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Kultur

Die Literaturübersetzer

Ihre Namen kennt kaum einer. Dabei sind etwa 75 Prozent der Bestseller in Deutschland Übersetzungen. Christian Hansen, Übersetzer von Roberto Bolanos Roman "2666", erzählt von seiner mühsamen, kaum beachteten Arbeit.

Christian Hansen, Literaturübersetzer (Foto: Christian Hansen)

Zu Besuch bei Christian Hansen hat man das Gefühl, alle Zeit der Welt zu haben: Er redet langsam, bedacht, überlegt auch schon einmal einige Sekunden, bevor er antwortet. Seit 15 Jahren ist er Übersetzer für französische und spanische Literatur und es macht den Eindruck, dass dieser Beruf viel mit Geduld zu tun hat.

Warum er sich für diesen Beruf entschieden habe? Christian Hansen denkt nach und sagt schließlich: "Ich hab den Beruf ja nicht ergriffen, weil ich dachte: Mensch, wie verdienste dein Geld, och, könntest ja mal was übersetzen, kannst ja ein bisschen Spanisch. Es ist eher so, dass es mich ja ständig zu diesen Büchern hinzieht. Ich muss im Gegenteil sagen, dass es mir schwer fällt einen Tag zu verbringen, ohne zu übersetzen. Es ist mir einfach ein inneres Bedürfnis."

Der Übersetzer erfindet den Autor

Drei Jahre lang hat er seinem letzten Buch "2666" von Roberto Bolano gearbeitet. Für diese 1100 Seiten starke Mammut-Übersetzung ist er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Eine Übersetzung dauert so lange, weil seiner Meinung nach der Autor den Text erfinde, der Übersetzer aber wiederum den Autor. Eine literarische Übersetzung funktioniere nicht, indem man einfach nur dem Originaltext folge und Wort für Wort übersetze. "Ich muss einen stilistisch in sich schlüssigen Text aus einem Guss schaffen."

Christian Hansen, Literaturübersetzer (Foto: Christian Hansen)

Muße, Sprachvermögen, Genauigkeit - braucht Christian Hansen

Christian Hansen tastet sich langsam an ein zu übersetzendes Buch heran. Zunächst überlegt er, welche Literatur den Autor beeinflusst haben könnte. Er liest dann all diese Bücher, um sich auf die Atmosphäre und den Stil einzustimmen. Dann folgt die schwerste Arbeit: die Neuerfindung des Romans. "Die übliche Reaktion ist: oh, dann müssen Sie ja wahnsinnig gut Französisch, Russisch, Spanisch oder sonst was können und ich sage dann immer ganz gerne, um die Leute zu provozieren: nein, deutsch. 80 Prozent meiner Qualifikation bezieht sich auf das Deutsche."

Kaum beachtet und schlecht bezahlt

Eine Übersetzung ist eine sehr kreative Leistung. Gut bezahlt ist der Beruf allerdings nicht, ein "trauriges Kapitel", meint Hansen. Über den Daumen gepeilt verdiene ein Literaturübersetzer nicht einmal so viel wie die einfachste Sekretärin im Verlag. Rund 18 Euro bekommt ein Literaturübersetzer pro übersetzte Romanseite. In seinen 15 Berufsjahren hat Christian Hansen rund 15 Bücher übersetzt – ein hohes Pensum. Dennoch, sagt er, kann er von den Honoraren nicht ausschließlich leben. Viele bemühen sich daher zusätzlich um besser bezahlte Übersetzungen wie Sachtexte oder Gebrauchsanweisungen. Zusätzlich helfen dotierte Preise und diverse Stipendien. Bislang hatte Hansen fünf Stipendien, zuletzt war er 2009 Stipendiat des "Deutschen Übersetzerfonds".

Black Box Literaturübersetzer

Die schlechte Bezahlung hat sicherlich auch mit dem Desinteresse innerhalb des Literaturbetriebs an der Übersetzerarbeit zu tun. "Ganz häufig liest man in den Rezensionen von einer großartigen Sprache, von einem packenden Krimi und von wunderbaren Sprachbildern – immer verbunden mit einem Namen des Autors, der für diese Texte überhaupt nicht verantwortlich zu machen ist. Das geht alles durch eine Black Box namens Literaturübersetzer."

Christian Hansen, Literaturübersetzer (Foto: Christian Hansen)

Der Übersetzer: macht globale Kommunikation möglich

Um Übersetzer bekannter zu machen, hat Christian Hansen gemeinsam mit weiteren Kollegen den Verein "Weltlesebühne" gegründet. Regelmäßig lesen hier Übersetzer aus ihren Übersetzungen vor – und erzählen dann auch von dem ganzen kulturellen Kosmos, in den sie eingetaucht sind, um diesen Roman zu übersetzen. Eine seltene Öffentlichkeit, denn ansonsten ist der Beruf eines Literaturübersetzer ziemlich einsam.

Weltliteratur ist übersetzte Literatur

Besser sei es allerdings durch das Internet geworden: "Innerhalb der Spanischübersetzer gibt es eine tolle Mailingliste, in der auch eine ganze Reihe von Muttersprachlern sind. Wir helfen uns gegenseitig. Ich kann da mit irgendeinem eigenartigen argentinischen Ausdruck ankommen und innerhalb von Sekunden bekomme ich dann eine Antwort aus Buenos Aires."

Die globale Kommunikation untereinander hilft den Literaturübersetzern bei der Arbeit. Und ihre Arbeit wiederum hilft der globalen Kultur-Kommunikation. "Weltliteratur ist grundsätzlich übersetzte Literatur, es gibt keine Weltliteratur, die nicht übersetzt ist. Es gibt auch keinen deutschen Autor, der zur Weltliteratur gehört und der nicht übersetzt wurde. Das heißt, wenn wir von Weltliteratur reden, reden wir von übersetzter Literatur. Gemessen daran, ist der Stellenwert, den Literaturübersetzer im Literaturbetrieb haben verschwindend gering."

Autorin: Nadine Wojcik

Redaktion: Gabriela Schaaf/ Marlis Schaum

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