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Europa

Die litauische Furcht vor Russland

45 Jahre lang stand Litauen unter sowjetischer Herrschaft. Das hat bis heute Spuren hinterlassen, die während der Ukraine-Krise besonders deutlich werden. Die Litauer sind für jeden Kampf bereit.

"Wenn es sein muss, werde ich auch zur Waffe greifen und mein Land verteidigen", sagt Kristijonas Vizbaras. Entschlossen schaut er über den Lukiškių-Platz im Zentrum von Vilnius auf die große Flagge mit dem Wappen Litauens: Vytis, der "weiße Ritter" in voller Kampfmontur.

Eigentlich ist Vizbaras Geschäftsmann, leitet zusammen mit seinen Brüdern die litauische Laser-Firma Brolis. Jetzt zieht er aber außerdem am Wochenende in die Wälder und übt sich im Kampf gegen eine mögliche Invasion in Litauen. "Ich weiß, dass die Leute in Westeuropa sagen, dass das nicht passieren wird. Aber glaub mir: Wir kennen Russland sehr viel besser", sagt er.

Kristijonas Vizbaras steht in einem Park (Foto: DW/M.Griebeler)

Kristijonas Vizbaras will vorbereitet sein

Seit der Ukraine-Krise ist Vizbaras vereidigtes Mitglied von Lietuvos Šaulių Sąjunga, der so genannten Schützenunion. Sie ist nach Armee und Freiwilligenarmee die dritte Verteidigungslinie der Litauer. Der Verein wurde bereits 1919 gegründet. In den vergangenen Wochen sind die Bewerberzahlen um ein Drittel gestiegen: Rechtsanwälte, Ärzte, Ingenieure, Beamte, Angestellte und Geschäftsleute wie Vizbaras wollen bereit sein, falls Russland einmarschiert. "Wenn es in einem Dorf nur ein oder zwei Polizisten gibt und dann installiert Russland dort zehn grüne Männchen, dann schafft das Chaos", sagt der 30-Jährige. "Deshalb brauchen wir lokale Brigaden, die sie in Schach halten, bis die richtige Armee kommt."

Was in Kiew passiert, erlebt man in Vilnius mit

Die Anspannung ist groß im Land: Im Radio etwa wird von früh bis spät diskutiert über politische Entwicklungen, über Energiesicherheit und über militärische Strategiefragen. Vor allem ältere Menschen machen sich Sorgen. "Wir hatte einige traurige Erfahrungen mit der sowjetischen Invasion - und die Erinnerung daran wird wach, wenn man die Situation in der Ukraine sieht", sagt ein älterer Herr in Vilnius. Auch die Erinnerungen an den eigenen Kampf um die Unabhängigkeit seien noch sehr wach, sagt der Osteuropa-Kenner Felix Ackermann, der an der belarussischen Exiluniversität EHU in Vilnius lehrt. "Fernsehbilder von Panzern und die Vorstellung, dass friedfertig protestierende Menschen erschossen oder überrollt oder anderweitig umgebracht werden, das löst ganz tief sitzende Ängste aus - und Erinnerungen an das, was hier als 'russische Okkupation' bezeichnet wird."

Ein Mann geht an der Mauer des KGB-Museums in Vilnius, in die Namen von Opfern eingemeisselt sind, entlang (Foto: DW/M.Griebeler)

Das KGB-Museum in Vilnius - die Erinnerung an die Zeit als Teil der Sowjetunion ist immer noch lebendig

Insbesondere in den Anfangsjahren der Sowjetzeit wurden tausende Menschen - fast die gesamte politische, ökonomische und kulturelle Elite - nach Sibirien deportiert. Auch jüngere Litauer, aufgewachsen in einem seit 25 Jahren unabhängigen Staat, kennen die grausamen Geschichten von ihren Großeltern und aus der Schule. Trotzdem vertrauen sie stark auf die westlichen Verbündeten. Schließlich ist ihr Land seit 2004 Mitglied in NATO und Europäischer Union.

Was wäre, wenn…?

Und die Alliierten haben bereits reagiert: Anfang April verstärkte die NATO die Luftraumüberwachung des Baltikums. Rund 150 US-Soldaten sind inzwischen - offiziell zu Trainingszwecken - im Land. "Umso überraschender finde ich, dass trotzdem im Radio, in der Zeitung und auch in den Gesprächen der Leute die theoretische Möglichkeit einer russischen Annektion des Baltikums nach dem Krim-Szenario von vielen als reale Option gesehen wird", sagt Ackermann.

Audio anhören 01:08

Die DW fragt nach: Angst vor Russland?

Es gehe eben um diese Möglichkeit, sagt die 36-jährige Laura. "Wir sehen die NATO-Flugzeuge, hören sie und das beruhigt etwas - aber werden sie uns wirklich schützen? Ich habe mein ganzes Leben ruhig verbracht, aber jetzt kommen diese Gedanken: Was wäre, wenn…?" Russlands Präsident Putin habe immer schon sein Gebiet, seinen Einfluss vergrößern wollen.

Litauens Außenminister Linas Linkevičius fordert deshalb auch, wie seine Amtskollegen in Estland und Lettland, eine ständige NATO-Präsenz im Land. "Die Bedrohung ist real", sagt er im Gespräch mit der DW. "Manchmal muss man eine unmissverständliche Sprache sprechen, die der Gegner versteht."

Markige Worte im Präsidentschaftswahlkampf

Für Kristijanos Vizbaras geht es jedoch nicht nur darum, mit Waffen durchs Land zu laufen. "Es geht auch um Bildung", sagt er. Die russische Propaganda verbreite sich so schnell, dass die Leute vor der Gehirnwäsche geschützt werden müssten. "Wir erklären eben auch, warum es wichtig ist, die westlichen Werte zu verteidigen, die wir in den vergangenen 25 Jahren schätzen gelernt haben."

Und für die will auch Litauens Präsidentin Dalia Grybauskaitė kämpfen. Während des Präsidentschaftswahlkampfes warf sie Moskau "imperiale Ambitionen" vor. Wenn die nationale Sicherheit auf dem Spiel stehe, sagte die 58-Jährige, sei sie entschlossen, eigenhändig "zu den Waffen zu greifen", um ihr Land zu verteidigen. Bei der Stichwahl um das Präsidentenamt am Sonntag (25.04.2014) ist Grybauskaitė klare Favoritin.

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