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Welt

Die Medien und die Katastrophe

Wenn Hilfsorganisationen Medienvertreter zu einem Katastropheneinsatz mitnehmen, profitieren im Idealfall alle davon. Ohne Schwierigkeiten ist diese Kooperation allerdings nicht.

Wo hat der Taifun Haiyan die meisten Opfer gefordert? Dort, wo die Kameras der Nachrichtensendungen es uns zeigen? Wo hat das Erdbeben auf Haiti 2010 den schlimmsten Schaden angerichtet? Dort, wo der Radiokorrespondent gerade steht? Und wo hat der Tsunami 2004 am verheerendsten gewütet? Dort, wo der Zeitungsreporter es beschreibt? Falsch. Das Beispiel der Philippinen zeigt: Betroffen sind alle Landesteile - die Hilfe und die Medienberichterstattung konzentrierten sich aber zunächst vor allem auf die Großstadt Tacloban. Der UN-Chefkoordinator für Katastropheneinsätze, Sebastian Rhodes Stampa, warnte eindringlich: "Es besteht die Gefahr, dass wir uns zu sehr auf Tacloban fokussieren." Die Hilfe müsse dringend auch andere betroffene Regionen erreichen. Und die Berichterstattung?

"Verzerrte Darstellung"

Ein Hubschrauber landet auf der Tacloban Air Base auf den Philippinen (Foto: Reuters)

Tacloban: Die Hilfe kommt zuerst dorthin, wo es noch Infrastruktur gibt

Warum der Fokus der Medien auf Tacloban lag, erklärt sich leicht: Führende Hilfsorganisationen sind heutzutage mit großen Pressestäben vor Ort. Und viele Journalisten, die aus einem Krisengebiet berichten, reisen mit Hilfsorganisationen dorthin und bleiben in ihrem Tross. Der "embedded journalism", die in den Einsatz eingebettete Berichterstattung, ist praktisch. Die damit einhergehende Konzentration auf ein betroffenes Gebiet drängt aber andere, möglicherweise stärker betroffene Regionen medial in den Hintergrund.

"Das kann dazu führen, dass die Probleme in einem Land verzerrt dargestellt werden", sagt Hans-Joachim Heintze vom Institut für Friedenssicherung und humanitäres Völkerrecht der Ruhr-Universität Bochum. Das wiederum kann Einfluss auf die politische Entscheidung haben, wo und wie geholfen wird. Das wollen die Katastrophenhelfer natürlich so nicht stehen lassen. Wo als erstes geholfen werde, hänge in erster Linie von den Umständen ab, betont Steffen Richter von der Hilfsorganisation Humedica. "Die Zentren werden automatisch zuerst angesteuert, weil es dort Infrastruktur gibt, oder - wenn die Stadt zerstört ist - zumindest gab."

Auf den Philippinen war Tacloban demnach ein logischer Anlaufpunkt, denn die Zerstörung war besonders groß, während die Infrastruktur noch funktionierte beziehungsweise wiederhergestellt werden konnte, vor allem der Flughafen. Von dort aus sei die Hilfe mittlerweile auch in die anderen Regionen gekommen, bekräftigt Richter. Aus Tacloban kamen die meisten Medienberichte - aber dass das die Wirksamkeit der Hilfe beeinflusst hat, glaubt er nicht.

Die "vergessenen Konflikte"

Ein Zeltlager in der Region Westsahara (Foto: Epa)

Ein vergessener Krisenort: die Region Westsahara

Nicht nur innerhalb eines Katastrophengebietes setzen die Medien solch unterschiedliche Akzente. Es gibt Konflikte, die öffentlich kaum wahrgenommen werden und für deren Opfer es dann auch weniger finanzielle Unterstützung gibt - wie zum Beispiel in der von Marokko besetzten Westsahara und im Ost-Kongo, wo es immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt.

Nach Richters Erfahrung hat das viel damit zu tun, wie sehr sich Menschen mit den Folgen einer Katastrophe identifizieren können. Stürme und Überschwemmungen kommen auch in Deutschland vor - wenn auch nicht in dem verheerenden Ausmaß wie nun auf den Philippinen oder 2004 beim Tsunami. Das Leid, das Kriege verursachen, sei in der Öffentlichkeit dagegen schwerer zu vermitteln. Sie sind von Menschen gemacht und die Skepsis ist größer, ob Spenden auch die "richtigen" Kräfte in dem jeweiligen Land unterstützen.

Gefühlte Nähe bringt Spenden

Prof. Dr. Hans-Joachim Heintze, Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV) Ruhr-Universität Bochum

Hans-Joachim Heintze

Grundsätzlich brauchen Hilfsorganisationen und Medien einander. Für die Journalisten gibt es oft keine andere Möglichkeit, als über eine solche Kooperation in ein Krisengebiet zu kommen. Für die Hilfsorganisationen gilt: Eine höhere Medienpräsenz sorgt für mehr Spenden, "auch wenn das nicht genau in Euro und Cent bemessen werden kann", erklärt Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), das die Verwendung von Spendengeldern überprüft. Die Erfahrung zeige, "dass die Menschen umso eher zu Spenden bereit sind, wenn sie unmittelbare und authentische Informationen und Bilder aus den Hilfsgebieten erhalten." Zugleich dienen Medienbeiträge den Hilfsorganisationen als Rechenschaftsbericht über die Verwendung ihrer Gelder - was die Spender in zunehmenden Maß auch verlangen.

Steffen Richter hat im Umgang mit Medienvertretern fast ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. Die Humedica-Einsatzkräfte werden in Öffentlichkeitsarbeit geschult. Außerdem versucht die Organisation grundsätzlich, ihre Einsätze von Journalisten begleiten zu lassen und stellt ihnen auch Bildmaterial zur Verfügung. Das wirke intensiver als bezahlte Anzeigen und Fernsehspots. "Natürlich kann es zu Diskussionen kommen, wenn ein Journalist mit einem Team von Helfern mitfahren möchte, aber kein Platz mehr im Auto ist." Oft entstünden aber echter Team-Spirit und tiefe Freundschaften zwischen Helfern und Journalisten im Einsatzgebiet. Die meisten Journalisten entschieden intuitiv richtig, wenn es darum gehe, in brenzligen Situationen anzupacken statt zu filmen oder die Kamera einfach abzuschalten.

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