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Fußball

Die Macht der Fußballfans

Wenn Fußballvereine in einer sportlichen Krise stecken, vermissen ihre Fans oft ein kluges Krisenmanagement. Die Folge: Wütende Proteste im Stadion und beim Training. Die Macht der Fans sollte kein Verein unterschätzen.

Die FC-Mitglieder stimmen über die Entlastung des Vorstands ab (Foto: dapd)

1317 Mal "Nein" zur Entlastung

Die Anhänger des 1. FC Köln sind einiges gewöhnt. Vier Abstiege aus der Bundesliga, etliche Trainerwechsel und das Gespött am Arbeitsplatz, wenn der FC wieder einmal verloren hat. Aktuell ist der Club am absoluten Tiefpunkt angekommen: Letzter Tabellenplatz nach der 0:4-Niederlage im Prestigeduell mit dem Erzrivalen Borussia Mönchengladbach. "Unsere Fans leiden natürlich sehr", weiß Rainer Mendel, Fanbeauftragter des 1. FC Köln. Er ist nah dran an den Fans und versteht es, wenn sie mal wieder "Vorstand, Trainer, Manager raus!" rufen.

Am Morgen nach der bitteren Derby-Niederlage stellten 40 Kölner Fans die Mannschaft zur Rede. Man kennt diese Szenen mit schwarz gekleideten und vermummten Fans. Der Protest fällt dann meist äußerst aggressiv aus. Oder auch geschmacklos: "Fans" von Dynamo Dresden hoben vor zwei Jahren nach einer Niederlage auf dem Trainingsgelände elf Gräber aus, darauf legten sie Holzkreuze. Der Verein stellte Anzeige gegen Unbekannt. Doch die Kölner Fans blieben ruhig, appellierten an die Spieler und sicherten ihnen ihre Unterstützung zu. Das sei jedem unter die Haut gegangen, sagt Mendel. "Wen das kalt lässt, der hat im Prinzip bei uns als Fußballspieler keine Daseinsberechtigung."

Mitglieder verweigern Entlastung des Vorstandes

Der Präsident des 1. FC Köln, Wolfgang Overath (Foto: dapd)

FC-Präsident Overath hat gemeinsam mit dem gesamten Vorstand einen Denkzettel bekommen

Dass Fans nicht nur im Stadion und auf dem Trainingsgelände Einfluss nehmen können, beweisen die teilweise stürmischen Mitgliederversammlungen, die jährlich bei jedem Verein stattfinden - von der Bundesliga bis zur Kreisklasse. Insgesamt hat der 1. FC Köln über 52.000 Mitglieder und gehört damit zu den fünf mitgliederstärksten Bundesligisten. Die nur vier Tage nach dem verlorenen Derby stattfindende Jahreshauptversammlung des 1. FC Köln nutzten 3119 Vereinsmitglieder - so viele wie noch nie zuvor. Und schon nach der Vereinshymne wurde es hitzig. "Wir sind Kölner und ihr nicht", skandierten die Fans. "Ihr macht den FC kaputt" und "Meier raus". Kein bequemer Abend für Manager Michael Meier und den gesamten Vereinsvorstand.

Auch die Mannschaft nahm an der Sitzung teil. Die Spieler sollten es mitbekommen. "Ich denke, das ist gut angekommen, auch bei unseren Spielern", erklärte Co-Trainer Dirk Lottner. "Alle Fans haben das Recht, ihren Unmut zu äußern und dem Vorstand und den Vereinsangehörigen Fragen zu stellen." Doch die Mannschaft war längst zu Hause, als die Mitglieder dem Vereinsvorstand einen historischen Denkzettel verpassten. 1317 Mitglieder stimmten gegen die Entlastung des Vorstands - nur 520 dafür. "Die Mitgliedschaft ist das höchste Gut eines Vereins. Jedes Vereinsmitglied kann einen gewissen Einfluss nehmen", sagte der überraschte Fanbeauftragte Mendel danach. "Ich denke, das haben die Mitglieder heute auch gezeigt. Das war ein Abstimmungsergebnis, was vorher so nicht zu erwarten war."

"Das ist einfach Demokratie"

Kölns Stürmer Lukas Podolski starrt hockend auf den Boden (Foto: dapd)

Wenn es sportlich nicht läuft, sind nicht nur die Spieler enttäuscht

FC-Mitglied Stefan Müller-Römer hatte mit seinem Antrag, den Vorstand nicht zu entlasten, die Meinung vieler beeinflusst. "Den meisten Mitgliedern fehlt der vereinsrechtliche Hintergrund. Man kann natürlich mal mit Nein stimmen", begründete der Rechtsanwalt seinen Redebeitrag. "Das ist so ein klares Votum, dass der Vorstand eigentlich die Konsequenz ziehen und dann auch zurücktreten müsste." Für diesen Antrag erhielt Müller-Römer viele Schulterklopfer, aber auch wütende Anfeindungen. "Ich glaube nicht, dass ich ein Unruhestifter bin. Ich habe nur einer Mehrheitsmeinung Ausdruck verliehen. Wir möchten nicht, dass es so weitergeht." Mit so viel Gegenwind hatte Vize-Präsident Friedrich Neukirch, der größtenteils durch die turbulente Sitzung führte, nicht gerechnet. "Das ist einfach Demokratie und das muss man auch akzeptieren. Dass man einen gewissen Denkzettel erhält, muss man hinnehmen."

Der Fußballfan: Nicht zu Unrecht "der zwölfte Mann"

Fans von Borussia Dortmund bekunden ihre Treue mit einem Plakat (Foto: dpa)

Bedingunslose Unterstützung auch in schweren Zeiten

Bei dieser Mitgliederversammlung haben die Mitglieder eine klare Sprache gesprochen. Rein rechtlich hat die Nicht-Entlastung aber keine Konsequenz. Durch eine Entlastung verzichtet der Verein formal lediglich auf Ansprüche gegenüber dem Vorstand. In der Zweiten Liga gab es vor wenigen Wochen jedoch eine vergleichbare Situation: Dort verweigerten die Mitglieder des VfL Bochum ebenfalls dem Vorstand die Entlastung. Daraufhin trat der Aufsichtsratvorsitzende Werner Altegoer umgehend zurück. Seit 1980 war Altegoer in verschiedenen Gremien des Vereins aktiv gewesen, unter anderem als Präsident.

Welche Macht die Mitgliederversammlung hat, dessen ist sich kaum ein Mitglied bewusst. Ohnmächtig wähnt man sich angesichts der Krisensituation des Vereins. "Die machen ja doch, was sie wollen – egal, was wir sagen", kommentierten einige Fans kopfschüttelnd. Doch auch beim 1. FC Köln wählt die Versammlung den Vorstand und den Verwaltungsrat. Auf der Mitgliederversammlung 2009 wurde der Vorstand noch mit überwältigender Mehrheit in seinem Amt bestätigt. Eine Amtsperiode dauert vier Jahre - in diesem Fall also noch bis 2013 - dann kann der Vorstand durch die Mitgliederversammlung abberufen werden. Ein Misstrauensvotum durch die Nicht-Entlastung ist jedoch ein deutliches Signal. "Man muss das sportlich sehen. Ich werte das als positiven Beitrag, dass die Mitglieder sich deutlich artikulieren", äußerte sich Vizepräsident Neukirch nach der Sitzung - allerdings ohne Konsequenzen anzukündigen. "Wir haben gesagt, wir sind ein lebendiger, ein offener Verein. Dann muss man auch diese demokratischen Regeln akzeptieren und damit einverstanden sein."

Autorin: Olivia Fritz
Redaktion: Stefan Nestler