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Wirtschaft

Die Mülltaucher von New York

Im Dunkel der Nacht streunt eine Gruppe von "Freegans" durch die Straßen New Yorks und wühlt sich durch Müllbeutel auf der Suche nach Essen und anderem, was weggeworfen wurde. Wer sind diese Menschen?

Der Haufen schwarzer Müllbeutel liegt im Schatten des Hochhauskomplexes Time Warner Center, dessen Penthouse vor Kurzem für 42 Millionen Dollar (38,3 Millionen Euro) zum Kauf angeboten wurde.

Martha ist das Time Warner Center egal. Sie freut sich über ein Dutzend ungeöffnete Servietten-Packungen, die sie in einem der Beutel gefunden hat. Sie sind bedruckt mit Halloween-Motiven und es ist Ende Mai; aber Martha verkauft ab und zu Kuchen um sich Geld dazuzuverdienen und dafür sind die Servietten ideal.

Es ist Dienstag-Nacht, 21.30 Uhr. Der Haufen Müllbeutel vor einer Drogerie-Filiale ist der erste Halt dieser "Trash Tour", organisiert von einer New Yorker Aktivisten-Gruppe, die sich "Freegans" nennt - eine Wortschöpfung aus den englischen Wörtern vegan (vegan) und free (frei). Es ist eine Art Einführungsveranstaltung, wie und wo man verwertbare Dinge im Müll der Geschäfte und Wohnhäuser der Stadt finden kann.

Abscheu vor dem System

Diese Praxis hat viele Namen, "Containern", "Urban Foraging", "Dumpster Diving" oder auch "Mülltauchen". Es ginge nicht nur darum, umsonst Essen zu finden, sagen die Freegans. Vielmehr sei es eine Strategie unter vielen; ein Teil einer größeren Bewegung, mit der die Freegans gegen das aktuelle Wirtschaftssystem protestieren wollen. "Es ist eine Abscheu vor dem System, in dem ich lebe. Wie kann es für die Menschen in Ordnung sein, dass sie gutes Essen wegwerfen?", sagt Janet Kalish, eine Organisatorin der Gruppe.

Bevor die Freegans an diesem Abend losgezogen sind, haben sie Flyer an die Teilnehmer verteilt. Wenn Passanten sie ansprechen und fragen, was sie machen, können sie ihnen diese Flyer geben. "Die Herstellung der Lebensmittel, die wir essen, sorgt für den furchtbaren Missbrauch von Tieren, massive Wasserverschwendung und die Freisetzung von giftigen Chemikalien und Treibhausgasen in die Umwelt", steht darauf. "Freegans widersetzen sich der allgegenwärtigen Werbung, die uns dazu verleitet Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen, Geld auszugeben, das wir nicht haben, andere um das zu beneiden, was wir selbst nicht haben und alles wegzuwerfen was 'aus der letzten Saison' ist."

Kalesh ist eine ehemalige Lehrerin mit einem dunkelblauen Pferdeschwanz und einem schelmischen Lächeln. "Jeder erinnert sich doch an sein erstes Mal?", antwortet sie auf die Frage, wann sie das erste Mal von der Bewegung gehört hat. Es war 2004, als sie zum ersten Mal Menschen getroffen hat, die sich im Freeganism engagiert haben. "Es hat mich erstaunt, dass diese Leute nur von dem Essen leben konnten, das sie finden", sagt sie.

"Damals war ich skeptisch und unsicher, weil ich dachte, dass es gefährlich und ungesund wäre. Ich dachte, es gäbe einen guten Grund, warum dieses Essen weggeworfen wird", erinnert sie sich. "Es machte alles keinen Sinn. Und dann wurde mir klar, dass etwas in unserem System grundsätzlich falsch läuft."

Alternativen zum Kapitalismus

Wenn man all den Idealismus beiseite lässt, ist das "Containern" eine relativ unromantische Sache. Zweiter Programmpunkt der "Trash Tour" ist ein Müllhaufen vor einem Luxus-Supermarkt. Benjamin, ein 31-jähriger College-Professor, öffnet einen der Müllbeutel. Ihm strömt der süße Gestank von Verrottung entgegen. "Das sieht schon ziemlich eklig aus. Das ist wohl tatsächlich Müll. Avocado-Schalen und Aluminium-Folie mit Salatsauce", sagt er und macht den Beutel wieder zu. "Das war wohl nichts."

Benjamin hat über einen Podcast von der Gruppe erfahren. "Ich interessiere mich für alternative Modelle zum Kapitalismus und zur Konsumkultur", sagt er. Im Internet fand er dann die Website der Freegans und hörte von der Trash Tour. "Ich will mich als Mensch weiterentwickeln und wachsen. Und außerdem ist New York extrem teuer, sowohl was Lebensmittel betrifft als auch die Mieten. Das Containern hilft, die Ausgaben etwas zu reduzieren."

Der Müllhaufen vor dem Supermarkt ist kein großer Erfolg. Zwei Baguette-Hälften sind alles, was er findet. "Bei manchen Dingen fällt es mir leichter, sie zu essen", sagt er. "Lebensmittel, die in verschlossenen Verpackungen sind oder bei denen das Haltbarkeitsdatum noch nicht abgelaufen ist."

Fühlt es sich komisch an, durch den Abfall anderer Menschen zu wühlen? "Ich bin noch nicht soweit, dass ich einen Keks essen würde, an dem ich Bissspuren erkennen kann, oder Dinge, die geöffnet wurden und einfach so in dem Müllbeutel herumfliegen", sagt er und lächelt. "Aber wer weiß, was passiert, nachdem wir noch durch ein paar mehr Beutel durchgewühlt haben."

Müllhauptstadt der Welt

New York produziert mehr Müll als jede andere Megacity der Welt. Gleichzeitig wird es für Wenig- und Durchschnitts-Verdiener immer schwieriger, sich das Leben in der Stadt zu leisten. Während einige Menschen im Überfluss leben und tonnenweise Müll produzieren, haben andere Schwierigkeiten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Das ist der Nährboden für das "Containern" in New York. In anderen US-Städten wie San Francisco, Seattle, Washington D.C. oder Chicago ist die Lage ähnlich.

Eine Studie des US-Landwirtschaftsministeriums von 2014 kam zu dem Ergebnis, dass das Land 31 Prozent seines Essens wegwirft. New York allein produziert 14 Millionen Tonnen Müll pro Jahr. Die Stadt ist sich des Problems bewusst und hat Programme ins Leben gerufen, mit denen Müll verhindert werden soll. Bis 2030, so das ambitionierte Ziel, will die Stadt ihren Müll um 90 Prozent reduzieren, verglichen mit 2005. Dafür hat die Stadtverwaltung mehr als 200 Initiativen gestartet, unter anderen Aufklärungskampagnen über Essensverschwendung oder über Plastiktüten. In anderen US-Städten wurden für Restaurants und Geschäfte finanzielle Anreize geschaffen, ihren Essensmüll zu reduzieren.

Maria hat durch Freunde von den Freegans erfahren. Es ist das erste Mal, dass sie containert; die 25-jährige Lehrerin aus Uruguay ist zu Besuch in New York. "Ich konnte kaum glauben, was ich gehört habe", sagt sie, während sie mehr als zehn Tüten aus einem Container zieht, der hinter einem Supermarkt steht. Sie sind bis oben mit Bagels gefüllt. "In Uruguay ist das sehr anders. Es gibt nicht soviel Müll. Und die Dinge werden nicht so leicht weggeschmissen."

Kampf gegen Verschwendung

Laut der Vereinten Nationen verschwenden Konsumenten in reichen Ländern pro Jahr fast genauso viel Essen wie die gesamte Region südlich der Sahara produziert. Maria wollte mit eigenen Augen sehen, wovon ihr ihre Freunde erzählt haben. "Es ist irgendwie krank, wie das System funktioniert", sagt sie und schüttelt mit dem Kopf. "Es ist furchtbar."

Zumindest in New York scheint, wenn auch langsam, ein Bewusstsein zu wachsen, was den Müll der Stadt und besonders die Verschwendung von Essen betrifft. "Ich gehe nicht containern, um umsonst Dinge zu bekommen, obwohl das natürlich auch nett ist", sagt Organisatorin Janet Kalish, "Wenn wir nicht mehr containern müssten, weil es keinen Müll mehr gibt - das wäre eine perfekte Welt. Wenn Essen verteilt würde auf eine Art und Weise, bei der es nicht nur um Profit geht, das wäre besser."

Das "Containern" scheint auch Symptom für ein anderes Problem zu sein: die wachsende Wohlstands-Ungleichheit in den USA. Martha - die Frau, die sich so über die Servietten gefreut hat - antwortet nur zögerlich auf die Frage nach ihrem Beruf. Schließlich sagt sie, dass sie arbeitslos sei, seitdem sie ihren Job in der Marktforschung verloren hat. Und fügt hinzu, dass sie wahrscheinlich nicht überleben könnte hier in New York ohne das Essen und die Gegenstände, die sie in den Müllbeuteln der Stadt findet.

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