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Afrika

Die Müll-Männer der WM

Walter ist für das da, was die Fans hinterlassen, wenn sie gehen. Manche drücken ihm den Müll in die Hand, manche suchen die richtige Tonne im Multirecycling-System. Walter ist Müllmann, speziell für die WM.

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Die Stadt und der Müll

Walter liebt seinen Job. "Das ist sinnvoll, was wir tun", sagt er. "Wir schützen die Natur." Und er deutet auf die Tonnenbatterie hinter ihm. "wet waste" steht dort, daneben "paper", "plastics", "tin cans". Die ganze Palette des europäischen Recycling-Gedankens. Über die sich hier in Südafrika vor der WM eigentlich niemand so wirklich Gedanken gemacht hatte. Kaum ein Haushalt in Südafrika trennt den Müll. Manche Südafrikaner erklären stolz, dass sie das Papier extra aufheben. Das ist ein großer Schritt. Sortiert wird trotzdem, später, auf der Mülldeponie: Hunderte Hände verlesen den Müll, schaffen Berge von Plastikflaschen und Getränkedosen. Wichtige Arbeitsplätze in diesem Land mit 20 Prozent Arbeitslosigkeit. Was dann mit dem Müll passiert, weiß niemand so genau. Händler holen sich ab, was sie gebrauchen können. 500 extra Tonnen Müll während der WM - damit rechnet allein die Stadt Johannesburg. Schon das Eroeffnungsspiel verursachte 90 Tonnen Muell. Der Großteil davon landet auf einer der riesigen Deponien der Stadt, über die Tag und Nacht die Möwen kreisen. Am Horizont erkennt man die Skyline von Johannesburg.

Immer fünf in einer Reihe

Müllmänner in Süd-Afrika

Vier Wochen lang einen Job als Müllmann: Walter

Walter fährt einmal am Tag hierhin, um seine schwere Fracht abzuladen. Den Rest des Tages - und oftmals der Nacht - ist er an den Stadien unterwegs. Er kennt die großen Johannesburger Fußballarenen, Soccer City Stadion und Ellis Park, in- und auswendig. Morgens in aller Frühe bringen er und seine Kollegen die Mülltonnen. Umkreisen mit ihren LKW das Stadion-Gelände, laden die leeren Tonnen mit lautem Geklapper ab. "Immer fünf in eine Reihe. So ist gut". Fast ein bisschen liebevoll rückt Walter seine Tonnen zurecht. Entfaltet den ersten der gigantischen blauen Plastiksäcke, legt ihn hinein, streicht sorgsam den Rand glatt. Das hat noch keiner der Fans bemerkt. Sein Kollege bringt den Deckel mit den Beschriftungen. Wet waste, paper, plastics...

Ob sein Job ihn manchmal ekelt, später, wenn die Säcke voll sind und stinken? Walter zuckt mit den Schultern. "Ich habe bei dieser WM eine Aufgabe. Ich bin stolz darauf, dass ich etwas dazu beitragen kann. Andere sagen, was quälst du dich, was räumst du den Dreck der Fans weg? Ich sage, dass ich es gerne mache. Weil ich etwas dazu beitrage, dass es eine gute WM ist." Leise fügt er hinzu: "Und weil meine Kinder dann etwas zu essen haben." Walter hat keine Arbeit, eigentlich, wenn nicht gerade WM ist. Sein Arbeitsvertrag als Müllmann hat am 11. Juni begonnen und endet am 11. Juli. In wenigen Tagen gehören Walter und 400 seiner Kollegen wieder zu dem Heer von Arbeitslosen, mit denen Südafrika jeden Tag klar kommen muss - und es nicht schafft. Deswegen war die WM für Walter eine gute Zeit.

Müllmann statt Informatiker

Müllmänner in Süd-Afrika

Sammeln, Sortieren, Schleppen

Sicher, manchmal kommen die Zweifel. Wenn er abends um 11 immer noch draußen vor dem Stadion stehen muss, neben seinen Mülltonnen. Wenn er den betrunkenen Fans zum hundersten Mal die richtige Öffnung für ihre Bierflaschen zeigt. Wenn er an den Jubelschreien hinter der Absperrung erkennt, dass wieder ein Tor gefallen ist - nur für wen, weiß er nicht. Er würde schon gerne zuschauen. Einmal im Stadion sitzen dürfen, das ist sein Traum. Seine arbeitslosen Nachbarn machen sich über ihn lustig. "Du stinkst", sagen sie. "Du wühlst im Dreck der Ausländer". Seine arbeitslosen Nachbarn können auch das Spiel gucken, in Fernseher. Walter stellt manchmal heimlich sein kleines Radio an, währen der Arbeit, neben dem Stadion. Dann setzt er es auf eine der überquellenden Tonnen und sucht den richtigen Sender. Eigentlich darf er das nicht, sagt sein Chef. Er habe schließlich eine Aufgabe.

Bald ist es dann vorbei. Für die Fans, für Südafrika, für Walter. Was dann kommt, weiß er nicht. Seine beiden kleinen Kinder hat er einen Monat lang nur schlafend gesehen, so spät wie er nach Hause kommt, so früh, wie er wieder anfängt. Aber sie hatten genug zu essen zu Hause, im WM-Monat. Das zählt. Irgendwann sollen seine Kinder auf eine gute Schule gehen können, hofft Walter. Vielleicht sogar auf die Universität. Da war er auch mal, für zwei Semester. Er wollte Informatiker werden, er war der beste in der Schule. Aber dann ging seinen Eltern das Geld aus, und er musste arbeiten gehen. Später verlor er seine Arbeit und hatte erst recht kein Geld mehr. Seitdem hangelt er sich von Hilfsjob zu Hilfsjob.

Traumziel: Müllmann auf Lebenszeit

Manchmal macht es ihn wütend, wenn er an die Milliarden denkt, die Südafrika der Bau der Fußballstadien gekostet hat. Und wenn er sich in seinem Viertel umschaut, in dem kaum jemand genug zum Leben hat. "Aber ich darf nicht wütend sein",s agt er dann. "Ich habe ja von der WM profitiert."

Wenn am Sonntag (11.07.2010) die Fans zum Endspiel ins Soccer City Stadion geströmt sein werden, haben sie den kleinen Mann im orangenen Overall vermutlich kaum bemerkt. Dann stand er wieder da, zwischen seinen Tonnen und dirigierte zum letzten Mal den Müll. Walters größter Wunsch? Müllmann auf Lebenszeit! Er strahlt. "Vielleicht habe ich hier ja zeigen können, dass ich ein guter Müllmann bin. Vielleicht übernehmen sie mich ja." Sein Chef lächelt. "Ach, Walter", sagt er. Und klopft ihm tröstend auf die Schulter.

Autorin: Anna Kuhn-Osius

Redaktion: Dirk Bathe