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Asien

"Die Menschen in Kirgisistan hoffen auf Ruhe"

Am Sonntag wird in Kirgisistan gewählt. Gelingt nach den Unruhen der Sprung zur parlamentarischen Demokratie? Darüber sprach DW-WORLD.DE mit Bettina Ruigies. Sie arbeitet für den deutschen Expertendienst CIM im Land.

Plünderung der Zentrale der Ata-Schurt-Partei (Foto: AP)

Kurz vor der Wahl wurde die Zentrale der kirgisischen 'Vaterlands'-Partei geplündert

DW-WORLD.DE: Frau Ruigies, gerade erst hat es wieder Ausschreitungen in der Hauptstadt Bischkek gegeben. Was können Sie uns über die aktuelle Lage in Kirgisistan sagen?

Bettina Ruiges: Also offiziell wird natürlich alles versucht, damit es vor den Wahlen am Sonntag ruhig bleibt. Aber jetzt ist es doch wieder zu Zwischenfällen gekommen. Wir hören von Übergriffen auf einige Parteien und Parteizentralen. Man spricht zwar von einem fairen Wahlkampf, aber so ganz scheint das in der Praxis nicht zu funktionieren.

Wie hat sich denn die Situation entwickelt seit den schweren Unruhen im Frühjahr und den Übergriffen auf die usbekische Minderheit?

Also direkt nach den Unruhen war die Stimmung im Land natürlich sehr angespannt. Und ganz besonders beim Referendum Ende Juni war die Lage gespannt wie ein Flitzebogen. Danach wurde es dann erstaunlich ruhig in Bischkek. Und dann kam der Wahlkampf. Ein eigentlich unglaublicher Wahlkampf, der eher ruhig und gesittet ablief und der nach westlichem Vorbild mit viel PR geführt wurde. Aber obwohl man versucht hat, sich zu disziplinieren, kommt es jetzt doch wieder zu Übergriffen.

Die Lage im Süden scheint weiter angespannt zu sein. Manche Beobachter befürchten sogar, dass es zu einer Spaltung des Landes kommen könnte.

Ja, es gibt derzeit viele Varianten und Gerüchte. Und es werden viele Ängste geschürt. Man hört einiges, und weiß nicht, was man davon halten und wieviel man glauben soll. Wenn man sich aber mit den Leuten auf der Straße unterhält, dann stellt man fest, dass im Prinzip alle an einem Ziel interessiert sind: Die Menschen möchten Ruhe in ihrem Land. Sie möchten zur Ruhe kommen.

Nach der Vertreibung des früheren Präsidenten Kurmanbek Bakijew und der Bildung der amtierenden Übergangsregierung unter Rosa Otunbajewa gab es so etwas wie eine Aufbruchstimmung. Was ist davon noch zu spüren?

Im Moment steht alles im Zeichen des Wahlkampfs, und ich denke, jeder schaut jetzt erstmal zu und wartet ab, wie es weitergeht. Die Menschen in Kirgisistan haben einfach schon sehr viel kommen und gehen sehen und müssen sich jetzt erst wieder neu orientieren. Mein Eindruck ist, dass die Leute sich gar nicht richtig vorstellen können, was beispielsweise ein Mehrparteiensystem ist. Man erzählt ihnen, dass es eine parlamentarische Demokratie geben soll, und auf einmal gibt es fast 30 Parteien, unwahrscheinlich viele Politiker und eine gigantische Werbekampagne. Auf die Menschen prasselt derzeit einfach sehr viel Neues ein. Und ich denke, viele ziehen da für sich die Schlussfolgerung, erst einmal den eigenen, persönlichen Weg zu gehen, also abzuwarten und sich auf sich selbst verlassen.

Bettina Ruigies arbeitet in Kirgisistan für den deutschen Experten-Dienst CIM.

Das Gespräch führte Thomas Kohlmann
Redaktion: Esther Broders