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Alltagsdeutsch – Podcast

Die Macht des Machens

Das Wort "machen" wirkt harmlos und bescheiden. Dennoch verfügt es über eine gehörige Portion Macht, weil sich mit ihm mehr machen lässt als man vermuten mag. Ein Nachteil: Es macht der Verben-Vielfalt den Garaus!

Sprecher 1:

Naturwissenschaften und Technik haben dem Menschen in den letzten vierhundert Jahren einen neuen Glauben wachsen lassen, den Glauben an die Machbarkeit. Alles ist machbar. Der Mensch wurde vom bloßen Geschöpf Gottes zum Macher, beinahe zum Alleskönner.

Sprecher 2:

Am liebsten möchte er sich auch von der Allmacht Gottes, vom Allmächtigen, lösen und sich endlich selbst machen, vielleicht sogar besser, als es einst der Schöpfer getan, gemacht hat. Daran scheinen ihn auch die Probleme und Katastrophen, die er bisher schon verursacht hat – die also hausgemacht sind – nicht hindern zu können.

Sprecher 1:

Schauen wir einmal in die Bibel und lesen – nach der Übersetzung Martin Luthers – in der Genesis, im ersten Buch Mose:

Sprecherin:

"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde." …

Sprecher 1:

"… und er schied das Licht von der Finsternis, das Land vom Wasser, er ließ Gras und Kraut aufgehen und bald wimmelte es von Getier. Und dann war es endlich soweit: …

Sprecherin:

… Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, und schuf sie als Mann und Frau."

Sprecher 1:

Gott war und ist also kein Macher, sondern ein Schöpfer. Er machte die Welt und die Menschen darin nicht – er schuf sie. Und der Reformator, Martin Luther, war ein Mann der deutschen Sprache und des anschaulichen Wortes.

Sprecher 2:

Martin Luther hatte den Menschen seiner Zeit "aufs Maul" geschaut – nicht den Gelehrten, heute würde man auch sagen, den Intellektuellen, sondern dem allgemeinen Volk. Und er verstand sie, die einfachen Menschen, verstand ihre ungekünstelte, manchmal drastische Sprache.

Sprecher 1:

Ein wesentliches Merkmal der Ausdruckskraft einer Sprache ist die Vielfalt der Verben. Sie drücken aus, was der Mensch tut. Grundschüler nennen sie deshalb auch "Tu-Wörter":

Sprecherin:

Laufen, beißen, lesen, schließen, schreiben, atmen, töten, schlafen, träumen, vergessen .... .

Sprecher 1:

Eine beliebige Auswahl von "Tu-Wörtern", also Verben. Wer viele von ihnen zu seinem Sprachschatz zählen und sie richtig anwenden kann, verfügt über eine große Ausdruckskraft. Doch droht manchen Verben – eigentlich schon seit etwa zweihundert Jahren – Gefahr durch ein verallgemeinerndes Ersatzwort, ein Allerweltswort.

Sprecher 2:

Sprache, das lehrt die Sprachgeschichte, leidet unter Veränderung, Verschleiß und Verlust. Wörter ändern oder verlieren ihre Bedeutung, ändern Schreibweise und Sprachlaut, etliche werden verdrängt, gehen verloren oder werden einfach durch ein anderes Wort ersetzt.

Sprecher 1:

Ein solches Ersatzwort heißt machen. Ursprünglich bezeichnete es im althochdeutschen Sprachgebrauch eine ganz konkrete Tätigkeit, nämlich das Kneten und Formen des Lehmbreis für den Hausbau. Dann verallgemeinerte sich seine Bedeutung mehr und mehr. Zunächst meinte machen noch herstellen oder anfertigen, dann trat es aber immer deutlicher an die Stelle allgemeinen Tuns:

Sprecherin:

Man macht die Tür auf – statt sie zu öffnen. Man macht das Licht aus – statt es zu löschen. Man macht sich Gedanken – statt ganz einfach zu denken. Man macht sogar ein Gedicht – statt zu dichten ... .

Sprecher 1:

Es ist die Macht des Machens, die unsere Sprache ärmer werden lässt, Eintönigkeit verbreitet und stilistischen Mangel zur Folge hat.

Sprecher 2:

Selbst in Grundschulbüchern ersetzt das Wort machen nicht selten ein viel treffenderes Verb. Ein Blick in die Literatur zeigt, dass auch renommierte Autoren gelegentlich Opfer der "Machenskraft" werden. Damit aber nicht der falsche Eindruck entsteht, es handle sich dabei um die Regel, hier nur ein einziges misslungenes literarisches Beispiel:

Sprecher 1:

Es stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aus Friedrich Hebbels bürgerlichem Trauerspiel "Maria Magdalene":

Sprecherin:

"Einmal sah ich ein ganz kleines katholisches Mädchen, das seine Kirschen zum Altar trug. Wie gefiel mir das! Es waren die ersten im Jahr, die das Kind bekam, ich sah, wie es brannte, sie zu essen! Dennoch bekämpfte es seine unschuldige Begierde, es warf sie, um der Versuchung ein Ende zu machen, rasch hin ... ."

Sprecher 1:

Ein Ende sollte eigentlich bereitet oder gesetzt – nicht aber gemacht werden.

Sprecher 2:

Ein weiteres Beispiel, ebenfalls aus Hebbels "Maria Magdalene", zeigt, dass das Wort machen durchaus auch richtig angewandt wird, nämlich in feststehenden Redensarten. Hier zur Ehre des großen Autors also das positive Beispiel:

Sprecherin:

"Die Zeit benutzt ich dazu, der kleinen buckligten Nichte des Bürgermeisters, die so viel bei dem Alten gilt, die seine rechte Hand ist, wie der Gerichtsdiener die linke, den Hof zu machen."

Sprecher 1:

Einer Frau den Hof machen bedeutet "um sie zu werben". Solche und ähnliche Begriffe haben das Wort machen in einen festen Zusammenhang, in eine Redensart, gefügt – untrennbar, will man den Sinn nicht zerstören.

Sprecherin:

Jemandem schöne Augen machen, sich davonmachen, voranmachen, sich nichts draus machen, etwas wiedergutmachen, einen Blauen Montag machen, jemanden zur Minna machen, Angst machen, aus dem Herzen keine Mördergrube machen, jemanden mundtot machen, Furore machen, Kokolores machen, einen Kotau machen, Mätzchen machen, jemanden zur Schnecke machen.

Sprecher 1:

In seinem Gedicht "In Bulemanns Haus" verwendet Theodor Storm solch einen feststehenden Begriff: sich lustig machen.

Sprecherin:

"Es leuchtet ein Spiegel aus goldnem Gestell,

Da schaut sie hinein mit Lachen;

Gleich schaut auch heraus ein Mägdelein hell,

Das ist ihr einziger Spielgesell;

Nun wollen sie sich lustig machen."

Sprecher 2:

Heinrich Heine berichtet in seinem Essay "Die romantische Schule" über "Frau von Stael, glorreichen Andenkens, die ...

Sprecherin:

"... in der Form eines Buches, gleichsam einen Salon eröffnet, worin sie deutsche Schriftsteller empfing und ihnen Gelegenheit gab, sich der französischen zivilisierten Welt bekanntzumachen ... ."

Sprecher 2:

Menschen miteinander bekanntmachen – auch das ist eine feststehende, kaum durch andere Verben zu ersetzende Wendung. Die Literatur bietet viele solcher Beispiele und zeigt, dass Schriftsteller meist über ein sicheres stilistisches Können verfügen – im Gegensatz zum üblichen Sprachgebrauch auf der Straße, im so genannten Alltagsdeutsch. In literarischen Werken findet man das Wort machen selten als Ersatz für ein ausdruckstarkes Verb.

Sprecher 1:

Ludwig Thoma lässt in seiner Komödie "Moral" den Dichter Hans Jakob Dobler ausrufen:

Sprecherin:

"Ja, wenn man soviel Geld hat, dass man sich wenigstens ein Stück Brot kaufen kann. Aber es kommt auch anders. Wir waren damals zu dritt und sind von Basel aufwärts, einmal links, einmal rechts über den Rhein. In Worms ging uns das Geld aus, und da war nichts zu machen, als fechten."

Sprecher 1:

Nichts zu machen – diese Redewendung lässt sich kaum ersetzen, sie drückt genau das aus, was gemeint ist und wird von jedem verstanden.

Sprecher 2:

Auch Friedrich Schiller wusste um die richtige Verwendung des Wortes machen, in seinem Schauspiel "Die Räuber" lässt er Franz zum Alten Moor sagen:

Sprecherin:

"Seht Ihrs, wie kindlich Euer Busenkind an Euch handelt? Durch Eure väterliche Teilnehmung erwürgt er Euch, mordet Euch durch Eure Liebe, hat Euer Vaterherz selbst bestochen, Euch den Garaus zu machen."

Sprecher 2:

Auch diese Wendung ist ein feststehender Begriff, der sich bis heute gehalten hat. Den Garaus machen bedeutet, "jemandem ein schreckliches Ende zu bereiten".

Sprecher 1:

Wo Schiller ist, darf Goethe nicht fehlen. Wie Ludwig Thoma, liefert auch er uns ein Beispiel aus dem Grenzbereich. In seinem Roman "Die Leiden des jungen Werther" finden wir folgende Zeile:

Sprecherin:

"Es ward mir schwer, mich von dem Weibe loszumachen."

Sprecher 1:

Eigentlich könnte man ja auch sagen: "... von dem Weibe zu lösen." Aber, das wirkt zugegebenermaßen gekünstelt. Sich von etwas losmachen – das klingt viel stärker; man spürt die Mühe, die es bereitet, sich zu trennen. Losmachen und festmachen – auch das sind feststehende Begriffe.

Sprecher 2:

Es gibt übrigens noch eine kleine, aber bedeutende Variante von losmachen. In ihr erscheinen die Wortteile los und machen anders herum, wodurch auch ein neuer Sinn entsteht:

Sprecherin:

Mach los!

Sprecher 2:

Mach los bedeutet beeile dich, man kann auch sagen: Mach voran! Mach schnell! Mach, dass du fertig wirst. Wer etwas verträumt durch die Gegend bummelt und nicht aufpasst, hört vielleicht die Mahnung: Mach die Augen auf. Stellt sich jemand allzu sehr an, wird er ermahnt: Mach nicht solch ein Theater. Und wenn eine Angelegenheit endlich abgeschlossen werden soll, heißt es kurz: Mach Schluss!

Sprecher 1:

Das alles sind knappe Anweisungen in der Befehlsform. Sie sind fester Bestandteil der Alltagssprache und lassen sich kaum durch passendere Verben ersetzen, weil sie dadurch an Kraft und Wirkung verlören. In der Literatur finden wir allerdings auch andere Ausdrücke für derartige Befehle mit dem Wort machen.

Sprecherin:

Statt: Mach los, mach voran – fang endlich an, beeile dich. Statt: Mach die Augen auf – pass auf! Statt: Mach Schluss – hör auf damit!

Sprecher 2:

Über uns Normalbürger, die wir ja keine renommierten Schriftsteller sind, hat das Wort machen längst Macht gewonnen – von Generation zu Generation mehr. Hört man Kindern auf der Straße zu, kommen Zweifel auf, ob die eigentlichen Verben überhaupt noch eine Chance haben.

Sprecher 1:

Witze werden gemacht, aber nicht mehr gerissen; die Hausaufgaben nicht erledigt, sondern gemacht. Die Tür wird nicht geschlossen – sie wird zugemacht; statt in den Urlaub zu reisen, wird eine Reise gemacht; ein Dreieck wird nicht gezeichnet – es wird gemacht; ein Pfeil nicht geschnitzt, sondern gemacht. Wird eins und eins zusammengezählt, ergibt das Ergebnis nicht zwei, sondern macht zwei.

Sprecher 2:

Kein Wunder, dass das mächtige Verb machen längst auch die Substantive erobert hat. An der Spitze steht – wie könnte es anders sein – der Macher selbst, der Alleskönner, der, dem alles zu gelingen scheint.

Sprecher 1:

Ein Macher ist jemand, der nicht lange überlegt, der es anpackt, der alles gleich in die Tat umsetzt. Der Begriff Macher hat nicht erst heutzutage einen oft abfälligen Beigeschmack. Schon Kurt Tucholsky lästerte über jenen Schriftsteller,

Sprecherin:

"... der seinen Unterhaltungskram für Dichtung hält, und welcher Macher täte das heute nicht ... ."

Sprecher 2:

In Verbindung mit Substantiven bezeichnet machen Personen, die einen bestimmten Beruf ausüben, etwas fertigen oder ganz allgemein irgendetwas tun:

Sprecher 1:

Der Theatermacher ist Regisseur, Dramaturg oder Intendant. Büchermacher sind Verleger oder Lektoren, manchmal auch Autoren. Der Liedermacher komponiert und textet Lieder, die er selbst vorträgt. Ein Krach- oder Radaumacher ist viel zu laut. Der Macherlohn wird für die Herstellung einer Ware gezahlt. Undurchsichtige Geschäfte und üble Praktiken sind seit dem 18. Jahrhundert als dunkle Machenschaften verpönt.

Sprecher 2:

Es wäre ein Wunder, wenn es das Wort machen nicht längst auch geschafft hätte, sich mit Adjektiven zu verknüpfen und dann stolz als neues Substantiv, als Hauptwort, aufzutreten.

Sprecher 1:

Wer keine Lust zum Arbeiten hat und blaumacht, wird zum Blaumacher. Eine verführerische Süßigkeit, die man gern immer wieder kostet, ist bald ein Süchtigmacher – in dieser Machart ist schließlich fast alles machbar.

Sprecher 2:

Die Frage, wann man ein ursprünglich gebräuchliches, treffendes Verb durch machen ersetzen kann oder soll, ist eine Frage des Stils. Wörter mit derselben oder einer gleichwertigen Bedeutung werden in bestimmten Zusammenhängen als besser passend, als angemessener oder als schlechter, unpassender, empfunden.

Sprecher 1:

"Ich mache die Tür zu" ist ja ebenso verständlich wie: "Ich schließe die Tür", "jemandem eine Freude machen", ebenso wie "ihm eine Freude bereiten". Warum also kompliziert, wenn es auch einfach geht?

Sprecher 2:

Zu bedenken ist, dass ein differenzierter Wortschatz auch Träger kulturellen Erbes ist. Wer nur auf das Verstehen eines Textes achtet und deshalb die einfachere Ausdrucksweise bevorzugt, fügt seiner Sprache mit der Zeit Verluste zu.

Sprecher 1:

Gewarnt sei aber auch vor Übertreibungen. Wer ein gutes Deutsch schreiben und sprechen will, muss das Wort machen nicht zwangsweise vermeiden. Er läuft sonst Gefahr, sich gestelzt auszudrücken. Zunächst einmal hilft es, zu fragen: Was macht man wirklich, wenn man etwas tut. Meist findet sich schnell ein treffender Ausdruck. Das kann auch das Wort machen sein, das manchmal eben nicht zu umgehen ist, zum Beispiel, wenn es um die zitierten feststehende Redewendungen geht. Wir müssen nur stark genug sein, der allzu großen Macht des Machens entgegenzutreten. Also, in diesem Sinne machen wir jetzt Schluss und sagen:

Sprecherin:

Machen Sie’s gut!

Fragen zum Text:

Das Wort machen bezeichnete ursprünglich folgende Tätigkeit: …

1. Lehm für den Hausbau zu kneten.

2. Waffen für den Zweikampf zu schmieden.

3. Getreide zu ernten.

Der Ausdruck jemandem den Hof machen bedeutet: …

1. jemandem die Tür aufhalten.

2. um jemanden werben.

3. für jemanden das Haus putzen.

Statt das Licht ausmachen sagt man auch …

1. das Licht beenden.

2. das Licht löschen.

3. das Licht erledigen.

Arbeitsauftrag:

Schreiben Sie zehn Sätze mit dem Wort machen und geben Sie diese Ihrer Nachbarin/Ihrem Nachbarn. Diese/dieser soll in den Sätzen das Wort machen durch ein anderes, passendes Verb ersetzen.

Autor: Hanno Murena

Redaktion: Beatrice Warken

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