1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wissen & Umwelt

Die männliche Psyche leidet anders

Statistisch gesehen entfallen etwa ein Drittel der Depressionen in Deutschland auf Männer. Viele Männer zeigen jedoch ganz andere Symptome als Frauen - so bleibt ihre Erkrankung häufig unerkannt.

Experten sind sich einig: Geschlechterspezifische Verhaltensmuster spielen eine Schlüsselrolle bei der Diagnose von psychischen Erkrankungen. Frauen werden häufiger erfasst, was aber nicht bedeutet, dass Männer gesünder sind. Sie sind bei psychischen Beschwerden einfach verschlossener.

"Es gibt immer noch viele Verhaltens- oder Rollenstereotypen", beklagt Iris Hauth. Wenn eine Frau sagt, sie habe Angst, sei das auch heute sehr viel stärker geduldet als beim Mann", so die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie im DW-Interview.

Hauth erzählt, ein Patient habe ihr kürzlich anvertraut, dass seine Frau es nicht ertragen könne, wenn er weint. Nach wie vor sei die Auffassung verbreitet, dass der Mann nicht schwach sein darf. Auch in verantwortlichen Leitungspositionen dürften Männer nicht zugeben, "dass sie etwas Psychisches haben".

Im Gegensatz zu Frauen versichern kranke Männer deswegen häufig, dass es ihnen gut geht. Zu groß ist für die meisten das Stigma des "Weicheis", psychische Krankheiten werden oft als Schwäche abgetan. Dieses Fehlverhalten führe dazu, so Hauth, dass Männer, die eigentlich wegen einer psychischen Erkrankung behandelt werden müssten, durch das medizinische Raster fallen.

Erschwerte Diagnosebedingungen

Die häufigsten psychischen Störungen sind Depressionen. Innerhalb eines Jahres erkranken in Deutschland über vier Millionen Menschen daran, etwa ein Drittel sind Männer. Iris Hauth ist aber sicher, dass der Anteil der Männer in Wirklichkeit höher liegt und dass bestimmte psychische Störungsbilder unterdiagnostiziert sind.

Hauth, Präsidentin der DGPPN

Dr. Iris Hauth wünscht sich mehr genderspezifische Ansätze in der Psychotherapie

Die Diagnose werde zusätzlich erschwert, weil manche Männer mit Depression ganz andere Symptome haben "und nicht immer das klassische Bild eines depressiven Patienten erfüllt wird", erklärt Harald Gündel vom Uniklinikum Ulm gegenüber der Deutsche Presse Agentur.

Bei Männern ist im Zuge einer Depression oftmals eine "erhöhte Gereiztheit, Aggressivität, Wut oder antisoziales Verhalten festzustellen", so Gündel, was wiederum als typisch männliche und positiv besetzte Abwehrstrategie interpretiert werde. So könnten die depressiven Symptome bei Männern durch geschlechtstypische Stresssymptome überdeckt werden. Die vorliegende Depression wird in solchen Fällen oft nicht diagnostiziert, geschweige denn behandelt.

Bezieht man diese Gruppe in die Statistik mit ein, sagt Gündel, käme die Depression bei beiden Geschlechtern etwa gleich häufig vor.

Sensibilisierung in der Öffentlichkeit erforderlich

Egal ob Mann oder Frau: Bei schweren psychischen Störungen helfen meist nur eine gezielte Psychotherapie oder Medikamente wie Antidepressiva. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nehmen sich in Deutschland pro Jahr mehr als 9.000 Menschen das Leben. Laut Stiftung Deutsche Depressionshilfe erfolgt ein Großteil der Suizide im Rahmen depressiver Erkrankungen.

"Zwei Drittel der Suizidversuche werden von Frauen unternommen, aber bei vollendeten Suiziden sind zwei Drittel Männer", sagt Iris Hauth. Für die Fachärztin für Psychatrie ein klares Indiz dafür, dass Männer offener mit ihren Ängsten umgehen müssen: "Die Öffentlichkeit muss sensibilisiert werden", fordert sie, "auch Männer dürfen psychisch krank sein".

Parallel zu einer gesellschaftlichen Sensibilisierung muss sich aber auch die Behandlung verändern, wenn depressiven Männern geholfen werden soll. Denn bei der Psychotherapie gäbe es derzeit noch zu wenig genderspezifische Ansätze, kritisiert Hauth. Es gehe darum, Gefühle zu zeigen, schwach sein zu können und "das hohe Über-Ich und hohe Ideale ein wenig abzustufen. Diese spezifischen Ansätze kämen jedoch derzeit in der Verhaltenstherapie und tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie kaum vor.

Die Redaktion empfiehlt