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Deutschland

Die letzte DDR-Regierung per Mausklick erleben

Die einzige frei gewählte Regierung der DDR war 1990 nur sieben Monate im Amt. Eine neue Website gibt Einblicke in diese spannende Zeit vor der Wiedervereinigung - aus einer bisher vernachlässigten Perspektive.

"Wir waren Laienspieler, aber wir waren gute Laienspieler", sagt Herbert Schirmer. Der gelernte Maschinist, Buchhändler und Journalist hatte sich in der ostdeutschen Kulturszene einen Namen gemacht. Bekannt wurde der Politiker aus der Ost-CDU aber mit einem anderen Job: als Kulturminister in den letzten Monaten der DDR. 25 Jahre nachdem die letzte DDR-Regierung das erste Mal zusammentrat, steht er nun zusammen mit seinen Ex-Kollegen, den Mitgliedern des Kabinetts von Lothar de Maizière, in den Räumen der Bundesstiftung der Aufarbeitung der SED-Diktatur. Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung, hatte zusammen mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters eingeladen, um das Multimedia-Projekt

"Aufbruch und Einheit. Die letzte DDR-Regierung"

vorzustellen.

100 Originaldokumente, etwa 200 Fotos und 50 Videos ermöglichen neben Zeitzeugeninterviews erstmals eine bilanzierende Rückschau im Internet. Die Webseite solle, sagt Kaminsky, die Arbeit der 23 Ministerien nicht nur dokumentieren, sondern vor allem auch würdigen.

1990: Das Regierungskabinett von Lothar de Maiziere

1990: Das Regierungskabinett von Lothar de Maiziere

25 Jahre danach: Die letzte DDR-Regierung mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters ( Foto: DW/Jenny Genzmer)

25 Jahre danach: Die letzte DDR-Regierung mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters 2015

Die Wiedervereinigung aus ostdeutscher Perspektive

Ein wunder Punkt für die ehemaligen Minister und Staatssekretäre: Die historische Aufarbeitung der deutschen Einheit basiere noch immer auf einem Mythos, sagt Markus Meckel, von April bis August 1990 Minister für Auswärtige Angelegenheiten. "Der Mythos ist, dass die Mauer gefallen ist und dann Helmut Kohl kam und die Einheit gemacht hat." Meckel vermisst bis heute eine historische Darstellung über die letzte DDR-Regierung und ihr Verhältnis zur Deutschen Einheit. Hier habe nicht nur ein Einigungsprozess stattgefunden, sondern auch eine Transformation begonnen.

Aus einer Diktatur, sagt Meckel, musste eine Demokratie gestaltet und völlig neu aufgebaut werden. "Durch diese Dokumentation wird erstmalig in dem Einigungsprozess ein Augenmerk auf die Politik der östlichen Seite in diesem Verhandlungsprozess gelegt. Und damit bewusst gemacht, dass es überhaupt ein Verhandlungsprozess war."

Markus Meckel - letzter Außenminister der DDR (Foto: dpa)

Markus Meckel - der letzte Außenminister der DDR

Der östliche Blick auf die Verhandlungen ist dabei keinesfalls einheitlich. Das überraschend siegreiche Wahlbündnis "Allianz für Deutschland" bestand nicht nur seinerseits aus einem breiteren Spektrum. Um eine Regierung zu bilden, musste es mit der Sozialdemokratischen Partei der DDR und den Liberalen koalieren. Am 12. April 1990 bestätigte die Volkskammer die Koalitionsregierung mit Lothar de Maizière als Ministerpräsidenten. "Es waren Leute dabei, die aus dem alten Apparat der DDR kamen, CDU-Leute, die lange in der Blockpartei mit der SED waren, andere, die wie ich aus der Friedlichen Revolution kamen", sagt Meckel. Die Übergangsregierung sei eine bunte Mischung gewesen, eine politische Aufgabe und kein Freundeskreis.

Die parteiübergreifende Solidarität hatte nicht lange Bestand. "Wir wussten zwar, was wir nicht mehr wollten", erinnert sich auch Schirmer. Aber als es dann darum ging, was sie eigentlich wollten, da seien die Ansichten weit auseinandergegangen.

"Ja, wir waren Laienspieler"

Ein Problem der letzten DDR-Regierung war aber nicht nur ihre innere Zersplitterung. Viele Minister hatten keinerlei Regierungs- und Verwaltungserfahrung. Menschen aus normalen Berufen mussten nun aus 15 Bezirken Länder gründen, Kommunalwahlen etablieren, freiheitlich-demokratische Grundlagen ausarbeiten. "Und dann kommt plötzlich so ein Mann daher und sagt, ach Gott, diese Laienspieler, kann man die nicht ablösen oder so." Nach Schirmer traf dieser Kommentar des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Max Streibel ein ostdeutsches Minderwertigkeitsgefühl. "Das war uns, glaube ich, eigen", sagt er. Die souveräne Art der Bonner Politiker habe schon einschüchternd gewirkt.

Heute sieht Schirmer das entspannter. "Der Mann hatte eigentlich recht, wir waren Laienspieler, ja". Aber was ihn bis heute umtreibt, ist der Gedanke, dass das Selbstvertrauen irgendwann gewachsen sei. "Das war für mich wirklich sehr schmerzhaft, weil ich dachte, jetzt kann ich Minister - aber dann war es vorbei."

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