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Kultur

Die Last mit dem Gast

Japaner sind berühmt für ihre herzlichen Empfänge. Wie sehr sie sich allerdings für ihre Gäste ins Zeug legen, übertrifft unsere Vorstellungen.

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So lustig geht's nicht immer zu

Yasuko steht unter Stress. Auf die Japanerin wartet
eine der größten Herausforderungen des Jahres: Sie bekommt Gäste ins Haus. Die Eltern ihres möglicherweise künftigen Schwiegersohnes kommen zu Besuch. Nicht, dass Yasuko die Eltern nicht kennen lernen möchte. Auf dem Magen liegt der 57-jährigen Hausfrau das bevorstehende Treffen einzig deshalb, weil das Ganze in ihren eigenen vier Wänden stattfindet. Gäste zu Hause zu empfangen, ist für
Japaner eine anstrengende Angelegenheit. Und für die Gäste letztlich auch.

Nur vom Besten in der Generation der Eltern

"Was kann ich meinen Gästen bloß für ein Geschenk mitgeben", fragt sich Yasuko immer wieder. Als Gastgeberin, so will es die Tradition, ist sie bemüht, ihren Besuch mit Wohltaten zu überhäufen. Dazu gehört ein sorgsam ausgewähltes Präsent, das man neben der Bewirtung reicht. Yasuko will extra aus der Hunderte von Kilometern entfernten alten Kaiserstadt Kyoto kostbare Fische anliefern lassen. Ihre Tochter hält das jedoch für übertrieben. Weder sie noch die Eltern ihres Freundes, die aus Südjapan kommen, hätten einen Bezug zu Kyoto, meint die 26-Jährige. Untereinander verkehren jüngere Japaner wie sie auch meist viel lockerer als die Generation ihrer Eltern.

Tagelange Beratungen

Ihrer Mutter bereitete schon der Wunsch ihrer Gäste Kopfschmerzen, sie würden gerne zum Nachmittagstee kommen. Als Gastgeberin ist ihr das entschieden zu wenig. Haben die das nicht nur aus Höflichkeit gesagt? Gewöhnlich begründen Japaner ihre Zurückhaltung, Gäste zu sich nach Hause einzuladen, mit den beengten Wohnverhältnissen. Das eigentliche Problem liegt anderswo: Es ist vielmehr die Art und Weise, wie Japaner ihre zwischenmenschlichen Beziehungen gestalten. Dabei geht es derart kompliziert zu, dass Spontaneität und Natürlichkeit oft völlig verloren gehen. Alles muss im Voraus bedacht und berücksichtigt werden.

Tagelang beriet sich Yasuko im Familienkreis und selbst mit ihren Nachbarinnen, wie sie ihre Gäste am besten empfangen solle. Schließlich entschied sie, auf der Einladung auch zum Essen zu bestehen. Drei Mal, das verlangt die gute Sitte, muss sie darauf drängen. Schließlich sahen sich ihre Gäste gezwungen, einzuwilligen.

Gastgeber unter Dauerstrom

Yasuko kommt dabei als Frau des Hauses die Rolle zu, sich permanent um das leibliche Wohl ihrer Gäste zu kümmern, aufzutischen, Teller und Gläser neu zu füllen und ständig etwas anzubieten. Ihr Mann dagegen hat für die richtige "Gesprächsatmosphäre" zu sorgen. Auch der Raum, wo er und Yasuko die Gäste empfangen wird, ist extra nur für diesen Anlass herausgeputzt - in das nicht selten rummelige
Wohnzimmer lässt man in der Regel nur wirklich enge Bekannte.

Alternative Restaurant

Unbeschwert wird japanische Gastfreundschaft deshalb auch nur dann, wenn die Umgebung weniger verbindlich und intim ist. Das ist der Grund, weswegen man sich in Japan vorzugsweise nicht zu Hause, sondern in Restaurants oder eleganten Hotels trifft. Professioneller Service macht das endlose Grübeln von vornherein unnötig. Für Yasuko und ihre Gäste wird es dagegen wenig Platz für Entspannung geben. Wenn letztere schließlich gegangen sind, wird Yasuko erschöpft sein. Und ihre Gäste werden mit dem Pflichtgefühl nach Hause zurückkehren, sich nun irgendwie revanchieren zu müssen.(dpa/cg)