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Kultur

"Die Mörder sollen mich lachen sehen"

Der Völkermord in Ruanda hat Esther Mujawayo die Familie entrissen. Daraufhin ließ sich die Ruanderin zur Therapeutin ausbilden, gründete eine Hilfsorganisation - und hat über all das ein Buch geschrieben.

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Esther Mujawayo schreibt gegen das Vergessen in Ruanda

Esther Mujawayo konnte ihr Leben und das ihrer drei Töchter retten, als im Jahr 1994 in nur 100 Tagen mehr als 800.000 Menschen von Milizen und fanatisierten Angehörigen der Hutu-Volksgruppe ermordet wurden. Und doch hat sie gerade das oft als Belastung empfunden. Man sei zum Leben verurteilt - so fühle es sich an, erklärt die 1958 geborene Ruanderin.

Trotz der verheerenden Folgen des Genozids für die ruandische Politik und Gesellschaft dominiere noch immer ein Klima des Schweigens bei den politisch Verantwortlichen. Deshalb entschloss sich Esther, einige Jahre nach dem Völkermord, das Erlebte niederzuschreiben. Und damit anzuschreiben gegen ein Vergessen und Verschweigen der jüngsten ruandischen Geschichte, das den offenen Umgang mit dem Genozid lange unmöglich gemacht hat: "Du musst das einfach tun! Du musst Deine Geschichte aufschreiben,

habe ich zu mir gesagt."

Das Vergessen wegschreiben

Buchcover Ein Leben mehr von Esther Mujawayo

Das Cover von Esther Mujawayos Buch 'Ein Leben mehr'

Nach dem Genozid an den Tutsi im Jahr 1994 habe sie ihre gesamte Familie verloren. In gewisser Weise auch einen Teil ihrer eigenen Geschichte. "Es war damals eine Überzeugung verbreitet, ein Willen, die Geschichte zu zerstören, sie für nichtig zu erklären, darüber einfach hinwegzugehen. Und dieser Wille hat mir Angst gemacht", sagt Esther. "Sogar die Bäume, die damals existierten, gibt es heute nicht mehr - man hat sie einfach gefällt."

"Ein Leben mehr" lautet der Titel von Esther Mujawayos Buch, das in deutscher Sprache vor kurzem erschienen ist. Ein Augenzeugenbericht des Genozids. Ergreifend und ungeheuer lebendig schildert Esther Mujawayo, wie sie die Kraft für ein Leben nach dem Völkermord aufbringt: "Wenn du überleben willst, musst du dir bewusst machen, was dir geblieben ist, und nicht was du verloren hast", sagt die Autorin.

Leben aus Trotz

Ans Aufgeben denkt Esther keinesfalls. "Ich kann sie nicht bestrafen, die uns töten wollten. Ich kann ihnen nur eine Strafe erteilen: Sie sollen mich leben sehen, lachen sehen, vorwärts gehen sehen. Denn sie wollten das genaue Gegenteil. In gewisser Weise verweigere ich Ihnen auf diese Weise einen Teil ihres Sieges." Ihr Mann, ihre Eltern ihre Schwester sollten nicht auf namenlose Opfer eines Genozids reduziert werden, die man einfach auf die Straße geworfen habe wie Hunde.

"Durch das Buch habe ich sie in gewisser Weise nicht beerdigt, sondern im Gegenteil - ich habe sie wieder leben lassen. Ich will erreichen, dass die Geschichte weitergegeben wird, dass die Opfer des Genozids nicht vergessen werden", erklärt Esther.

Schreiben und therapieren

Völkermord Friedhof Ruanda

Auf dem Nyaza-Friedhof bei Kigali sind Tausende Opfer des Völkermords beerdigt

Nicht nur indem sie ihre Erlebnisse aufschrieb, trug Esther zur Aufarbeitung des ruandischen Völkermords bei. Als Psychotherapeutin begann sie bereits kurz nach dem Genozid in Kigali mit Überlebenden zu arbeiten. Und gemeinsam mit anderen Witwen gründete sie die Hilfsorganisation "Avega".

Aus den 50 Gründerinnen wurden inzwischen 35.000 Mitglieder in aller Welt. Viele von ihnen sind HIV-positiv, tragen den Virus seit Vergewaltigungen während des Genozids in sich. Gesundheitsprogramme sind deshalb ein wichtiger Teil des Programms: "Mindestens 80 Prozent der Frauen, die dem Genozid entkommen konnten, wurden vergewaltigt. Und mehr als die Hälfte von ihnen ist HIV-positiv. Sie werden sterben. Zurzeit ist das der schwierigste Teil unseres Traumas. Denn man sagt sich: Sie hatten das große Glück, überlebt zu haben - und sterben nun doch an seinen Folgen."

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