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Bücher

Die Mauer steht noch - im Roman "Plan D"

"Plan D" heißt der Debutroman von Simon Urban. Eine Groteske über die DDR - wenn es sie heute noch gäbe - und zugleich ein tiefgründiger Spionagethriller. Ein Interview mit dem Autor.

Ausschnitt aus dem Buchcover Simon Urban: Plan D (Schöffling Verlag)

Deutschland im Jahr 2011: Die deutsche Wiedervereinigung hat nicht stattgefunden, stattdessen kam es 1990 zur sogenannten "Wiederbelebung" der DDR. Der SPD-Politiker Oskar Lafontaine ist inzwischen Kanzler der Bundesrepublik, Egon Krenz der Staatsratsvorsitzende der DDR und Otto Schily Chef einer weichgespülten DDR-Staatssicherheit. Mitten durch die DDR verläuft eine russische Gas-Pipeline, für die der energiehungrige Westen Transitgebühren an Ost-Berlin zahlt.

DW-WORLD.DE: Simon Urban, das ist das Setting in Ihrem Roman "Plan D" - ein Horrorszenario, wenn man das so hört, eine Groteske voller Komik, wenn man das Buch liest. Was hat Sie bewogen, die Mauer literarisch wieder aufzurichten?

Porträt des Autors Simon Urban (Foto: Schöffling Verlag)

Simon Urban

Simon Urban: Ich habe vor drei Jahren ein Buch gelesen von Michael Chabon, einem amerikanischen Pulitzerpreisträger: "Die Vereinigung jiddischer Polizisten". Es spielt auch mit einem großen weltalternativen Szenario - nämlich mit der Idee, dass die Juden nach dem Zweiten Weltkrieg nach Alaska ausgesiedelt wurden und nicht in den Staat Israel. Tatsächlich ist mir beim Lesen dieses Buches die Grundidee gekommen. Ich habe mich gefragt, was wäre eigentlich, wenn es mit der deutschen Geschichte an dieser Stelle der Wiedervereinigung anders gelaufen wäre. Und ich konnte mir das nicht nur durch Nachdenken beantworten, deswegen habe ich angefangen, es zu erzählen.

Was ist das für eine DDR, die Sie da beschreiben? Das ist ja kein funktionierender, blühender Sozialismus?

Auf keinen Fall. Nein, es ist eine DDR, die sich in den Grundbedingungen eigentlich gar nicht so sehr unterscheidet von der, die wir als historische DDR kennen. Es ist nach wie vor ein nicht funktionierender Sozialismus. Die Wirtschaft ist am Boden. Die Stasi bespitzelt das Volk. Alles ist grau und düster. Aber es gibt ein paar Dinge, die sich durchaus geändert haben. Zum Beispiel ist die DDR in meinem Roman Weltmarktführer der Handy-Technologie - auf Grund von Stasitechnik, die dahinter steckt. Oder es gibt einen Nachfolger des Trabants, den Phobos, der mit Rapsöl fährt, weshalb die ganze DDR nach Frittierfett riecht. Und das Land verdient sein Geld mit Transitgebühren für Gas, das aus Russland nach Westeuropa geleitet wird.

Werbeanzeige für Bionier Walderdbeere (Foto: Schöffling-Verlag)

Walderdbeere

Was mal die Autobahn war, ist jetzt also die Gaspipeline. Sie haben das so schön beschrieben bis in den absurden Alltag hinein, bis in die Namen der fiktiven Produkte. In ihrem Roman gibt es zum Beispiel die "Bionier-Brause". Das ist ein schönes Wortspiel aus 'Bionade' und 'Pionier'. Sie arbeiten in einer Kreativagentur, ist da die Phantasie mit Ihnen durchgegangen?

Ja, vielleicht ein bisschen. Aber auch wenn ich nicht in der Werbung arbeiten würde, hätte ich bestimmt eine Menge Produkte eingebaut. Zum einen reizt es natürlich, Erfindungen zu machen - eben auch Alltagserfindungen - wenn man versucht so eine alternative Welt aufzubauen. Zum anderen findet man im Bereich des Science-Fiction-Genres - auch wenn ich meinen Roman auf gar keinen Fall dazu zählen würde - oft genau solche erfundenen Produkte, veränderte Marken, weil das einfach Indikatoren für den Zeitgeist sind.

Sie sind 1975 in Hagen geboren. Ein Wessi also. Sie waren vierzehn, als die Mauer fiel. Was haben Sie denn für ein Bild von der DDR gehabt? Waren Sie damals schon mal da?

Werbeanzeige für Bionier Waldmeister (Foto: Schöffling-Verlag)

Waldmeister

Ja, wir waren tatsächlich mehrfach damals mit meinen Eltern in West-Berlin und mussten durch die DDR fahren. Aber bei mir ist davon tatsächlich ganz wenig hängen geblieben, auch gar nichts Bestimmtes oder Konkretes, das ich jetzt irgendwie hätte verwenden können, sondern eigentlich nur ein ganz diffuses Bild, und das setzt sich auch weitestgehend zusammen aus Fernsehbildern, die man in seinem Leben gesehen hat. Ich habe nicht besonders viel mehr Ahnung gehabt von der DDR als jeder andere auch, bevor ich angefangen habe zu schreiben. Und vielleicht ist es jetzt sogar nicht so viel mehr geworden, weil ich eigentlich mehr erfunden als recherchiert habe.

Es klingt aber alles sehr stimmig. Vor allem müssen wir erwähnen, dass diese DDR in ihrem Buch der Hintergrund für einen äußerst spannenden Agententhriller mit immer neuen Überraschungen ist. Die Geschichte beginnt mit einem Mord, der in letzter Konsequenz die Existenz der (fiktiven) DDR gefährdet. Ein Team aus einem Ost- und einem Westkommissar soll die Situation retten. Das ist nicht nur spaßig, das kann man auch lesen als Ihre, als eine Auseinandersetzung mit dem Sozialismus schlechthin.

Bestimmt kann man das. Aber ich finde, das ist nicht nur rückwärts gewandt. Wenn man die Idee hat, dass man eine DDR im Jahr 2011 erzählt, dann ist das automatisch ein Text, der DDR-Kritik übt. Zumindest, wenn die DDR so aussieht wie in meinem Roman. Aber es ist natürlich für mich vor allem ein Text über das Deutschland von heute. Und das war für mich der grundsätzliche Anreiz, nämlich quasi zu versuchen, über die Verfremdung, über diese DDR, einen Text über unsere tatsächliche Gegenwart zu schreiben. Etwas zu zeigen, indem man es verzerrt. Und das ist eigentlich mein Hauptanliegen und meine Idee gewesen.

Buchcover Simon Urban: Plan D (Foto: Schöffling Verlag)

Der Roman endet damit, dass für den Leser der Fall gelöst ist. Der Kommissar ist dennoch gescheitert. Und die DDR gibt es trotz einiger Anschläge immer noch. Planen Sie eine Fortsetzung?

Das ist möglich. Ich habe mir tatsächlich ein paar Fäden liegen lassen. Ich bin auch immer noch relativ in dieser Welt drin und habe viele Ideen, weiß aber nicht, ob ich das kann, ob ich das hinkriege. Das muss ich mal versuchen. Tatsächlich ist dieser Text auch ganz stark vor dem Hintergrund aktueller Politik und aktueller Geschehnissen entstanden, und vielleicht muss ich auch da noch was verändern, das mir sozusagen neuen Stoff gibt, auf den ich mich beziehen kann. Es ist jetzt nicht so, dass ich da gerade dran sitze. Aber es ist durchaus ein Gedanke, den ich auch schon hatte.

Das Gespräch führte Gabriela Schaaf

Redaktion: Claudia Unseld

Simon Urban: Plan D. Roman. Verlag Schöffling & Co. Frankfurt 2011. 550 S. 24,95 €

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