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Wirtschaft

Die Mittelschicht in der Krise

Wie geht es der Mittelschicht in Deutschland? Schlecht, zumindest laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Doch was hat zum Abstieg geführt, wovor haben die Betroffenen Angst?

Das Haus der Familie Mattei(Foto: DW)

Das Haus der Familie Mattei

Es ist idyllisch hier auf dem Land, im kleinen Dorf Lauenhain in Westsachsen. Jens Mattei räumt gerade seinen Lieferwagen aus, Werkzeug und Material verstaut er im Anbau hinter dem Einfamilienhaus. Es ist Montag Abend, kurz nach 18 Uhr. Seit ein paar Minuten hat der 43jährige Fliesenleger Feierabend. 10 Stunden war er heute unterwegs, zur Zeit arbeitet er auf drei Baustellen in der näheren Umgebung. Einer der Aufträge war länger geplant, zwei bekam er kurzfristig. Eine gute Woche, vielleicht zehn Tage hat er nun Arbeit, "dann müssen neue Aufträge ran", so der selbständige Handwerker. Zur Zeit laufe es ganz gut, meint er, trotz der allgemeinen Wirtschaftskrise, von der Jens Mattei fast täglich in der Zeitung liest. "Ich habe das Glück, durch viel Mundpropaganda an neue Aufträge zu kommen. Das ist gute Werbung".

Kosten drücken den Gewinn

Fliesenleger Jens Mattei (Foto: DW)

Fliesenleger Jens Mattei: "Vor zehn Jahren sah es noch wesentlich besser aus."

Jens Mattei ist seit 13 Jahren Fliesenleger, sein Unternehmen bestreitet er seitdem allein. Der Umsatz liegt bei etwa 35.000 Euro im Jahr. Was erst einmal nicht schlecht klingt, sieht nach Abzug aller Kosten schon weniger rosig aus. Etwa 1000 Euro bleiben dem Handwerker im Monat. Davon müssen Haus und Auto abbezahlt, der Kühlschrank gefüllt werden - und ab und an braucht die 12jährige Tochter eine neue Schultasche oder etwas Geld fürs Kino. Übrig bleibt da am Monatsende nichts. "Ich will nicht sagen, dass man für umsonst arbeitet, aber vor zehn Jahren sah es noch wesentlich besser aus." Die Preise, die er heute verlangen könne, hätten sich seitdem fast halbiert. Dafür seien die Kosten um gut 20 Prozent gestiegen. Nicht nur den Fliesenlegern gehe es so, auch vielen anderen Handwerkern in der Region. Klagen will Jens Mattei nicht, aber es "ist schon jeden Monat ein Kampf".

Bürokratie und Schwarzarbeit

Das deutsche Handwerk gehörte lange Zeit zur geschätzten Mittelschicht, für Qualität wurde gern etwas mehr bezahlt. Doch heute ersticken viele einerseits in zu viel Bürokratie und zu hohen Kosten, und andererseits versuchen die Kunden auch noch zu sparen. Leider nicht immer an der richtigen Stelle, meint Martina Mattei, die ihren Mann bei der Büroarbeit unterstützt, Rechnungen für ihn schreibt und im Internet nach neuen Auftraggebern sucht. "Es gibt viele, die kein Gewerbe angemeldet haben und das nebenher machen. Die bieten dann ihre Arbeit zu sehr geringen Stundensätzen an", so die 54jährige. Der Stundenlohn ihres Mannes könne deshalb nicht so einfach an die gestiegenen Kosten angepasst werden. "Wenn wir zu teuer werden, brechen die Aufträge weg." Das Problem sei die weit verbreitete Schwarzarbeit, die bedrohe das Handwerk und mindere die Einnahmen der ehrlichen Steuerzahler. Dazu drücken hohe Steuern auf die Gewinne. Verliert wie bei Familie Mattei dann noch einer den Job, wird es eng.

Discounter statt Shoppingmeile

Martina Mattei unterstützt ihren Mann im Büro (Foto: DW)

Martina Mattei unterstützt ihren Mann im Büro

Martina Mattei arbeitete fast 30 Jahre lang als Sekretärin, nun ist sie seit drei Jahren arbeitslos. Nun muss ihr Mann zu einem großen Teil allein für das Wohl der Familie sorgen. Ein Kraftakt , denn jeden Monat müssen die Raten fürs Haus pünktlich überwiesen werden, egal, ob die eigenen gestellten Rechnungen bereits bezahlt sind oder nicht. Zum Glück sei die Zahlungsmoral der überwiegend privaten Kunden im Moment noch gut. Es gehe schon irgendwie, sagt Martina Mattei, "aber die Angst wird größer, am Ende vielleicht den Kredit fürs Haus nicht mehr bedienen zu können." Oder sich überhaupt nichts mehr leisten zu können. Der letzte Familienurlaub liegt ein Jahr zurück, ob es 2010 einen geben wird, steht noch nicht fest. Einkaufen geht Martina Mattei schon längst nur noch beim Discounter. Und mal eben Shoppen und einfach so ein paar Euro ausgeben, das sei im Moment definitiv nicht drin. "Ich würde sagen, im Moment geht es uns schlecht. Was aber damit zu tun hat, dass ich jetzt arbeitslos bin." Doch mit Mitte 50 einen neuen Job finden, Martina Mattei macht sich da nur wenig Hoffnung. Weiter versuchen will sie es trotzdem. Die Hoffnungen ruhen allerdings mehr auf ihrem Mann. "Seine Aufträge müssen weiter so laufen wie bisher oder sogar noch etwas besser werden. Dann dürfte unsere Zukunft in halbwegs vernünftigen Bahnen verlaufen."

Autor: Ronny Arnold
Redaktion: Zhang Danhong



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