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Hintergrund

Die letzte Reise

Gebete, Kerzen und die letzte Ölung – jahrhundertelang war das Sterben mit bestimmten Ritualen verbunden. Denn wer die Schritte ins Jenseits ging, musste vorbereitet sein.

Das Foto zeigt einen Leichenzug mit von Pferden gezogenem Leichenwagen in Frechen 1948. (Foto: Archiv des Landschaftsverbands Rheinland)

Leichenzug 1948

Für die letzte Reise war Johann Wolfgang von Goethe schon zwei Jahre vor seinem Tod gerüstet. Das Bündel sei geschnürt, schrieb er, er warte nur noch auf den "Ordre zum Abmarsch". Der kam am 22. März 1832, als der große Dichter 82 Jahre alt war. Seinen Diener Friedrich soll er noch um "mehr Licht" gebeten haben, Schwiegertochter Ottilie sollte ihm "das Pfötchen halten". Dann verabschiedete Goethe sich ins Jenseits. Ein perfekter Abgang. Jedenfalls nach den Maßstäben der damaligen Zeit.

Goethe-PortraitJ, Gemälde von Joseph Stieler (1781-1858) (Foto: picture alliance/ akg images

Goethe starb den "guten Tod"

Der Wunsch vieler Menschen heute, schnell und unerwartet aus dem Leben zu gehen, war früher eine schreckliche Vorstellung", sagt die Bonner Volkskundlerin Dagmar Hänel. Ein "guter Tod" sei vielmehr mit dem bewussten Abschiednehmen verbunden gewesen. "Damals setzte man sich auch in Kunst und Literatur viel stärker mit dem Sterben auseinander."

Häufige Todesursache: Zähne

Den Tod zu verdrängen, wäre zu Goethes Zeiten auch kaum möglich gewesen. Sechs von zehn Neugeborenen überstanden das erste Lebensjahr nicht. Viele Frauen starben bei der Geburt ihrer Kinder und auch die Männer wurden selten älter als 50 Jahre. Der Großteil der Bevölkerung starb an Infektionen. "Über Krankheiten wusste man noch nicht viel, daher lautete die Diagnose in den Kirchenbüchern häufig einfach Jammer oder Zähne", erklärt die Volkskundlerin. Denn eine unbehandelte Zahnentzündung habe damals oft den Tod zur Folge gehabt.

Foto zeigt Beterinnen aus dem Kreis Kleve, die dort vor 1935 zu Totenwachen eingeladen wurden (Foto: Landschaftsverbands Rheinland)

Totenwache im Kreis Kleve

Das Sterben geschah in der Regel zuhause und war stark religiös geprägt. Meistens wurde ein Priester oder Pfarrer gerufen, der die letzte Ölung durchführte. Nach Eintritt des Todes wurde der Verstorbene im Haus aufgebahrt. Spiegel wurden verhängt, damit die Seele ungestört in den Himmel gehen konnte, Kerzen, Kreuz und Pflanzenschmuck aufgestellt. Nachbarn und Verwandte hielten mehrere Tage lang die Totenwache. Mit Gebeten und Liedern nahmen sie feierlich Abschied, bis der Tote in einem Sarg vom Haus zum Friedhof gebracht und dort beerdigt wurde.

Das Wunder der kindlichen Auferstehung

"Dieses sogenannte ehrliche Begräbnis war den Menschen damals sehr wichtig", erklärt die Volkskundlerin. "Denn daran zeigte sich, wer Teil der sozialen Gemeinschaft war und wer nicht." Ungetauft verstorbene Säuglinge gehörten nicht dazu. Viele Eltern empfanden das als ungerecht und pilgerten deshalb an Wallfahrtsorte, um ihr Kind "zeichnen" zu lassen. Sie legten es dort auf den Altar und warteten auf das Wunder des Lebens. Meistens mit Erfolg.

Foto zeigt einen aufgebahrten Kindersarg aus dem Kreis Mayen-Koblenz um 1960 (Foto: Landschaftsverbands Rheinland)

Aufgebahrter Kindersarg

In der dunklen, mit flackernden Kerzen erleuchteten Kirche wurden die Schatten auf dem Gesicht als Bewegung interpretiert und das Kind noch schnell getauft", erzählt Hänel. Diese Praxis sei zwar häufig kritisiert und verboten worden, habe sich aber trotzdem bis ins 19. Jahrhundert gehalten, sagt die Wissenschaftlerin.

Zum Sterben in die Klinik

Erst Ende des 19. Jahrhunderts änderten sich die Todesrituale. Die Industrialisierung hatte viele Menschen vom Land in die Städte getrieben. In den kleinen Arbeiterwohnungen konnten die Toten nicht aufgebahrt werden. Auf den Friedhöfen entstanden Leichenhallen. Ein Bestatter übernahm nun die Aufgaben, die früher Verwandte und Nachbarn erfüllt hatten. Der medizinische Fortschritt sorgte dafür, dass Krankenhäuser und Pflegeheime entstanden. Das Sterben verlagerte sich zunehmend in die Kliniken.

Ärzte-Visite im Krankenhaus Ärzte stehen mit Pflegern am Bett eines Patienten, während der Visite in der Chirurgischen Ambulanz im Allgemeinen Krankenhaus St. Georg in der Hansestadt Hamburg (Foto: dpa)

Sterben in der Klinik

Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Tod massiv verdrängt", sagt Hänel. Das Sterben sei als Versagen der Medizin gewertet worden. Die Hospizbewegung brachte Anfang der achtziger Jahre ein Umdenken. Seitdem werden alte Rituale rund um Sterben und Tod wiederbelebt. Denn wie Goethe zuhause sterben zu können, im Kreis der Familie, wünschen sich viele Menschen. Tatsächlich aber gelingt es weniger als 15 Prozent der Deutschen.

Buchhinweis: Dagmar Hänel, Letzte Reise. Vom Umgang mit dem Tod im Rheinland, Greven-Verlag, 128 Seiten, 12,90 Euro.

Autorin: Sabine Damaschke

Redaktion: Klaus Krämer