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Geschichte

Die Memel, ein europäischer Strom

Tausend Kilometer und ein paar Jahrhunderte europäischer Geschichte: Die Memel ist mehr als nur ein Strom im östlichen Europa.

Wo auf der Welt gibt es einen Strom, der fünf verschiedene Namen hat? An dessen Ufern sich so viel Geschichte auftürmt? Der Zeuge politischer, gesellschaftlicher Umbrüche war – und an dessen Gestaden sich eine so einmalige kulturelle Vielfalt widerspiegelt? Man müsste lange suchen! Die Memel – oder Njemen, Neman, Njoman, Niemen – ist ein im wahrsten, im besten wie auch im schrecklichen Sinne europäischer Strom. Von der Quelle bei Minsk bis zur Mündung ins Kurische Haff fließt sie auf tausend Kilometern durch drei Länder: Weißrussland, Litauen und Russland. Und sie war immer weit mehr als nur ein Fluss.

memel © Matthias Krüttgen #2040242

Die Memel in Litauen

Symbol und Inspiration

Als Strom des untergegangenen Ostpreußen ist sie für viele das Symbol einer verlorenen Heimat. Für Litauer, Polen, Weißrussen symbolisiert sie das Zusammenleben verschiedener Kulturen und Völker. Die Memel hat Dichter und Künstler inspiriert, Historiker und Filmemacher. Die Deutschen Johannes Bobrowski, Hermann Sudermann und Ernst Wichert haben sie in ihrer ganzen Schönheit beschrieben, der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz hat sie besungen, der litauische Lyriker und Essayist Tomas Venclova hat über das Völkergemisch an ihren Ufern nachgedacht, in der Poesie der weißrussischen Dichter Jakub Kolas und Jan Kupala spielt sie eine Rolle. Und Maler wie Lovis Corinth haben ihre Schönheit gepriesen.

Kulturhistorische Reise

Der Journalist Uwe Rada hat die Memel bereist, ihren Lauf verfolgt, die Regionen rechts und links historisch und geografisch in Augenschein genommen,  er nennt die Memel einen "Strom der Erinnerung". Sein überaus lesenswertes Buch ist eine wahre Fundgrube an Geschichte und Geschichten von Menschen, Landschaften, Begebenheiten. Der Autor begleitet uns in die beschwerliche Welt der Flößer, die schon seit dem 16. Jahrhundert auf dem Wasserweg riesige Holzstämme transportierten, er beschreibt den Alltag der Bauern in den kleinen Dörfern am Ufer. Wir lesen von Kämpfen um Macht und Einfluss, folgen den Pfaden von Ordensrittern, Zaren und einer preußischen Königin. Wir erfahren, wie am Rande der Memel Staaten zerfielen und neue gebildet wurden. Wir lesen von großen Kriegen – von Napoleons Weg ins Verderben beim Vormarsch Richtung Moskau 1812, vom Untergang der jüdischen Kultur im Zweiten Weltkrieg und von der sowjetischen Herrschaft, die der Region ihren Stempel aufdrücken wollte.

Die Memel als Kulturraum wird hier erlebbar  – in einem zutiefst europäischen Sinn, und nicht als eine vorrangig von nationaler Borniertheit und von Grenzen bestimmte Region. Historische Quellen, literarische Zeugnisse und persönliche Beobachtungen mischen sich zu einem Kaleidoskop der Entdeckungen. Man bekommt Lust, selber hin zu fahren!

Uwe Rada „Die Memel – Kulturgeschichte eines europäischen Stromes“ Siedler-Verlag, 366 Seiten, € 19,95, ISBN 978-3-88680-930-1