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Amerika

Die lange, schwarze Spur des Öls

Vor einem halben Jahr explodierte die Bohrinsel "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko und löste eine der größten Umweltkatastrophen aus. Noch immer sind große Teile der Küsten verseucht. Was wurde daraus gelernt?

Ölverschmierte Hände (foto:AP)

Schwer zu beseitigen - die Folgen der Ölkatastrophe

"Bohrinseln verursachen heute im Allgemeinen keine Ölpest. Sie sind technologisch sehr weit entwickelt", sagte Barack Obama Anfang April. Der US-Präsident hatte gerade neue Ölbohrungen in Küstengewässern genehmigt. Kurze Zeit später, am 20. April, explodierte die Ölplattform "Deepwater Horizon" der britischen Firma BP im Golf von Mexiko. Was folgte, war die schlimmste Ölpest in der US-Geschichte. Elf Menschen kamen bei der Explosion ums Leben, zwei starben bei den Versuchen, das Leck zu stopfen.

Top Kill, Static Kill, Bottom Kill

Auf Unterwasseraufnahmen sah man immer wieder eine dicke, schwarze Fontäne ins Wasser strömen, monatelang. "Top Kill", "Static Kill", "Bottom Kill" hießen die zahlreichen Flick-Versuche. "Es verängstigt uns alle, dass wir es nicht schaffen, die Quelle zu schließen", gab BP-Top-Manager Doug Suttles im Mai kleinlaut zu.

Brennende Ölplattformn Deepwater Horizon (Foto: GReenpeace)

Brennendes Öl im Golf von Mexiko

Drei Monate dauerte es, bis das Leck geschlossen wurde, nochmals zwei, bis die Quelle endgültig versiegelt war. Etwa 780 Millionen Liter Öl flossen ins Meer. Bilder von ölverschmierten Vögeln, verseuchtem Marschland im Mississippi-Delta, verzweifelten Fischern und verendeten Fischen gingen um die Welt. "Die schlimmste Umweltkatastrophe, der sich Amerika je stellen musste", klagte Obama da.

Ölfressende Wundermikroben

Bald jedoch tauchten Berichte auf, unter anderem von der "New York Times", dass man durch Einschöpfen, Abfangen, Verbrennen, Verdunstung, Auflösung und Zerstreuung mit "74 Prozent des Öls fertig geworden" sei. Vom Rest scheine, so Experten in der "New York Times", "keinerlei weitere Gefahr auszugehen." Gesicherte und unabhängige Zahlen gibt es darüber jedoch noch nicht.

Dabei sind die Folgen der Katastrophe längst nicht beseitigt. Die angeblichen Wundermikroben, die das Öl zersetzen sollen, würden nur die leichten, dünnflüssigen Öle zerfressen, sagen unabhängige Experten gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. 16.290 Menschen seien derzeit immer noch dabei, Küstenstreifen und Tiere zu schützen, teilt das zuständige Einsatzzentrum offiziell mit. Rund 950 Kilometer Golfküste sollen noch mit diesen hässlichen, schwarzen Ölflecken und mit Teerklumpen verseucht sein.

Ölverseuchter Küstenstreifen USA (Foto:AP)

Rund 970 Kilometer Küste sollen noch mit Öl verseucht sein - und das sind nur die sichtbaren Schäden.

Schwer getroffen wurde auch die Unterwasser-Welt: Der Blauflossen-Thunfisch, auch "König der Meere" genannt, weil er bis zu fünf Meter lang und 500 Kilogramm schwer wird, hat eine ganze Generation verloren. Die Brutstätten seiner Larven wurden vom Ölteppich erstickt, besagt eine Studie der Europäischen Weltraumorganisation ESA.

Ölspur zieht "Haie" an

Schockierend sind auch die Erkenntnisse, die jetzt Stück für Stück ans Tageslicht kommen. "Die Regierung erweckte den Eindruck, dass sie entweder nicht völlig kompetent war, die Ölpest zu bewältigen, oder nicht völlig ehrlich zum amerikanischen Volk, was die Reichweite des Problems betraf", heißt es im Bericht einer Untersuchungskommission, die jüngst eingerichtet wurde. Washington habe nicht einmal gewusst, wie viel Öl tatsächlich ins Meer floss.

Unterdessen hat die Ölspur die "Haie" angezogen: Mehr als 100 Top-Anwälte streiten sich derzeit in den USA darum, Wortführer in den Prozessen um die Ölkatastrophe zu werden – zwölf bis 15 von ihnen dürfen dann die Klagen von tausenden Fischern, Restaurant- und Hotelbesitzern und Anwohnern gegen den Ölkonzern BP und weitere Unternehmen führen - und damit ein satte Honorare einfahren. Um die Folgekosten der Katastrophe zu stemmen, will der Energiekonzern BP nun Teile von Projekten in Venezuela und Vietnam verkaufen.

Was wurde gelernt?

In this June 16, 2010 file photo, BP Chief Executive Officer Tony Hayward, left, and BP Managing Director Bob Dudley, right, arrive with other BP executives at the White House in Washington, for a meeting with President Barack Obama. Hayward will be handing over oil spill duties to fellow BP executive Bob Dudley. That means a man who spent time in southern Mississippi as a boy will get to oversee the Gulf Coast cleanup. (Foto: AP)

Tony Hayward (l.) ging, Bob Budley (r.) übernahm den Chefsessel bei BP

Erstaunlich, wie wenig die Katastrophe die Debatte über saubere Energie in den USA beflügelte. Statt die Bemühungen um einen Kurswechsel anzuheizen, bewirkte das Unglück eher das Gegenteil: Der Kongress legte den Gesetzentwurf in Sachen Klimaschutz erst einmal auf Eis. Und dann, vor knapp einer Woche, hob die US-Regierung das Verbot von Tiefseebohrungen im Golf von Mexiko wieder auf. Washington spricht von "entscheidenden Fortschritten", die Gefahren von Tiefseebohrungen zu reduzieren - Kritiker meinen, es sei eher die mächtige Ölindustrie, die die Regierung gedrängt habe.

Plan "B"

Zumindest hieß es aus Washington, in der Tiefsee dürften künftig nur solche Unternehmen bohren, die für den Notfall auch einen "Plan B" haben. Den hat BP nun anscheinend: Ein hochrangiger Manager erklärte, dass der Ölkonzern wieder in tiefen Gewässern bohren will. Bob Dudley, seit Anfang Oktober der neue Chef von BP, kündigte außerdem an, dass Bonuszahlungen künftig an das Erreichen von Sicherheitszielen gekoppelt sein werden. So will BP sein desaströses Image aufbessern.

"Tschernobyl hat dabei geholfen, den Bau von Atomreaktoren in Europa zu beenden", meinte die "Washington Post" mit Blick auf den Nuklearunfall 1986 in der Ukraine. "Aber die Tiefsee-Bohrungen werden weitergehen, weil das der Ort ist, wo das Öl ist."

Autorin: Anne Herrberg
Redaktion: Marco Müller