen Missionskirche seines Heimatdorfes Heiraxabis. Ihn plagt ein Problem, das in den schwer endlosen Weiten Namibias völlig absurd erscheint: "Wegen des Völkermords sind wir landlos", klagt Matroos, Oberhaupt der Bondelswarts Traditional Authority. Er ist einer der traditionellen Führer des Nama-Volkes.

Das Land verloren seine Vorfahren vor mehr als 100 Jahren. Ebenso wie das Herero-Volk revoltierten sie 1904 gegen die deutsche Kolonialregierung. Die deutsche Kolonial-Armee schlug den Aufstand blutig nieder. Bis 1908 sollen mehr als 75.000 Herero und Nama ums Leben gekommen sein. Andere Quellen sprechen sogar von 100.000 Toten. Vor zwei Jahren bezeichnete auch die Bundesregierung die Massaker als Völkermord.

Für Matroos‘ Clan, die Bondelswarts, war der Krieg bereits 1906 vorbei. An Heiligabend 1906 vermittelte der katholische Missionar Johann Malinowski einen Friedensvertrag zwischen ihnen und der deutschen Kolonial-Armee. Gegen andere Clans ging die deutsche Armee noch zwei Jahre länger vor. Aber der Frieden hatte Folgen - bis heute.

"Nach dem Friedensvertrag mussten wir unsere Waffen abgeben und wurden von hier, Heiraxabis, nach Warmbad und Heibxabis zwangsumgesiedelt. So haben wir unser Land verloren", erklärt Matroos.

Weiße Häuser, im Hintergrund ein Kirchturm und grüne Bäume.

Das Land in Heiraxabis ist noch im Besitz der Kirche

Pächter auf dem Land der eigenen Ahnen

Selbst Heiraxabis, wo der 64-Jährige geboren wurde, gehört seinem Clan nicht mehr. Besitzer der 57.000 Hektar großen Farm ist die katholische Kirche. Noch heute pachten die Bondelswarts einen 8.000 Hektar großen Teil davon. Dafür zahlen sie 1.000 Namibia-Dollar (rund 67 Euro) pro Monat, erzählt Matroos.

Namibias Regierung versucht, Farmen anzukaufen und den Boden an Landlose zu verteilen. Doch der Prozess kommt nur sehr langsam voran. Matroos hält davon nichts. "Die Landfrage wird noch immer nicht angegangen, und wir fordern jetzt das Land unserer Vorfahren. Aber die Regierung hat nur dieses Umsiedlungsprogramm eingeführt, das für uns nicht funktioniert und nicht passend ist, weil wir durch dieses Programm nicht einmal Land bekommen."

Er will die nötigen Flächen nun zurückkaufen, um eine wirtschaftliche Basis für seine Gemeinschaft zu schaffen. Doch dazu fehlt es an Geld. Matroos hofft daher auf Reparationen aus Deutschland. Einige traditionelle Führer der Herero und Nama haben die Bundesregierung dazu vor einem Gericht in New York verklagt. Spätestens Ende Juli will sich das Gericht wieder mit dem Fall befassen. Noch ist nicht klar, ob die Klage angenommen wird. Auch Namibias Regierung soll nach Presseberichten eine eigene Klage gegen Deutschland prüfen.

Ein Mann steht neben einem Karren und einem Verschlag aus Blech, im Hintergrund Berge und eine Stromleitung.

Viele Nama besitzen noch immer kein eigenes Land

Landbesitz als Basis für Entwicklung

"Wir hoffen, dass wir in dem Reparationsfall mit der Regierung und mit der deutschen Regierung erfolgreich sind, damit wir Land bekommen und unser Volk entwickeln können", sagt Matroos. "Ohne Land kann man nichts machen. Wenn man kein Land hat, gibt es nichts zu tun. Es geht also in erster Linie um Land, damit wir unsere Kinder auch auf Hochschulen schicken können, damit sie für die Zukunft gerüstet werden und ihr eigenes Auskommen haben."

Nama-Vertreter wir Salomon David Isaack wollen aber auch die namibische Regierung in die Pflicht nehmen. Der 79-Jährige, erster Berater und Stellvertreter des Chiefs von Berseba im Süden des Landes, will Gespräche zwischen Landeignern, Regierung und Landlosen - und er hofft auf gegenseitiges Verständnis. "Es gibt landlose Bürger, die ein Anrecht auf Land haben. Diese Menschen appellieren an die Regierung, Lösungen zu finden. Aber ohne die Teilnahme aller Beteiligter, wird es keine gütliche Lösung geben."

Isaack hat sich sein ganzes Leben mit dem Freiheitskampf beschäftigt. Lange lebte er im Exil. Er freut sich darüber, dass sein Land frei ist. Aber in puncto Sozialreformen sei seitdem zu wenig getan worden, findet er. Auch Isaack will, dass Deutschland eine stärkere Rolle in Namibias Landfrage spielt. Schließlich sei der wirtschaftliche Rückstand vieler Einwohner auch eine Folge der Landenteignungen während der Kolonialzeit. Was genau Berlin zu tun habe, sagt Isaack nicht. Nur so viel: "Sie müssen diese Sache sehr ernst nehmen und ein Partner bei der Lösung dieses Problems werden."

 

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