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Sport

Die Leidenden der Landstraße

Nervosität und Stürze prägten auch in diesem Jahr die erste Woche der Tour de France. Einige Radprofis wollen auch mit Verletzungen und Krankheiten nicht aufgeben. Zu wichtig ist dieses Rennen.

Klar, es gibt viele Berufe, die kein Zuckerschlecken sind. Bauarbeiter sind den Launen des Wetters ausgesetzt, Lehrer den Launen der Schulkinder und eigentlich jeder den Launen seines Chefs. Aber Radprofi? Das ist schon eine Profession für besonders leidensfähige Menschen. Hüftbruch, Kahnbeinbruch, Schienbeinbruch, Schlüsselbeinbruch - voilà, nur ein Auszug aus dem Bulletin des Tourarztes während der ersten Rennwoche. Während Fußballprofis bei ähnlichen Verletzungen per Trage vom Platz gebracht werden, setzen einige Tourstarter das Rennen mit solchen Verletzungen sogar fort.

40 Kilometer mit gebrochener Hüfte

So quälte sich der Niederländer Maarten Tjallingii 40 Kilometer lang mit gebrochener Hüfte (!) bis ins Ziel der dritten Etappe. Und der deutsche Zeitfahrweltmeister Tony Martin denkt auch mit gebrochenem Kahnbein in der linken Hand nicht ans Aufgeben. Bereits nach elf Kilometern der ersten Etappe war Martin schwer zu Boden gegangen und trägt nun eine spezielle Manschette zur Stabilisierung der gebrochenen Hand. Die Mechaniker seines Omega-Pharma-Rennstals versetzten den linken Bremshebel am Lenker, um Martin das Bremsen und Schalten zu erleichtern. "Ich kann dadurch besser greifen und fühle mich etwas sicherer", sagte der Etappensieger des Vorjahres, dessen Daumen in der Manschette aber im "Dauerschlaf“ bleibe: "Das kommt wohl daher, dass der Nerv von der Bruchstelle betroffen ist." Martin will sich bis zum Zeitfahren am kommenden Montag durchquälen. Dort versucht er mit gebrochener Hand einen letzten Test vor den Olympischen Spielen.

Marcel Kittel (Foto: Roth/dpa)

Man sieht es ihm an: Marcel Kittel ging es überhaupt nicht gut. Der Sprinter stieg nach großem Kampf aus.

Während Martin aus Unsicherheit und Angst vor weiteren Stürzen meist ganz am Ende des Feldes fährt, begegnete er dort in den vergangenen Tagen regelmäßig einem anderen Deutschen: Marcel Kittel. Der Shootingstar aus der kleinen niederländischen Argos-Mannschaft kämpft seit der ersten Etappe mit einer hartnäckigen Magen-Darm-Erkrankung. Statt sich auf den Flachetappen mit den besten Sprintern zu duellieren, ist Kittel froh, wenn er überhaupt die Nahrung bei sich behält. "Ich hoffe, ich kann genügend trinken und es läuft auch durch", sagte der 24-Jährige, der sich im Ziel der dritten Etappe übergeben musste und die Dopingkontrolle ausnahmsweise im eigenen Teambus machen durfte. Seinen Zustand fasste er mit einem Wort zusammen: "mausetot." Auf der fünften Etappe war dann Schluss: Kittel stieg völlig entkräftet vom Rad und gab auf.

Alles für einen Etappensieg

Kittel und auch Martin taten und tun alles, um weiterzufahren. Warum? Weil die Tour eine so außerordentliche Stellung im Radsport besitzt, dass man manchem Profi schon ein Bein abhacken müsste, damit er aussteigt. Ein einziger Etappensieg bei der Tour kann die Saison eines ganzen Rennstalls sichern und somit auch die Gehälter der Angestellten für die kommende Saison. Viele Profis richten ihre gesamte Saisonplanung nach der Frankreichrundfahrt aus - dem einzigen Mega-Event ihrer Sportart, das nach Veranstalterangaben 3,5 Milliarden Menschen in über 190 Ländern am Fernseher verfolgen.

Tony Martin mit Verletzungen auf dem Rad (Foto: Roth/dpa)

Gleich auf der ersten Etappe ging Tony Martin zu Boden und fährt seitdem mit gebrochenem Kahnbein weiter

Die Tatsache, dass meist während oder kurz nach der Tour die Verträge der Fahrer für das kommende Jahr ausgehandelt werden, ist eine weitere Erklärung, warum so mancher Fahrer alles für einen Tour-Erfolg riskiert: die Gesundheit und mancher sicher auch einen positiven Dopingtest. Das Risiko fährt also mit auf den 3497 Kilometern quer durch Frankreich.

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