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Politik

Die Mutter aller Prozesse

Vorbei die Zeiten, in denen die Nachrichten langweilige Kriegsbilder aus dem Irak zeigten oder sich mit den Folgen der Flut in Südasien beschäftigten, jetzt geht es um die wichtigen Dinge: Michael Jacksons Privatleben.

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Ralf Hoogestraat

Amerikas Medien rüsten zum Großangriff. Santa Maria, eine Kleinstadt in Kalifornien, wird für die nächsten sechs Monate zum Zentrum des US-Medienuniversums. Die Hotels sind auf Monate ausgebucht, die Restaurants und Cafes der Stadt haben ihre Kapazitäten verdoppelt, um hungrige Journalisten aus aller Welt versorgen zu können.

2000 US-Dollar pro Quadratmeter

Und die Dächer der Stadt sind zum teuren Pflaster geworden. Überall in Sichtweite des Gerichtes haben die Fernseh-Anstalten ihre Liveshot-Positionen aufgebaut. Hier werden die bekannten Fernsehgesichter stehen und mit gerunzelter Miene Fachwissen schauspielern, um den Jahrhundertprozess der halbseidenen Unterhaltungsindustrie zu kommentieren. Auf dem teuersten Dach kostet der Quadratmeter schon über 2000 US-Dollar - pro Tag, die amerikanischen Fernsehstationen werden ein Vermögen ausgeben, um vor Ort zu sein. Aber es lohnt sich, Michael Jackson bringt auch als Angeklagter Einschaltquoten und die tapferen Reporter im wilden Kalifornien sind doch um einiges sicherer als im Irak.

Kein Karneval im Court

Das ganze Drama hat nur einen Haken: Der Richter hat völlig unverständlicherweise keine Kameras im Gerichtssaal zugelassen. Beim wegen Mordes angeklagten Basketballstar O.J. Simpson hatten die Kameras jeden Tag stundenlange Fernseh-Unterhaltung geliefert. Aus dem Prozess wurde ein Karneval und das möchte der Richter im Jackson-Prozess vermeiden.

Also müssen die Medien kreativ sein: "Court TV", ein Kabelkanal, der sich auf Gerichts- und Polizeisendungen spezialisiert, will jetzt jeden Tag das Geschehen vor Gericht mit Schauspielern in einem Studio minutiös nachspielen lassen, um es dann am nächsten Tag den hungrigen Zuschauern zum Frühstück und Mittagessen vorsetzten zu können.

Kompletter Absturz

Schließlich geht es um einen waschechten König, den King of Pop. Der Absturz des Michael Jackson ist komplett. Die Vorwürfe wegen angeblicher sexueller Belästigung von kleinen Jungen sind schon so eingebrannt, dass der Ausgang des Verfahrens eigentlich schon feststeht.

4000 Normalbürger haben eine Einladung bekommen, sich als Geschworene zur Verfügung zu stellen, zwölf werden nur gebraucht, und alleine deren Auswahl dürfte einige Wochen dauern. Am Montag (31.1.2005) soll Prozessauftakt sein.

Benimm dich! Die bisherigen Auftritte vor Gericht hatte der Sänger bislang immer als Show-Einlage genutzt, um seinen Fans zu danken. Aber ab jetzt wird es ernst, und die Anwälte haben Jackson wohl eingeschärft, dass er sich nun benehmen muss.

Nach der Mutter aller Schlachten und der Mutter aller demokratischen Wahlen im Irak, jetzt die Mutter aller Prozesse in Kalifornien, zumindest für die amerikanischen Medien, wie gut dass die Hofnarren-Kultur Amerikas doch immer wieder für Abwechslung sorgt.