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Wissen & Umwelt

Die Meisterin der Materie-Forschung

Die italienische Physikerin Fabiola Gianotti übernimmt als erste Frau die Leitung des Kernforschungszentrums CERN in Genf. Ab 2016 wird sie Generaldirektorin und folgt damit dem Deutschen Rolf Heuer nach.

Der Rat des Europäischen Zentrums für Kernforschung CERN, hat die Italienerin Fabiola Gianotti zur Generaldirektorin ab Januar 2016 ernannt. Am Freitag bestätigte das CERN die Entscheidung gegenüber der DW. Damit besiegelte der Rat eine erste Auswahl auf seiner vorangegangenen Sitzung am 4. November.

Weltberühmt wurde die Teilchenphysikerin vor zweieinhalb Jahren am 4. Juli 2012: Sichtbar von Stolz und Freude erfüllt stand sie vor den Bänken des voll besuchten Hörsaals im CERN, auf denen zahlreiche Menschen aus verschiedenen Regionen der Welt gebannt ihrer Präsentation lauschten.

Es war eine Sternstunde im Leben von Fabiola Gianotti und ganz sicher in der Geschichte der Physik: Die Wissenschaftlerin verkündete die Entdeckung des Higgs-Bosons, des lange gesuchten, theoretisch vermuteten, Elementarteilchens, das letzte fehlende Stück im Puzzle des universellen Standardmodells der Materie.

Längsansicht des ATLAS-Detektors (Foto: Lashkar Kashif)

Riesenmaschine für kleinste Teilchen. Der Atlas-Detektor ist Fabiola Gianottis Reich

Königin der Physik

Das TIME-Magazin ehrt die Physikerin daraufhin als "Runner-Up", als eine der vier Personen auf dem zweiten Platz zur "Person des Jahres 2012". Den ersten Platz hatte damals US-Präsident Barack Obama bekommen. Aber das Higgs-Boson wurde immerhin zum "Teilchen des Jahres" gekürt.

Die Fotos von Gianotti im TIME-Magazin sehen aus wie Staraufnahmen: In einem knallroten, eleganten Kleid, die schwarzen Haare adrett nach hinten gestylt, die Füße auf hohen Stöckelschuhen leicht gekreuzt, steht die schlanke Italienerin in anmutiger Pose, fast an eine Ballerina erinnernd, vor Maschinen des CERN im Hintergrund. Dass sie in verschiedenen Presseartikeln auch als "Unsere Königin" oder "Königin der Physik" bezeichnet wurde, bezieht sich sicherlich in erster Linie auf ihre Kompetenz und Vorbildfunktion, es passt aber auch zu ihrer Ausstrahlung.

Gianotti war von März 2009 bis Februar 2013 Leiterin des ATLAS-Experiments am CERN, das die Erforschung des Higgs-Bosons beinhaltete. Somit fiel auch der historische Moment der Entdeckung des Elementarteilchens in diesen Zeitraum.

Dabei leitete sie ein internationales Team, das einschließlich der Kollaborationen – etwa mit Universitäten – gut 3000 Mitarbeiter aus 38 Ländern umfasste. Die Arbeit am CERN sei "nicht nur ein großes wissenschaftliches Unternehmen, sondern auch ein einzigartiges menschliches Abenteuer," sagte Gianotti. Mit so vielen Menschen aus der ganzen Welt zu arbeiten sei "bereichernd und stimulierend".

Physikerin mit Humor und Faible für Schrifttyp "Comic Sans"

Als sie die Entdeckung des Higgs-Bosons verkündete, bewies die Teilchenphysikerin sowohl Eigenwille als auch Humor. So wählte sie für ihre Präsentation die aus Comic-Sprechblasen bekannte Schriftart "Comic Sans" – sehr ungewöhnlich und gewagt für eine professionelle Präsentation – erst recht für eine wissenschaftliche.

Prompt sorgte ihre Schriftwahl in der Folge auch für reichlich Diskussionen in einschlägigen Foren und sozialen Medien. Das CERN nahm es mit Humor und verkündete auf der Instituts-Homepage als Update zum 1. April 2014: Eine Analyse habe ergeben, dass ein großer Prozentsatz des Erfolgs der Präsentation nicht auf den eigentlichen Inhalt der Entdeckung des Higgs-Teilchens zurückzuführen sei, sondern auf ihre Schriftwahl.

Deshalb würde das CERN in Zukunft alle seine offiziellen Kommunikationskanäle komplett auf die Schriftart "Comic Sans" umstellen. Der Aprilscherz schloss mit der Ankündigung, dass außerdem besonders wichtige wissenschaftliche Entdeckungen in Zukunft auf der Homepage durch kleine animierte klatschende Hände begleitet werden sollten.

Peter Higgs, Fabiola Gianotti und Rolf Heuer bei einer Veranstaltung am CERN in Genf (Foto: Reuters)

Teilchenphysiker in Feierstimmung: Peter Higgs, Fabiola Gianotti und Rolf Heuer (dahinter)

Teilchenphysikerin aus Passion

Die am 29. Oktober 1960 in Rom geborene Italienerin erwarb ihren Doktorgrad in experimenteller Teilchenphysik 1989 an der Universität Mailand. Seit 1994 arbeitet sie als Forscherin am CERN. Mittlerweile ist sie Autorin oder Co-Autorin von mehr als 500 wissenschaftlichen Publikationen und Mitglied in zahlreichen internationalen Forschungs-Komitees.

Seit kurzem wirkt sie auch im wissenschaftlichen beratenden Gremium des UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon mit. Seit August 2013 ist sie außerdem Honorarprofessorin an der Universität von Edinburgh. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Auszeichnungen erhielt sie Ehrendoktortitel von vier Universitäten: Uppsala (Schweden), Lausanne (Schweiz), Montreal (Kanada) und Oslo (Norwegen).

Das nächste Jahr wird eine Übergangszeit sein, in der sich Gianotti darauf vorbereitet, die Nachfolge des jetzigen Generaldirektors Rolf Heuer zum 1. Januar 2016 für fünf Jahre zu übernehmen – als erste Frau in einer Folge von 15 vorherigen Generaldirektoren in der 60-jährigen Geschichte des CERN. Rolf Heuer freute sich jedenfalls sichtlich über die Wahl des Rates. Er sei zuversichtlich, dass das CERN bei Gianotti "in guten Händen" sei.

Hüterin des CERN

Auch Fabiola Gianotti freute sich, dieses "Zentrum wissenschaftlicher Exzellenz" leiten zu dürfen. Das CERN sei "ein Ursprung des Stolzes und der Inspiration für Physiker in der ganzen Welt" und eine "Wiege für Technologie und Innovation".

Genauso wichtig sei für sie aber auch, dass das Forschungszentrum in Genf ein"leuchtendes konkretes Beispiel für weltweite wissenschaftliche Kooperation und Frieden", sei. Sie wolle sich voll und ganz dafür einsetzen, die Exzellenz des CERN in all seinen Eigenschaften zu erhalten – "mit der Hilfe von allen, einschließlich des Rates und den Mitarbeitern des CERN und Usern aus der ganzen Welt".

Die Physiker am CERN erforschen die fundamentalen Strukturen des Universums von Grund auf. Ausgehend von kleinsten Teilchen versuchen sie auf das große Ganze rückschließen zu können. Die grundlegenden physikalischen Fragen unserer Zeit erkunden sie mittels einiger der größten und komplexesten Forschungsinstrumente der Welt.

In einem riesigen Apparat, dem "Large Hadron Collider (LHC)", bringen sie Teilchen, die nahe der Lichtgeschwindigkeit unterwegs sind, zur Kollision. Aus dabei freigesetzten Partikeln und sichtbar werdenden Energiezuständen ziehen die Physiker Rückschlüsse wie die Teilchen miteinander agieren und somit auf die Eigenschaften von Materie und auf fundamentale Naturgesetze. Nach einer mehrjährigen Wartungs- und Modernisierungspause wird der HLC im Frühjahr 2015 mit höherer Energie anlaufen als in den Jahren davor. Das nächste Ziel der Forscher: Eine Erklärung dafür finden, was dunkle Materie und was dunkle Energie ist.