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Alltagsdeutsch – Podcast

Die letzte Ruhe

Manche ereilt er früh, manche erst spät: der Tod. Bestatter sorgen für ein würdevolles Begräbnis der Verstorbenen. Das Bestattungswesen ist jedoch eine Dienstleistung wie jede andere auch.

Sprecher:

Vögelzwitschern. Laub fällt auf die Wege und auf die Gräber unter den Bäumen. Ein Friedhof. Stätte der Totenruhe und der Trauer in erster Linie. Friedhöfe sind aber auch gärtnerische Anlagen, Wirtschaftsbetriebe und eine Verwaltungsaufgabe. Anders gesagt: Eine Arbeitsstelle wie andere auch. Jährlich sterben in Deutschland fast 900.000 Menschen und unterliegen damit der Bestattungspflicht.

Sprecherin:

Gesetzlich vorgeschrieben ist, dass jeder Verstorbene nach spätestens 120 Stunden beigesetzt wird. Bestattungsunternehmen sorgen dafür, dass das reibungslos und profitabel geschieht. Fast immer handelt es sich um Familienbetriebe. Der Kölner Walter Engelmann hat das Unternehmen seines Vaters übernommen. Das Bestatten gehört zur Familientradition, ebenso dass er gelernter Schreinermeister ist. Denn Beruf des Bestatters gibt es erst seit der Jahrhundertwende erzählt Engelmann. Er gibt sich seriös, aber freundlich. Keine Spur von der Leichenbittermine, die man seinem Berufsstand nachsagt.

Walter Engelmann:

"Ja der Beruf des Bestatters hat sich eigentlich aus dem Leichenbitter rauskristallisiert, das heißt der Schreiner hat den Sarg gefertigt, die Nachbarschaftshilfe hat die Einbettung, hat den Verstorbenen versorgt, die Nachbarn haben ihn zu Grabe getragen und andere wiederum haben Papiere erledigt und dann hat der Schreiner mehr und mehr diese Aufgaben übernommen. Und irgendwann war mal das Dienstleistungspaket 'Bestatter' da."

Sprecher:

Der erwähnte Leichenbitter war jemand, der im Dorf oder Stadtteil die Todesfälle bekanntgab und zur Beisetzung einlud. Er sprach die Bitte aus, dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Der Ausdruck Leichenbittermine hat also mit einem bitteren Geschmack oder einer besonders verbitterten Gesichtsausdruck sprachlich nichts zu tun.

Sprecherin:

Walter Engelmann bietet eine Dienstleistung an. Das klingt zunächst sehr nüchtern und geschäftlich im Zusammenhang mit Tod und Trauer. Und es ist in gewisser Weise auch so gemeint. Die Trauer kann der Bestatter den Hinterbliebenen nicht abnehmen, aber eben alles Übrige. Erledigungen bei Ämtern, Kirchen und Friedhöfen, Einsargung und Überführung des Verstorbenen bis hin zur Blumenbestellung und zur Traueranzeige in der Zeitung. Seine Leistungen lässt er sich nach Festpreisen bezahlen, aber es gibt auch variable Kosten, beispielsweise beim Sarg. Es muss ja nicht unbedingt der rustikale Eichensarg sein. Schlichte Särge aus Nadelhölzern, aus Tanne, Kiefer, Fichte sind auch zu haben. Holz ist seit jeher das bester Sargmaterial erklärt Engelmann, aber die Gestaltung, das Design, unterliegt dem Zeitgeschmack.

Walter Engelmann:

"Also der Sarg unterliegt ganz schwer dem Trend und vor allen Dingen auch der Möbelindustrie. Und die Särge sind auch moderner geworden. Das heißt, man ist vom so genannten Gelsenkirchener Barock weg und hat die Särge schlichter gemacht, moderner, formschöner. Es gibt sogar Designersärge, die also nicht unbedingt jetzt noch nach Holz aussehen müssen, sondern die auch bunt sein können: Oberteil gelb, Unterteil in bleu – je nachdem. Aber da gibt es schon einiges. Und das hat sich in den letzten zehn Jahren ziemlich gewandelt."

Sprecher:

Gelsenkirchener Barock nennt man spöttisch schwere Wohnzimmermöbel mit üppigen Schnitzereien. Verkörperten diese Schränke und Büffets in den Wirtschaftswunderjahren noch den neuen Wohlstand, galten ihre Besitzer schon eine Generation später als Inbegriff der spießigen und kleingeistigen Bewohner einer so x-beliebigen Stadt wie Gelsenkirchen. Nase rümpfend wendet sich der weltgewandte Zeitgenosse ab.

Sprecherin:

Nicht nur die Designersärge sind Ausdruck der Individualität, die manche Angehörige von einer Bestattung erwarten. Gelegentlich hört man in der Trauerhalle auch die liebsten Pop-Songs des Verstorbenen und bei einem Kinderbegräbnis steigen schon mal farbige Luftballons in den Himmel auf. Doch das sind noch Einzelfälle. Traditionell galt die Erdbestattung im Sarg mit kirchlicher Trauerfeier und Orgelmusik als angemessene Form der Beisetzung. Aber diese althergebrachte Bestattungsform ist dem Wandel unter nicht immer ist es ein Wandel zum Besseren, finden die Verfechter einer würdigen Bestattungskultur.

Sprecher:

Und das hat zum Teil finanzielle Gründe. Viele Menschen entscheiden sich für die preisgünstigste Variante und für eine Grabstätte, die wenig Pflege verlangt. Das Toten-Gedenken hat an Stellenwert verloren. Einäscherungen mit anschließender Urnenbeisetzung nehmen stetig zu. Ihr Anteil beläuft sich inzwischen auf 50 Prozent aller Bestattungen. Und mit der zunehmenden Abkehr von der Religion sinkt die Zahl kirchlicher Beisetzungen. Immer öfter wird statt des Geistlichen ein freier Bestattungs- oder Trauerredner gewünscht.

Sprecherin:

Der Kölner Trauerredner Detlef Rick hat bei den Bestattern seiner Heimatstadt einen ausgezeichneten Ruf. Für ihn ist die eigentliche Herausforderung das Trauergespräch, in dem er die Hinterbliebenen ermutigen will, den Schmerz anzunehmen und sich der Trauer und der Tränen nicht zu schämen. In diesem Gespräch erfährt er auch, ob die Angehörigen eine religiöse oder weltliche Trauerfeier wünschen. Entsprechend dient dann entweder eine Bibelstelle oder ein Gedicht als Ausgangspunkt seiner Rede. Denn das lieblose Aneinanderreihen von nichtssagenden Floskeln und geistig anspruchslosen Klischees, die den Tod verhüllen, das ist nicht sein Stil.

Detlef Rick:

"Ich denke, wer über den Tod nachdenkt, wird auch Worte für den Tod finden. Aber Zuspruch, denke ich, braucht nicht unbedingt blumige Formulierungen. Also ich denke blumige Worte, das Umschreiben des Todes, nicht wirklich sagen, er ist gestorben, er ist heimgegangen. Ja, er ist heimgegangen. Also, so was find' ich peinlich. Solche blumigen Formulierungen sind für mich denn Verdrängung."

Sprecher:

"Blumige Worte sind sprachliche Ausschmückungen, die einen Sachverhalt beschönigen und verhüllen. Damit verbunden ist die Redewendung "durch die Blume sprechen" – also etwas mit indirekten Worten sagen. Gerade über den Tod wird so beschönigend gesprochen und geschrieben. In Traueranzeigen liest man immer wieder indirekte verhüllende Umschreibungen für das Sterben. Er oder sie ist entschlafen, wurde von seinem Herrn heimgerufen, ist eingegangen in den ewigen Frieden oder durch einen sanften Tod erlöst worden. Nicht immer sind diese Trauersprüche Ausdruck tatsächlicher Gläubigkeit, oft sind sie bloße Konvention.

Sprecherin:

Verdrängen lassen sich der Tod und die eigene Vergänglichkeit ebenso mit saloppen und humorigen Sprüchen. Hat zum Beispiel jemand einen schweren Autounfall überlebt, dann ist er gewissermaßen dem Totengräber entkommen. Er ist dem Tod von der Schippe gesprungen lautet eine dieser volkstümlichen Redensarten. Manche, erklärt Detlef Rick, gehen über bildliche Vorstellungen hinaus und haben einen handfesten sozialen Ursprung.

Detlef Rick:

"Die Löffel abgeben, ja. Ich mein' das hat ja 'ne ganz alte Bewandtnis, dass in früheren Zeiten Bestecke Luxus waren. Da hat man aus dem Topf gekratzt und dann war es halt eben so, dass der Vater an den Stammhalter den Löffel abgegeben hat. Das hat ja 'nen ganz fantastischen sozialen Hintergrund aus vergangenen Zeiten."

Sprecher:

Es gibt eine ganze Reihe solcher Redensarten, die Sterben und Tod beschreiben. Man kann den Löffel abgeben oder auch ins Gras beißen wie ein Verwundeter, der im Todeskampf die Zähne ins Erdreich schlägt. Und manchmal erlischt das Lebenslicht, Weniger bildlich, aber genauso drastisch sind Verben wie abkratzen, hopsgehen oder verrecken. Geläufig ist auch "es hat ihn erwischt" und "er muss dran glauben".

Sprecherin:

Wenig würdevoll geht es manchmal auch nach einer Bestattung zu beim Leichenschmaus, wenn Familie und Freunde zu Ehren des Toten die Gläser erheben.

O-Ton:

"Ja, beim Leichenschmaus wird natürlich auch getrunken. Das is natürlich, sagt man ja so, Fell versaufen. Ja und dabei wird natürlich auch getrunken. Teils aus Schmerz, teils weil man sich noch mal gesehen hat. Viel hört man, dass die sagen 'Ja, lass uns doch sonst noch mal treffen und nicht immer bei Beerdigungen'."

Sprecher:

Die Trauergäste werden nach der Bestattung zu einem Imbiss in ein Lokal oder Restaurant gebeten. Imbiss nennt man das nur aus Pietät. Ansonsten spricht jeder vom Leichenschmaus. Gestandene Biertrinker sagen dann 'Komm wir gehen jetzt das Fell versaufen'. Man muss aber aufpassen, dass niemand an dieser scherzhaften Bemerkung Anstoß nimmt. Das Fell versaufen ist nämlich eine ausgesprochen makabere Formulierung. Sie erklärt sich daraus, dass es früher bei Viehhändlern und Schlachtern üblich war, den Erlös aus dem verkauften Fell des Tieres den Viehknechten als Trinkgeld zu geben. Die haben dann regelrecht das Fell versoffen. Diese Redewendung ist ein makaberer Hinweis auf den Toten, dessen Ableben man die Einladung zu kostenlosem Bier und Schnaps verdankt.

Sprecherin:

Viele Großstädter haben geradezu berühmte Friedhöfe. Was zum Beispiel der Zentralfriedhof für Wien ist der Friedhof Melaten für Köln. Eine Touristenattraktion. Ein Park für herbstliche Flaneure und eine Stätte geschichtlicher Bildung für die Teilnehmer einer Stadtführung. Mit einem Glockenschlag am Haupteingang beginnt Detlef Rick den Rundgang. Am Wochenende lebt der Trauerredner seine fröhliche Seite aus. Mit einer unterhaltsamen Tour über Kölns ältesten noch genutzten Friedhof. 1810 wurde der Melaten-Friedhof eröffnet und lag damals noch vor den Toren der Stadt. Auf Melaten stehen zahlreiche kunsthistorisch hochrangige Grabmonumente aus zwei Jahrhunderten. Die reichsten Bürger der Stadt ließen und lassen sich hier beisetzen und entsprechend ausgefallen sind manche Grabstätten. Die Hauptattraktion auf Melaten ist ein Grabmal, dessen bildhauerische Ausgestaltung ein memento mori ist, das uns also sagen will 'Erinnere dich, dass du sterben wirst'. Ein memento mori ist eine sinnbildliche Darstellung des Todes. Detlef Rick führt seine Gruppe vor ein lebensgroßes, in Stein gemeißeltes Skelett.

Detlef Rick:

"So, das ist hier das Wahrzeichen des Melaten-Friedhofes. Das ist der Sensenmann, ja, der leibhaftige Tod, wunderbar herausmoduliert, der Unterkiefer, ja, die Mittelhandknochen, ja. Gucken Sie sich die Kniescheibe an, die ist wirklich vom Feinsten."

Sprecher:

Das ist vom Feinsten sagt der Stadtführer ironisch und meint damit wunderbar, allerbestens gearbeitet dieser Sensenmann. Der Sensenmann – das Gerippe mit Sense – ist die bildliche Darstellung des Todes schlechthin. Poetisch wird er auch der große Schnitter genannt, der mit seiner Sense gleich einem Bauern, der Getreide mäht, reiche Ernte einfährt. Zwar lässt sich an einem Skelett die Geschlechtszugehörigkeit nicht mehr erkennen. Aber egal ob Sensenmann, Knochenmann, Gevatter Tod oder Freund Hein – der Tod in Deutschland ist immer männlich. Dass das nicht so sein muss, wissen zum Beispiel die Mexikaner, die sich lieber vor Tante Sebastiana gruseln.

Fragen zum Text

Ein Leichenbitter …

1. ist ein alkoholisches Getränk.

2. war eine Person mit einer bestimmten Aufgabe.

3. ist der Geruch, den ein Sarg ausströmt.

Wenn etwas makaber ist, dann ist es …

1. unkenntlich.

2. witzig.

3. Grauen erregend

Blumig reden bedeutet, dass …

1. jemand nicht direkt zur Sache kommt.

2. jemand etwas mit indirekten Worten sagt.

3. jemand durch einen Blumenstrauß spricht.

Arbeitsauftrag

Verfassen Sie ein Kurzreferat, in dem Sie darüber berichten, wie Totenfeiern und Bestattungen in Ihrem Heimatland durchgeführt werden.

Autor: Moritz Heistermann

Redaktion: Beatrice Warken

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