Die Kurden von Idomeni | Europa | DW | 02.03.2016
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Europa

Die Kurden von Idomeni

Mit Tränengas hinderte die mazedonische Polizei Flüchtlinge an der Einreise von Griechenland aus. Dort ist am Grenzort Idomeni wieder etwas Ruhe eingekehrt. Marianna Karakoulaki berichtet.

"Es kommen immer mehr", sagt Emilios Dounias von Médicins Sans Frontières. Im Moment leben etwa 10.000 in einem Lager, das eigentlich nur für 3000 Menschen vorgesehen ist. Idomeni ist zu einer Art nahöstlichem Basar geworden, wo man Menschen von überall her treffen kann. Vor allem die Zahl der Kurden steigt schnell an.

Sami, ein 24 Jahre alter Architekturstudent, stammt aus Aleppo. Er ist mit seiner dreiköpfigen Familie unterwegs. Wegen der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) beschloss er, Syrien zu verlassen. "Ich bin aus religiösen Gründen geflohen. Eines Tages kam der IS und drohte, uns umzubringen, weil wir nicht an Gott glauben. Da blieb uns nur die Flucht", sagt er.

Sami liebt seine Heimatstadt, er wollte sie eigentlich nicht verlassen und wünschte, er könnte sein Studium fortsetzen. "Ich weiß nicht, ob ich weiterstudieren werde. Ich hoffe, dass es eines Tages möglich sein wird. Meine Familie und ich wollen einfach überleben."

Gefragt, ob er je nach Syrien zurückkehren wird, wenn der Krieg vorbei ist, sagt er mit Leidenschaft und Sicherheit in der Stimme: "Auf jeden Fall! Mein Land ist schön. Ich will mein Leben dort wieder aufbauen. Vor dem Krieg hatte ich ein gutes Leben in Syrien. Jetzt lebe ich zum ersten Mal in einem Zelt."

Mazedonien Grenze Griechenland Sami Kurde Syrien (Foto: Dimitrios Tosidis)

Der Kurde Sami floh aus Aleppo, weil der IS seine Familie bedrohte

Suche nach besserem Leben

In Idomeni hat Sami auch Baidar und Achmed getroffen. Alle drei kommen aus Aleppo und sind Freunde geworden. Baidar und Achmed kannten sich bereits seit mehr als zehn Jahren. Beide studierten Wirtschaftswissenschaften, Baidar im türkischen Gaziantep, Achmed in Aleppo.

"Ich will mein Studium fortsetzen und dann einen Master-Abschluss in England oder Deutschland machen - vielleicht", sagt der 25 Jahre alte Achmed. "Wir sind drei Jahre in Aleppo geblieben, aber der Krieg in Syrien ist noch immer nicht beendet. Wir haben beschlossen, nach Europa zu gehen, um ein besseres Leben zu finden", sagt Baidar, 24.

Trotz der schrecklichen Bedingungen in Idomeni denken Baidar und Achmed positiv. Auch wenn sie auf der griechischen Seite der Grenze festsitzen und im Zelt leben. "Ich finde, alles im Lager ist sehr gut. Wir leben hier auf engem Raum zusammen, aber das ist schon in Ordnung." Sie hätten nur ein Problem: "Weil hier so viele zusammenleben, reicht das Essen nicht für alle", so Achmed. "Und eine Dusche könnte ich auch gebrauchen", scherzt Baidar. "Aber ich will noch etwas sagen: Danke Griechenland, für alles", fügt Achmed hinzu.

Mazedonien Grenze Griechenland Osman Syrien (Foto: Dimitrios Tosidis)

Friseur Osman vor seinem "Friseur-Salon"

Improvisationskunst und Unternehmertum

Ein paar Meter weiter steht auf einem handgeschriebenen Schild auf arabisch "Friseur". Einige Männer stehen davor. "Komm' her", ruft einer von ihnen lächelnd, "sieh mal, der hier ist Friseur, er kann Dir die Haare schneiden, wenn Du willst."

Gemeint ist Osman, ein 31 Jahre alter Kurde. Auch er ist aus Aleppo. Vor einem der großen Zelte im Lager von Idomeni hat er einen provisorischen Friseursalon eröffnet und bietet seine Dienste an. Flüchtlinge, Mitarbeitern von Hilfsorganisationen, Journalisten und jeder andere, der vorbeikommt, gehören zu seinen Kunden. Als passionierter Handwerker hat er seine spärliche Ausrüstung aus Aleppo mitgebracht: eine Schere, einen Kamm und eine elektrische Haarschneidemaschine."Leider gibt es aber im Lager keine verlässliche Stromversorgung", sagt er.

"Ich musste mein Haus und meinen Laden wegen des Krieges aufgeben, wegen dem IS, Baschar al-Assad, der al-Nusra...." Er hofft, in Deutschland einen Friseursalon zu eröffnen. "Meine ganze Familie ist schon dort", so Osman.

Auch wenn sich die Lebensbedingungen in Idomeni ständig verschlechtern, weil immer mehr Menschen eintreffen, gibt es noch Hoffnung. Die Menschen lächeln. Und die Kurden scheinen die ruhigsten und hoffnungsvollsten unter ihnen zu sein.

"Jeder hat gesehen, was hier an der Grenze passiert ist, aber wir sind selbst schuld", sagt Sami. Er bezieht sich auf die Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen und der mazedonischen Polizei. "Als sie anfingen, Steine zu werfen, war doch zu erwarten, dass die Grenzpolizisten Tränengas einsetzen. Ich habe auf unsere Leute eingeredet, sie sollten ruhig bleiben, aber sie haben nicht auf mich gehört."

Den Mut lässt er sich wegen der Eskalation am vergangenen Montag aber nicht nehmen. "Irgendwann werden wir schon über die Grenze kommen, wir wissen nur noch nicht wann."

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