1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Die literarische Kraft des Schnees

Die weißen Flocken haben deutschsprachige Schriftsteller schon immer fasziniert. Ob Eschenbach, Kafka oder Grünbein. Ein Dozent bietet ein Seminar in Köln an, das dem Schneetreiben in der Literatur nachspürt.

MIT RAHMEN: Buchcover Durs Grünbein Vom Schnee Suhrkamp

30 Studenten sitzen in dicken Winterpullovern in einem kleinen Seminarraum im Philosophikum der Universität zu Köln. Die Luft ist stickig. Es gibt keine Fenster. Die Schreibblöcke sind aufgeschlagen, die Seiten noch leer. Martin Roussel steht vorne an der Tafel und versucht, die Studenten für das Thema Schnee und Literatur zu erwärmen. Seine Marschroute führt durch alle Epochen: Los geht es mit Wolfram von Eschenbachs Versroman "Parzival" aus dem 13. Jahrhundert, weiter über die barocke Dichtung bis hin zu Kafkas unvollendetem Roman "Das Schloss".

"Das Dorf lag in tiefem Schnee"

Bild von Franz Kafka (AP Photo/ho)

Franz Kafka

Roussel sucht "weiße" Stellen heraus und untersucht sie auf ihre jeweilige Funktionen im Kontext der jeweiligen Werke. "Das, was am Schnee besonders fasziniert ist die Vergleichbarkeit zur Leere des Papiers", stellt der junge Dozent fest, "der Schnee bereinigt die Landschaft und lässt sie erst wieder neu entstehen. Hinzu kommt die Spannung zwischen Wirklichkeit und der Wirklichkeit des Bewusstseins: Wie entsteht eigentlich imaginär eine Landschaft?"

Der Schriftsteller, der sein Werk auf die weißen Seiten schreibt, lässt aus der Leere des Papiers eine 'Buchstabenlandschaft' entstehen, die sich aus seiner Vorstellung neu gebildet hat. Er gibt seiner Landschaft eine Kontur. Auch die Hauptfigur K. aus Kafkas zweitem großen Romanfragment "Das Schloss" von 1926 versucht sich in der 'scheinbaren Leere' seiner Umgebung zurechtzufinden. "Der Roman ist das Projekt aus diesem Nichts des Schnees, der alles bedeckt, dieses Schloss herauszufinden, seine Konturen zu entdecken und auszugraben." Dass dieser Versuch K.s jedoch kläglich scheitern wird, weiß der Kafka-Leser.

Das Leben schmilzt wie Schnee

Doch das Weiß des Schnees erfährt im Laufe der Literaturgeschichte noch weitere Deutungen. In der Dichtung des Barock darf bei der Beschreibung weiblicher Schönheit die schneeweiße Haut nicht vergessen werden. So rühmt zum Beispiel Johann Georg Greflinger im Jahr 1651 die "schnee- und lilienweißen Wangen" einer tugendbegabten Jungfrau. Andererseits ist das Schneemotiv auch der barocken Vanitas-Thematik eingeschrieben, die die Vergänglichkeit des Lebens beschreibt. Der Schnee wird zum Sinnbild alles Irdischen: So wie das leidvolle Leben bald sein Ende findet, schmilzt auch der Schnee dahin.

Etwa 150 Jahre später schreibt Johanna Schopenhauer in ihrer Erzählung "Der Schnee" über eine unglückliche Liebe, die ihren Anfang und ihr Ende im ewigen Schnee der Schweizer Alpen findet. Marie und Viktor werden bei ihrem letzten gemeinsamen Treffen unter einer Lawine begraben und finden erst durch den Tod im Schnee für immer zusammen. Die weiße Pracht breitet ihren Schutzmantel über eine Liebe, die im wirklichen Leben zum Scheitern verurteilt war.

Tod im Schnee

Dr. Martin Roussel, Germanistikdozent an der Uni Köln (Foto: DW / Nela Doutch)

Germanistikdozent Roussel

Martin Roussel, der in der schneereichen Umgebung der Eifel großgeworden ist, ist ein Experte für Schnee in der Literatur. Sein Liebling unter den Schriftstellern ist Robert Walser (1878-1956), über den er auch 2007 promoviert hat. Der Schweizer war ein echter Schneeautor. Walser hat viel in seinem Werk über den Schnee geschrieben und am Ende ist der weiße Teppich sogar sein eigenes Grab geworden. Der Autor stirbt während eines Spaziergangs im Schnee an einem Herzschlag. Wie der Dichter Sebastian aus seinem Roman "Geschwister Tanner" (1907) wird auch Robert Walser tot im Schnee aufgefunden. Literatur und Wirklichkeit verschmelzen miteinander.

Obwohl der Dozent sich schon lange mit dem Schnee beschäftigt, kam der Anstoß von außen. "Die Idee, ein Seminar über Schnee anzubieten, kam von meiner Freundin. Mir fiel nämlich spontan nichts ein."Ein Glück für die Studenten, dass dieser Anstoß pünktlich zu Beginn des Wintersemesters kam. Somit erhält die Schnee-Thematik ihren passenden Rahmen.

Autorin: Nela Doutch

Redaktion: Sabine Oelze