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Amerika

Die Mutter der Nation

Sie starb jung und prägte die Geschicke Argentiniens doch wie keine andere. Evita wäre am 07.05.2009 90 geworden – in der Erinnerung bleibt sie gerade in Zeiten der Krise lebendig, als selbstlose Kämpferin für ihr Volk.

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El Cementerio de Recoleta ist mehr eine Totenstadt als ein Friedhof: Grabstätten, in kaltem Stein und Marmor gebaut, reihen sich aneinander. Umschlossen von hohen Mauern absorbieren sie jegliches Licht der gleißenden Mittagssonne. Fast unscheinbar wirkt hier das kleine Grabmal, das eingequetscht in einer Seitengasse steht. Wäre da nicht die wild fotografierende Touristengruppe, die sich abwechselnd vor dem mit frischen Blumen dekoriertem Grabmal ablichten lassen. "Ich komme nicht aus Argentinien," sagt eine US-Amerikanerin und räumt schnell den Platz für das nächste Foto, "aber ich kenne das Musical Evita und bin fasziniert von dieser Person, die so viel für Argentinien gemacht hat."

Süßes Brot und Apfelwein

Friedhofsgärtner auf dem Stadtfriedhof von Buenos Aires

Friedhofsgärtner Juan Carlos

Gegen fünf Uhr wird es ruhiger auf dem Friedhof. Wenn die Touristen gehen, kommt Juan Carlos, entfernt trockene Blumen, poliert das vergoldete Schild an der Familiengruft Duarte. "Eva Duarte war eine einzigartige Frau, voller Liebe und Mitgefühl", sagt der Mann aus Tucumán, einer Provinz, die 1300 Kilometer nördlich der Hauptstadt liegt, "als erste und einzige gab sie uns, dem argentinischen Volk, die Möglichkeit, eine Stimme in der Gesellschaft zu haben." Seit 45 Jahren, seit er nach Buenos Aires kam, pflegt der Friedhofsgärtner Evitas Grab. Jener Frau, der seine Familie – damals einfache Arbeiter bei der Eisenbahngesellschaft – so viel zu verdanken hat. Die Wohltätigkeits-Stiftung Evita Perons beschenkte bedürftige Familien – Juan Carlos bekam zum Schulanfang Bücher und sein erstes Paar feine Schuhe, seine Mutter eine Nähmaschine. "Und zu Weinachten gab es immer süßes Brot und Apfelwein, das kannten wir vorher gar nicht."

Nichts für mich, alles für mein Volk

Bücher von Evita

"La razon de mi vida" – Evitas Memoiren sind in ganz Argentinien vergriffen

Evita, der blonde Engel, der - als eines von fünf unehelichen Kindern - selbst aus ärmlichen Verhältnissen kam. Aus dem Dorf Los Toldos stieg sie zur Radiomoderatorin und Schauspielerin auf, lernte bei einem Wohltätigkeitsbasar in der Provinz San Juan Oberst Domingo Perón kennen und lieben. Doch auch nach ihrer Heirat, als First Lady Argentiniens, vergaß sie ihre Wurzeln nie: half den Armen, den Schwachen, setzte sich für Arbeits- und Frauenrechte ein, präsentierte sich als selbstlose und unerschrockene Kämpferin für eine bessere Welt. "Ich fordere nichts für mich," rief sie in einer bewegenden Rede kurz vor ihrem Tod 1952 vom Balkon des Regierungsgebäudes Casa Rosada, "doch bleibt Perón und unserer Nation treu. Denn ich weiß, dass auch wenn mein Leben kurz war, dass ihr meinen Namen zusammen mit der argentinischen Fahne erinnern werdet." Mit nur 33 Jahren starb Evita und wurde gleichsam zur Mutter der Nation.

Tränen für den blonden Engel

Ich habe keine Rede der Companera verpasst Gewerkschaftler Lorenzo Olarte

Gewerkschafter Lorenzo Olarte

Der Mythos Evita lebt. Nicht ein Ort Argentiniens, in dem kein von ihr gegründetes Krankenhaus, eine Schule, ein Altersheim steht, in dem ihr Name keine Straße oder ein Viertel ziert. Das Hauptgebäude der größten Gewerkschaft Argentiniens, der CGT, wurde von ihr gestiftet. Ihr Konterfei prangt an der Außenmauer, im Inneren, zweiter Stock links, lädt ihr ehemaliges Arbeitszimmer Neugierige bis heute auf eine Zeitreise ein. "Evita, Evita, Evita..." ruft der kleine Mann mit der großen Studienratsbrille, springt in die Luft, reißt die Augen auf, wedelt mit den dünnen Ärmchen. Diese Begeisterung, so sei das damals gewesen, während der Reden der Compañera, erzählt Lorenzo Olarte, Peronist bis ins Blut. Der 80-jährige Gewerkschafter verdankt seine Ausbildung zum Mechaniker Evitas Bildungsprogrammen. Er war Mitte 20 als sie starb, war dabei, als ihr Leichnam in der CGT einbalsamiert wurde. Die Erinnerung füllt seine Augen bis heute mit Tränen.

Damals waren wir glücklich...

Altperonist Olarte im CGT

Gremiensaal der Gewerkschaft CGT in Buenos Aires

"Manche Compañeros standen 20 Stunden in Regen und Kälte, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Alle Blumen im Land waren ausverkauft," erzählt er mit brüchiger Stimme. "Evita war so voller Liebe!" Damals seien alle glücklich gewesen, ein Volk mit Arbeit, voller Stolz und Stärke, das sogar anderen Ländern Entwicklungshilfe gab. "Und heute?", fragt er mit verklärtem Blick, "welcher Arbeiter kann denn heute noch seine Familie ernähren, auf eine Rente hoffen, der Regierung vertrauen? Nach Evita ist alles schlechter geworden!"

Kritik nicht erwünscht

Der Engel der einfachen Leute Pablo Vasquez im Evita Museum

Pablo Vasquez, Leiter des Evita-Forschungsinstitutes

Die Schere zwischen Arm und Reich, die Inflation, die Arbeitslosigkeit wächst heute unaufhaltsam, soziale Auffangnetze existieren in Argentinien kaum noch, die globale Wirtschaftskrise verschärft die Situation. Gerade in solchen Zeiten wird die in den 1950er Jahren von Perón und Evita postulierte Politik der Gerechtigkeit gerne romantisch verklärt: unterschlagen wird dann oft der schamloser Populismus, der sehr autokratisch-nationalistische Regierungsstil, der Elemente faschistoider Ideen aufnahm und keine Alternativen oder Kritik duldete: "Evitas Charakter, ihre Entschlossenheit ließ keine Grautöne zu, sie zeichnete alles in Schwarz und Weiß, entweder du kämpfst für das peronistische Projekt oder du bist Feind der Nation." Pablo Vasquez ist Historiker am nationalen Forschungsinstitut Eva Perón. "Sie suchte und sie fand immer die Konfrontation mit Andersdenkenden. Vor alle mit der Oligarchie, den Konservativen, der Kirche, deren Moralvorstellungen sie ohnehin entgegenstand, als politisch engagierte Frau aus der Unterschicht."

Historisch vererbter Klassen-Hass

Hier war der Leichnam der Companera aufgebahrt Olarte in seinem kleinen Evita Museum in der CGT

Evitas ehemaliges Arbeitszimmer im Gewerkschaftsgebäude der CGT ist heute ein kleines Museum. Jahrelang war ihr Leichnam hier aufgebahrt

Pablo starrt aus dem Fenster, im Innenhof des ehemaligen, von Evita gegründeten Witwen-Heims ist heute ein schickes Restaurant. Das Mittagessen kostet hier mehr als ein normaler Arbeiter pro Tag verdient. Evita habe als erste den Mut gehabt, die traditionelle Klassengesellschaft Argentiniens aufzubrechen und zu verändern: "Das haben ihr manche nie verziehen, die Spaltung – Arm gegen Reich – prägte unsere Geschichte zuvor und seither." Evitas fast als Heiligtum vergötterter Leichnam wurde, nach Peróns Sturz durch die Militärs 1955, nach Italien entführt, blieb jahrelang verschollen. Jegliche Symbolik des Peronismus wurde lange Zeit auf Gefängnisstrafe verboten. Dies führte jedoch eher dazu, dass sich eine, wenn auch diffuse, peronistische Identität herausbildete und über Jahre hinweg verfestigte.

Evita re-visited

Libreta Civica

1947 setzte Evita das Frauenwahlrecht durch und bekam die erste "Libreta Civica"

Gerade erst wieder verwüsteten Agrarunternehmer in der Provinz ein Evita-Denkmal, im Konflikt mit der Regierung Kirchner, die, wenn auch stark populistisch geprägt, mehr Einfluss des Staates in die Privatwirtschaft propagiert: "Der Mythos Evita, die Symbolik ihrer Person wird mit jedem Jahr stärker", sagt Historiker Felipe Pigna. Evitas Ideen würden derzeit teilweise von vielen linksgerichteten Regierungen Südamerikas wieder aufgegriffen. "Aber die Zeiten haben sich geändert. Im Grunde brauchen wir heute jemand, der das Herz von Evita hat, aber komplexer, ein bisschen differenzierter, weniger konfrontativ denkt und agiert."

Autorin: Anne Herrberg

Redaktion: Fokus Amerika