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Fokus Osteuropa

"Die Menschen in der Ukraine sind enttäuscht"

Oppositionelle und Intellektuelle in der Ukraine sehen in den jüngsten ukrainisch-russischen Abkommen eine Gefahr für die Unabhängigkeit des Landes. Ein Interview mit dem bekannten Schriftsteller Juri Andruchowytsch.

Foto des ukrainischen Schriftstellers Juri Andruchowytsch (Foto: Juri Andruchowytsch)

Juri Andruchowytsch

DW-WORLD.DE: Mehrere oppositionelle Parteien und gesellschaftliche Organisationen haben ein "Volkskomitee zum Schutz der Ukraine" gegründet. Es will sich für die nationalen Interessen sowie die europäische Integration des Landes einsetzen. Zahlreiche Intellektuelle haben sich dem Komitee angeschlossen, darunter auch Sie. Warum?

Juri Andruchowytsch: Dazu habe ich mich entschlossen, weil es mir absolut nicht liegt, nur zu beobachten und abzuwarten. Ich bin meinem Charakter und Verhalten nach eher ein Aktivist.

Das jüngste Abkommen besagt, dass die russische Schwarzmeer-Flotte den Stützpunkt auf der ukrainischen Halbinsel Krim für weitere 25 Jahre pachten darf - und die Ukraine erhält dafür einen 30-prozentigen Nachlass auf russische Erdgaslieferungen. In Europa sieht man die jüngste Entwicklung der ukrainisch-russischen Beziehungen eher gelassen. Warum ist das in Ihrer Heimat anders?

Monument der Unabhängigkeit der Ukraine auf dem Platz der Unabhängigkeit (Foto: DW)

Monument der Unabhängigkeit in Kiew

Das, was man in Europa als "Verbesserung der Beziehungen" zwischen Russland und der Ukraine betrachtet, erscheint uns als totale Demontage der ukrainischen Staatlichkeit und als Übernahme der Ukraine durch Russland. Diesen Angriff spürt man jeden Tag sehr real, und das auf allen Ebenen. Es ist ein blendender und siegreicher Krieg.

Ein Krieg ohne militärische Mittel?

Im 21. Jahrhundert sind solche Kriege die wirksamsten. Ich kann allerdings nicht ausschließen, Gott bewahre, dass irgendwann auch militärische Mittel angewandt werden. Aber wohl wissend, wie geduldig und zurückhaltend die Mehrheit der ukrainischen Gesellschaft ist, wird es wohl nicht so weit kommen. Es besteht einfach die reale Gefahr, dass das verloren geht, was wir in den letzten 19 Jahren als "unabhängige Ukraine" bezeichnet haben.

Ist diese Befürchtung unter den Menschen weit verbreitet, oder sind eher einzelne Intellektuelle dieser Meinung?

Ich denke, eher das Letztere. Aber ohne diese Einzelnen wird sich in der Gesellschaft nichts ändern. Ich spreche jeden Tag mit Menschen und sehe, dass sie alles sehr gut verstehen, aber sie resignieren. Sie wissen nicht, wie sie protestieren sollen. Sie sind sehr enttäuscht. Aufrufe könnten über längere Zeit verhallen, aber dennoch muss man die Dinge aussprechen. Wahrscheinlich ist das auch die Hauptaufgabe des neuen Komitees.

Dem Komitee gehören viele Schriftsteller an. Der Schriftstellerverband wird von Wolodymyr Jaworiwskyj geleitet, einem führenden Mitglied des Parteienbündnisses "Block Julia Timoschenko". Könnte der Verband Teil einer politischen Bewegung werden?

Gebäude der Präsidentenadministration in Kiew (Foto: DW)

Sitz des Präsidenten der Ukraine

Das kann man nicht ausschließen. Historische Tatsache ist, dass alle unsere Befreiungsbewegungen in den Jahren 1989-1991 vom Schriftstellerverband ausgingen. Dort fanden die ersten Sitzungen der Initiativgruppen der Volksbewegung statt. Es ist doch symbolisch, dass diese Insel des Widerstands sich in derselben Straße befindet, wie auch die Präsidentenadministration.

Wie steht es um die Meinungsfreiheit in der Ukraine?

In den alltäglichen Medien existiert sie so gut wie nicht mehr. Was übrig bleibt, ist das Internet. Russland ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Aber wir leben in einer Zeit, in der es zum Glück unmöglich ist, die Meinungsfreiheit mit technischen Mittel gänzlich zu vernichten. Aber es ist traurig, dass sie aus den traditionellen Fernsehkanälen in Blogs und einige wenige Online-Zeitungen verdrängt wird.

Juri Andruchowytsch ist ein ukrainischer Schriftsteller, dessen Werke international übersetzt wurden. Er erhielt 2006 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Völkerverständigung.


Das Gespräch führte Zakhar Butyrskyi / Markian Ostaptschuk
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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