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Die Moral von der Geschicht’

Es gibt sie gepredigt und aufgeschrieben. Theologen und Philosophen haben über sie diskutiert. Zahlreiche Herrscher haben sie ihren Untertanen aufgezwungen: die Moral. Aber was ist das eigentlich genau?

Gleich vorweg: Die eine, einzig wahre, für immer und ewig geltende Moral gibt es nicht. Auch wenn viele Menschen glauben, dass so eine Art Katalog moralischer Regeln existiert, der wie ein ungeschriebenes Gesetz Gültigkeit hat. Die meisten Menschen in Deutschland und auch in vielen anderen Ländern würden es sicher aus moralischen Gründen ablehnen, dass jemand in Badehose oder Bikini in die Kirche oder in die Oper geht. Das ist dann so ein ungeschriebenes Gesetz, weil viele diese Kleidung dort als unanständig oder unsittlich empfänden. Es gibt dazu aber keine juristische Vorschrift, die untersagt, in einer Badehose in der Kirche oder der Oper zu erscheinen. Und gerade weil die Moral kaum festgeschriebene Regeln besitzt, kann man sich wunderbar über sie streiten.

Moral ist…

Blick auf eine Bibel mit Kreuz

Eine Quelle für moralische Regeln: die Bibel

Wer von Moral spricht, meint damit alles Mögliche: bestimmte Werte, Anstand, Verantwortung, Gewissenhaftigkeit, Disziplin, Ehrlichkeit oder auch Treue. Die Liste ließe sich noch um viele Begriffe ergänzen. Einer aber ist besonders wichtig: die Sittlichkeit. Denn sie zeigt, woher der Wind weht, also worin der Ursprung und das Motiv vieler Moralregeln besteht, nämlich in der Sitte – und das bedeutet in Verhaltensweisen, die eine bestimmte Gesellschaft angenommen hat.

Einfach ausgedrückt: Um das Miteinander möglich zu machen und zu organisieren, braucht der Mensch Regeln. Heraus kam das, was wir Moral nennen. Was das genau ist, haben Moraltheologen und Philosophen jahrhundertelang diskutiert und dicke Bücher darüber geschrieben. Ein kleiner Teil davon findet sich in Gesetzen wieder, zum Beispiel, dass man andere nicht töten darf und auch nicht stehlen oder betrügen. Auch Lügen gilt als unmoralisch, wird aber selten strafrechtlich verfolgt.

Zu viel und zu wenig

Eine Mutter hält mit erhobenem Zeigefinger ihrer Tochter eine Moralpredigt

Moralpredigten werden oft mit erhobenem Zeigefinger gehalten

Wie bei allen Dingen, gibt es auch bei der Moral ein richtiges Maß, aber auch ein Zuviel und ein Zuwenig. Wer ständig von Anstandsregeln spricht und anderen seine Vorstellungen von korrektem Verhalten aufdrängt, gilt als moralin, besonders penetrante Zeitgenossen sogar als moralinsauer. Beide Begriffe sind Kunstwörter und lehnen sich in ihrer Form an chemische Ausdrücke an, um das übermäßige Moralisieren ironisch zu entstellen.

Menschen, die durch ihre moralinsauren Bemerkungen auffallen, werden auch gerne als Moralapostel oder Moralprediger bezeichnet. Allerdings kann man auch ganz ohne Ironie von einer Moralpredigt sprechen, zum Beispiel dann, wenn Eltern mit ihren Kindern schimpfen und ihnen deutlich machen, was an ihrem Verhalten falsch und unanständig war.

Moral mal zwei

Eine Obdachlose schläft vor einem Luxushaus auf dem Boden

Mancher Politiker predigt Wasser und trinkt selbst Wein

Doppelt genäht hält besser: Das gilt redensartlich zwar in vielen Bereichen des Lebens, nicht aber bei der Moral. Wer demonstrativ und häufig Anstandsregeln formuliert, sich selber aber nicht an diese Regeln hält, misst mit zweierlei Maß und gilt als Mensch mit Doppelmoral, zum Beispiel Politiker oder Wirtschaftsbosse, die von der Bevölkerung Sparsamkeit und Bescheidenheit fordern, selbst aber ein aufwändiges, luxuriöses Leben führen. Um es mit einem Bibelzitat zu sagen, ist ein solches Verhalten Wasser predigen und Wein trinken.

Ein moderner Ausdruck für moralisch richtiges Verhalten ist „politisch korrekt“, der oft in der englischen Version der „political correctness“ anzutreffen ist. Politisch nicht korrekt ist es zum Beispiel, Witze über Menschen zu machen, die wegen ihrer Nationalität, Religion oder ihres Aussehens benachteiligt sind. Was umgangssprachlich gesprochen auch nicht geht, ist, in öffentlichen Diskussionen ordinäre Ausdrücke zu verwenden, in der Nase zu bohren oder Fingernägel zu kauen.

Andere Länder, andere Sitten

Menschen essen mit den Fingern

Andere Länder, andere Sitten

In manchen Staaten gilt es als unmoralisch, Alkohol zu trinken, in manchen ist es sogar unter Androhung einer Strafe verboten. In anderen Ländern wiederum gehört Alkohol dazu, festliche Anlässe wie Geburtstage und Hochzeiten zu begehen. Jede Kritik an Glaubensvorstellungen und deren Ausprägung – in welcher Form auch immer – wird in einigen Ländern gar als Gotteslästerung angesehen und schwer bestraft.

In anderen Ländern hingegen wird das als eigene Meinung und Ausdrucksform toleriert. Bei weniger dramatischen Kulturunterschieden, wie zum Beispiel der Tatsache, dass in manchen Regionen Asiens auch in Restaurants mit den Händen gegessen wird, kommentiert man dies mit dem Sprichwort Andere Länder, andere Sitten.

Jede Zeit hat ihre eigene Moral

Eine Wissenschaftlerin schaut durch ein Mikroskop

Für eine Frau war diese Arbeit irgendwann mal unmoralisch

Wie wandelbar die Moral ist, zeigt ein Blick in die Geschichte, auch in Deutschland. Noch in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts galt es als unmoralisch, mit einem Partner ohne Trauschein zusammenzuwohnen. Wer das als Vermieter gestattete, machte sich im Sinne des sogenannten „Kuppelei-Paragraphen“ sogar strafbar.

Blickt man noch weiter zurück, werden die Unterschiede noch größer. In früheren Jahrhunderten galt es als moralisch unanständig, wenn Frauen in Bereichen arbeiteten, in denen bis dahin ausschließlich Männer tätig waren. Und bis in die nachmittelalterliche Feudalgesellschaft war es durchaus üblich, dass Adelige ihre Untergebenen beschimpften oder schlugen. Hätten die ebenso gehandelt, wären sie nach der Herrschermoral schwer bestraft worden.

Die Dichter und ihre Moral

Zwei Vögel kämpfen ums Fressen

Was zählt, ist ein voller Bauch!

Bei einem so wichtigen Thema wie der Moral, dürfen die Dichter nicht fehlen. Das berühmteste Zitat verdanken wir Berthold Brechts Dreigroschenoper: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. Das Zitat wird immer wieder gerne benutzt, um deutlich zu machen, dass Essen meistens wichtiger ist als moralische Grundsätze, und dass moralisch nur der handeln kann, der genug zu essen hat.

Moral in einem ganz unmoralisierenden Sinn hat Wilhelm Busch beschrieben. Sein Und die Moral von der Geschicht’ ist das Fazit seiner Bildergeschichte Das Bad am Samstagabend. Darin beschreibt er zwei Jungen, die sich beim wöchentlichen Bad in der Wanne streiten und reichlich Unsinn treiben.

Die Moral von der Geschicht'

Buschs ironisches Fazit Und die Moral von der Geschicht’: Bad’ zwei in einer Wanne nicht! wird seitdem von vielen als Sprichwort in verkürzter Form verwendet. Die Moral von der Geschicht’ ist eine grundsätzliche Einsicht. Das könnte zum Beispiel sein, nicht in der Badehose in die Kirche zu gehen – selbst wenn man es wollte –, weil man sich sonst schlicht und einfach erkälten würde!





Fragen zum Text

Als Moralapostel werden Menschen bezeichnet, die …
1. besonders ehrlich und aufrichtig sind.
2. ihre Moral vor allem nach den Vorstellungen der Bibel ausrichten.
3. ständig anderen ihre persönlichen Anstandsregeln aufdrängen.

Personen mit Doppelmoral …
1. sind doppelt so bemüht wie andere, Verhaltensvorschriften einzuhalten.
2. halten sich selbst nicht an die von ihnen verkündeten Regeln und Ansprüche.
3. wechseln ständig ihre Meinung und wandeln ihre Moral von Tag zu Tag.

Die Moral von der Geschicht' ist …
1. eine Regel, die in einer religiösen Schrift betont wird.
2. die Art und Weise, wie ein religiöser oder literarischer Text aufgebaut ist.
3. die Einsicht, die als Bilanz am Ende einer Geschichte oder Situation entsteht.


Arbeitsauftrag
Moralische Regeln sind je nach Zeit, Ort und Kultur sehr unterschiedlich. Formuliere einen Erlebnisbericht aus deinem Alltag, der verschiedene Moralvorstellungen zeigt. Beschreibe mit Begriffen, die im Text vorkommen, was davon deiner Meinung nach übertrieben oder unehrlich ist, aber auch was du gut findest.

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