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Aktuell Deutschland

Die letzten Minuten des Amokläufers von München

Nach den tödlichen Schüssen in München werden weitere Details der schrecklichen Tat bekannt. Die Polizei hatte den Schützen fast gestellt, als der sich selbst tötete. Einen terroristischen Hintergrund gibt es wohl nicht.

Ein 18-jähriger Einzeltäter ohne terroristischen Hintergrund hat die Bluttat von München verübt. Nach Angaben der Polizei hatte sich der Deutsch-Iraner, der am Freitagabend zunächst neun Menschen und dann sich selbst erschoss, mit dem Thema Amoklauf beschäftigt. Der Schüler war den Ermittlern zufolge offenbar wegen einer Depression in Behandlung. Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund oder einen Bezug zur Dschihadistenorganisation Islamischer Staat (IS) gebe es nicht, sagte der Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä.

Am Abend gab die Polizei weitere Einzelheiten über die letzten Minuten des Amokläufers bekannt. Der Mann führte den Angaben zufolge eine illegale Pistole des Kalibers 9 Millimeter bei sich, die Seriennummer war ausgefräst. Er habe mehr als 300 Schuss Munition bei sich gehabt, sagte der Präsident des bayerischen Landeskriminalamtes, Robert Heimberger.

"...zog er unvermittelt seine Schusswaffe..."

Etwa zweieinhalb Stunden nach der Tat tötete er sich vor den Augen von Polizisten selbst. "Gegen 20.30 Uhr hatte eine Streife der Münchner Polizei nördlich des Olympia-Einkaufszentrums Kontakt zum mutmaßlichen Täter", teilte die Behörde mit. "Als Reaktion auf die Ansprache der Beamten zog er unvermittelt seine Schusswaffe, hielt sie sich an den Kopf und erschoss sich." Eine Zivilstreife hatte den Täter zuvor bereits am Parkhaus des Einkaufszentrums entdeckt und auf ihn geschossen, doch der junge Mann war unverletzt geblieben und konnte zunächst fliehen.

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Trauer und Entsetzen nach Münchner Bluttat

Der 18-Jährige ist in München geboren und aufgewachsen. Er lebte gemeinsam mit seinem Bruder und den Eltern in der bayerischen Landeshauptstadt. Die Ermittler fanden in der Wohnung Bücher wie "Amok im Kopf. Warum Schüler töten". Auch eine Verbindung zum rechtsextremen Attentäters Anders Behring Breivik "liegt auf der Hand", sagte Polizeipräsident Andrä.

Bei den Opfern des Angriffs am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) handelt es sich zu einem großen Teil um Menschen ausländischer Herkunft, fast alle waren Jugendliche. Drei der Getöteten waren Kosovo-Albaner, drei weitere Türken und einer Grieche. Acht der Getöteten waren nach Angaben der Polizei zwischen 14 und 20 Jahre alt. Das neunte Opfer war 45 Jahre alt. Es gab demnach drei weibliche Opfer. Ob der Täter gezielt auf ausländisch aussehende Opfer schoss, muss den Ermittlern zufolge noch geklärt werden.

Nach Schießerei in München Thomas De Maiziere

Bundesinnenminister de Maiziere am Tatort

Nach Angaben des bayerischen Landeskriminalamts und Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) gibt es Hinweise darauf, dass der Täter einen Facebook-Account geknackt hat, um gezielt Jugendliche zu der McDonalds-Filiale nahe des Olympia-Einkaufszentrums im Norden Münchens zu locken. Der Amokläufer war für die Sicherheitsbehörden bislang ein unbeschriebenes Blatt. "Gegen ihn waren bisher keine polizeilichen Ermittlungen bekannt", sagte de Maizière, der am Samstagabend den Tatort besichtigte. "Und es gibt auch keine Erkenntnisse der Nachrichtendienste über diese Person." Möglicherweise sei der junge Deutsch-Iraner gemobbt worden.

Nach ersten Erkenntnissen der Ermittler hatte der Täter eine Erkrankung "aus dem depressiven Formenkreis". Bayerns Innenminister Joachim Herrmann sagte: "Wir haben einige Hinweise dafür, dass eine nicht unerhebliche psychische Störung bei dem Täter vorliegen könnte."

Das Vierfache an Notrufen

Die bayerische Landesregierung will nach dem Amoklauf die Polizei besser ausstatten, wie Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) nach einer Sondersitzung des Kabinetts in München ankündigte. "Die Bevölkerung kann sich darauf verlassen, dass wir als politisch Verantwortliche alles Erdenkliche tun werden, um unsere Bevölkerung zu schützen." Am Freitagabend waren etwa 2300 Polizisten im Einsatz gewesen, darunter auch die Spezialeinheit GSG 9 der Bundespolizei. In der Innenstadt von München hatte es am Abend mehrfach Alarm wegen weiterer Schüsse gegeben, die sich dann aber als falsch herausstellten. Zwischen 18.00 und 24.00 Uhr zählte die Münchner Polizei 4310 Notrufe. Das sei das Vierfache eines normalen Tages gewesen, sagte Polizeipräsident Andrä. Die Polizei ermittelt nun auch, ob absichtliche Falschinformationen aus der Bevölkerung eingingen.

Polizeieinsatz nach Amoklauf in München

Eine Landeshauptstadt im Ausnahmezustand: Etwa 2.300 Polizisten waren am Freitagabend im Einsatz

Am kommenden Samstag wird es im Münchner Maximilianeum einen gemeinsamen Trauerakt des Landtags, der Landesregierung und der Stadt München geben. Zum Gedenken an die Opfer und Verletzten ist am Sonntag kommender Woche zudem ein ökumenischer Gottesdienst im Münchner Liebfrauendom geplant. Aus Respekt vor den neun Todesopfern sagte die Landesregierung den Festakt zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele am Montag ab. Seehofer sprach von einem "schweren Schicksalsschlag für alle in ganz Bayern".

ml/wa (dpa,afp,rtr)

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