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Alltagsdeutsch – Podcast

Die Kunst zu sprechen

Ein bisschen locker daherplaudern – das ist ja wohl nicht schwer, mögen viele denken. Aber um ein guter Moderator zu sein, sind neben intensiver Vorbereitung auch Flexibilität und Spontaneität Grundvoraussetzungen

Sprecherin:

Philip Schepmann ist Schauspieler. Das reichte ihm aber irgendwann nicht mehr, ist finanziell zudem oft unsicher und nicht lukrativ genug. Heute arbeitet Philip als Sprecher für verschiedene Hörfunk- und Fernsehsender. Er ist jetzt froh über seine Schauspielerfahrung. Denn schon oft hat sie ihm im Umgang mit schwierigen Texten Sicherheit gegeben. Zum Beispiel wenn er sich in eine völlig andere Person hineinversetzten musste. Seine erste Theaterrolle spielte er als 16-jähriger Schüler aber eher zufällig.

Philip Schepmann:

"Ich bin da eher widerwillig auch reingeschlittert. Ich wusste überhaupt noch nicht, was damit anfangen und so. Aber als ich dann so auf der Bühne stand, hab' ich dann gedacht: 'Ja, vielleicht ist es ja doch mein Ding. Vielleicht kann ich da ja nächstes Jahr noch mal wieder mitmachen.' Und so war es dann auch. Dann hab' ich im nächsten Jahr 'ne größere Rolle bekommen und bin dann wirklich voll drauf abgefahren. Ich hab' also wirklich Blut geleckt. Und dann war es irgendwann für mich auch klar, dass ich auf die Schauspielschule wollte."

Sprecher:

Philip sagt, in seine erste Theaterrolle sei er reingeschlittert. In etwas reinschlittern heißt so viel wie: in etwas zufällig hineingeraten, ohne Absicht. Man schlittert auch auf gefrorenem oder nassem Boden. Er denkt weiterhin darüber nach, ob die Schauspielerei vielleicht doch sein Ding, also seine Angelegenheit sei. Auf die größere Theaterrolle fährt der junge Mann dann voll ab. Auf etwas voll abfahren bedeutet, sich für etwas sehr begeistern. Diese Redewendung war in den 80er Jahren in der Sprache der Jugendszene sehr beliebt, hat sich aber bis heute gehalten. Philip meint: Ich habe Blut geleckt. Er hat Blut geleckt sagt man von jemandem, der einmal etwas genossen hat und darauf nicht mehr verzichten möchte. Diese Wendung ist vom Verhalten der Raubtiere abgeleitet. Wenn ein Raubtier einmal Blut geleckt hat, wird es immer wieder jagen, um neues Blut zu bekommen. Während seiner Schauspielausbildung spielt Philip auch Rollen in klassischen Theaterstücken, die ihm nun für seine zweite Karriere sehr nützlich sind.

Philip Schepmann:

"Also, ich hab' den Richard III dann probiert, und sie war die Anne, und dann haben wir die Szene gespielt an dem Grab ihres Vaters. Und dann muss man dazu wissen, dass ich, also Richard III, den Vater von ihr auf dem Gewissen hat und sich aber gleichzeitig an diese Anne ranmacht."

Sprecherin:

Philip und seine Kollegin spielen Richard III und Anne in einem Theaterstück von William Shakespeare. Als Richard III hat er den Vater von Lady Anne auf dem Gewissen. Damit meint der junge Mann, dass er für den Tod von Annes Vater verantwortlich sei. Er hat eine Unrechtmäßigkeit begangen, die sein Gewissen belastet. Mit Gewissen ist jener Ort in der Seele des Menschen gemeint, an dem er moralische Urteile fällt – für das Gute oder das Böse. Richard III macht sich an Anne heran, er versucht, der jungen Frau näher zu kommen, sie für sich zu gewinnen.

Sprecher:

Auch Christina-Maria Purkert hat als Schauspielerin viel Erfahrung gesammelt, die für ihren heutigen Beruf der Rundfunk-Moderatorin sehr nützlich ist. Im Gegensatz zu Philip hat sie sich von Anfang an und ganz bewusst für ihren Beruf entschieden. Wichtig ist für sie, nicht jeden Tag das Gleiche zu machen.

Christina-Maria Purkert:

"Also, was mir an meinem Beruf am meisten Spaß macht, ist die Vielseitigkeit. Dass man eben nicht auf eine Schiene festgelegt ist, auf der man dann immer bleiben muss, sondern, dass man ganz viele verschiedene Dinge und verschiedene Menschen kennenlernt und sich damit auseinandersetzen kann und einem die Anregungen nie ausgehen."

Sprecherin:

Christina möchte nicht auf eine Schiene festgelegt sein. Diese Redensart geht ursprünglich auf die Eisenbahnschienen zurück. Auf einer Schiene laufen bedeutet, ausschließlich eine bestimmte Idee oder Spur zu verfolgen, eingleisig zu fahren. Christina arbeitet heute als 'Freie Journalistin', das heißt, ohne feste Anstellung für verschiedene Rundfunksender in den Bereichen Kultur und Tanz. Die Gefahr, im Beruf immer das Gleiche zu tun, wird es für sie bestimmt nicht geben. Schon die Vorbereitungen für die Moderationen sind sehr unterschiedlich.

Christina Maria Purkert:

"Also, es gibt Sachen, da hat man das alles im Kopf, da weiß man sofort, was man sagen möchte und bei anderen Sachen, da muss man auch noch mal ins Pressearchiv gehen, in die Bibliothek gehen, 'n Buch vielleicht sogar lesen und nachts noch 'n bisschen schwitzen, damit man am nächsten Morgen nicht dumm dasteht."

Sprecher:

Wenn Christina sagt, man muss in die Bibliothek gehen und nachts ein bisschen schwitzen, meint sie damit, dass sie sich sehr anstrengen muss, um auf die Sendung am nächsten Tag gut genug vorbereitet zu sein. Denn sie möchte nicht dumm dastehen. Wenn sich ein Mensch in einer lächerlichen Situation befindet, machen seine Mitmenschen oft eine spöttische Bemerkung und drücken diese in witzigen Vergleichen aus. Bei diesen sprichwörtlichen Vergleichen werden gerne die Worte dastehen oder dasitzen verwendet. Zum Beispiel er sitzt da wie ein Häufchen Elend oder er steht da wie ein Ochs vorm Berg. Christina möchte nicht dumm dastehen, sondern so gut vorbereitet sein, dass es gar nicht erst zu einer peinlichen Situation kommen kann. Auch für ihre Kollegin Brigitte Arleff stand von Anfang an fest, dass sie, als Journalistin, nicht nur in Beiträgen berichten, sondern auch moderieren möchte. Sie sucht den direkteren Kontakt zu den Hörern. Brigitte erinnert sich an die ersten Versuche am Mikrofon.

Brigitte Arleff:

"Wenn man Informationen engagiert an den Mann bringen möchte, dann ist es schön, wenn man das selber präsentieren kann. Also, die ersten Male, wenn das alles noch neu ist, dann bereitet einem das durchaus Bauchschmerzen, wenn das Rotlicht angeht. Und so die ersten Sekunden sind 'n kleiner Überwindungsmoment. Später dann, wie alles, wird das zur Routine, und man macht sich keine Gedanken mehr und schüttelt das ganz locker aus dem Ärmel."

Sprecherin:

Brigitte möchte Informationen an den Mann bringen. Jemanden an den Mann bringen bedeutete ursprünglich, jemanden verheiraten. Eine Frau wurde von Eltern oder Verwandten an den Mann gebracht. In unserem Fall meint Brigitte damit, dass sie selbst den Hörern die gewünschten Informationen zugänglich macht. Am Anfang bereitete einem die Arbeit am Mikrofon Bauchschmerzen, erinnert sich Brigitte. Sie will damit sagen, dass man als Anfänger oft Angst verspürt und diese Angst auf Bauch und Magen schlagen kann. Das Rotlicht im Studio leuchtet auf, wenn man auf Sendung ist. So weiß der Moderator immer genau, wann er sprechen muss.

Sprecher:

Er muss, mit ein bisschen Erfahrung, nicht mehr über das Moderieren nachdenken, sondern schüttelt es locker aus dem Ärmel. Etwas aus dem Ärmel schütteln heißt so viel wie, etwas sehr Schwieriges ohne Mühe zu erledigen. Das gilt besonders für Dinge, die normalerweise einer großen Vorbereitung bedürfen. Johannes Christoph Adelung leitete diese Redewendung 1774 in seinem "Versuch eines grammatisch-kritischen Wörterbuches" von den weiten Ärmeln der Geistlichen ab, die lange Reden und Predigten gehalten haben – und dies oft ohne große Vorbereitung. Weite Ärmel waren im Spätmittelalter groß in Mode. Der Sinn dieser Redensart wird also auf eine Zeit zurückgehen, in der man so weite Ärmel trug, dass man darin etwas aufbewahren oder verbergen konnte.

Brigitte Arleff:

"Als gutes Moderationstraining für den Anfang ist es auf jeden Fall sinnvoll, sich so ein Werk anzugucken wie "Der kleine Hey", Sprechübungen zu machen, dann Atemübungen zu machen. Es ist wichtig, dass man mit der Bauchstütze spricht und, dass man relativ locker bleibt dabei. Und Übungen helfen da ganz enorm. Also, es ist was, was eigentlich jeder kann, wenn er es sich erarbeitet. Das ist nichts, was einem irgendwie zufällt und ein großartiges Talent. Der eine mag sich schwerer tun, dem anderen fällt es leichter, aber generell ist es schon so, dass, wenn man da übt, dass man dann nicht so leicht auf die Nase fällt während der Moderation."

Sprecherin:

Brigitte spricht vom "Kleinen Hey". Das ist ein Buch mit vielen Sprechübungen für Moderatoren und Sprecher, die in Aussprache und Artikulation noch sicherer werden wollen. Wichtig ist beim Moderieren auch die Bauchstütze, das heißt, gerade sitzen und die Bauchmuskulatur leicht angespannt haben, weiß die Moderatorin. Wenn man genug übt, sagt sie, fällt man nicht so leicht auf die Nase. Damit meint sie, dass jeder, der diese Dinge übt, so leicht keinen Misserfolg haben wird.

Brigitte Arleff:

"Eine haarige Situation ist immer dann, wenn man live irgendwas bringen muss mit einem Gegenüber, einem Gesprächspartner, der extrem schwierig ist, dem man die Würmer aus der Nase ziehen muss oder der sich so ganz und gar nicht an das Konzept hält, was vorher abgesprochen ist und auf einmal das Blaue vom Himmel erzählt, ja, dann wird's haarig."

Sprecher:

Eine haarige Sache ist etwas, was Schwierigkeiten oder Gefahren mit sich bringt. Die junge Frau spricht von einem Gegenüber, dem man die Würmer aus der Nase ziehen muss. Diese Redensart bedeutet, den anderen langsam und durch geschickte Fragen auszuhorchen, um ihm Geheimnisse zu entlocken. Diese Wendung geht auf eine alte Vorstellung von Krankheitsdämonen in Gestalt von Würmern zurück. Nach mittelalterlicher volksmedizinischer Auffassung befanden sich diese Würmer in bestimmten Teilen des menschlichen Körpers. So wurden einzelne Krankheiten auf Zahn-, Herz- oder Magenwürmer zurückgeführt.

Sprecherin:

Brigitte spricht davon, dass sich der Gesprächspartner nicht an das besprochene Konzept in der Sendung hält, sondern das Blaue vom Himmel erzählt. Damit will sie sagen, dass die Person vollkommen andere Punkte anspricht, die vom eigentlichen Thema abschweifen. Die ursprüngliche Redensart heißt eigentlich das Blaue vom Himmel herunterlügen oder herunterreden. Blau ist eine Farbe, die, gerade in der älteren Sprache für Verstellung und Lüge steht. In manchen älteren, bildlichen Redewendungen steht ein älterer Mann im Mittelpunkt, dessen junge Frau ihm einen blauen Mantel umlegt, was bedeutet, dass sie ihn betrügt. Im Frühneuhochdeutschen sind "blaue Enten" Lügenmärchen und Ausreden. Brigitte erinnert sich an eine bestimmte Situation, die sie wohl nie vergessen wird.

Brigitte Arleff:

"Ja, ich erinnere mich konkret an eine Gesprächssituation mit einem Interviewpartner. Das war ein Professor, wie er im Buche steht, und in einem Satz kamen fünf, sechs 'Ähm', und der Satz kam nie zu einem Ende. Das ging endlos, und man wusste gar nicht, wo man einhaken konnte, und das war sehr schwierig in der Gesprächsführung. Und so eine Situation kann einen Anfänger natürlich schon mal aus der Bahn werfen, aber, wenn man 'ne gewisse Routine hat, dann kriegt man auch mit solchen Gesprächspartnern immer noch ganz gut die Kurve."

Sprecher:

Als Interviewpartner hatte Brigitte einen Professor, wie er im Buche steht. Ursprünglich bedeutet wie es im Buche steht "tadellos", "mustergültig" und wird zur Bekräftigung der Glaubwürdigkeit einer Aussage gebraucht. Das geht auf die Bibel zurück, in der David im Psalm 40 Vers 8 von sich selbst singt "Siehe, ich komme; im Buch steht von mir geschrieben". In unserem Beispiel soll es heißen, es ist ein typischer Professor. Er ist zwar sehr gebildet, drückt sich jedoch nicht klar aus und schweift oft mit den Gedanken ab. Einen Anfänger könne dies aus der Bahn werfen, erzählt Brigitte, aber jemand mit Erfahrung kriegt auch hier noch die Kurve. Aus der Bahn geworfen werden heißt eigentlich‚ im Leben scheitern. Gemeint ist hier die abgeschwächte Form, sie besagt, dass es für einen Anfänger schwierig ist. Diese Wendung ist wahrscheinlich aus dem Turnierwesen entlehnt, denn, wer beim Kampf aus der Bahn geworfen wurde, war der Unterlegene. Die Kurve kriegt dagegen der erfahrene Moderator, das heißt, er scheitert nicht. Diese Redewendung geht auf das Autofahren zurück. Auch für einen Sprecher gibt es immer wieder schwierige Situationen, weiß Philip.

Philip Schepmann:

"Ja, ab und zu wird man als Sprecher schon mal aus der Reserve gelockt, wenn man nämlich also wirklich direkt vor der Aufnahme den Text erst bekommt. Dann muss man wirklich alles geben, von der Konzentration her und voll da sein, dass man eben halt schon 'ne halbe Zeile weiter ist mit den Augen als mit seinem Mund."

Sprecherin:

Jemanden aus der Reserve locken bedeutet eigentlich, jemanden dazu bringen, seine Zurückhaltung aufzugeben. Philip will hier aber sagen, dass er manchmal sehr gefordert wird. In solchen Situationen muss man sich stark konzentrieren und mit den Augen weiter sein als mit dem Mund.

Fragen zum Text

Will man jemandem durch wiederholte Fragen bestimmte Aussagen entlocken, so …?

1. lügt man das Blaue vom Himmel herunter

2. wirft man sie/ihn aus der Bahn

3. zieht man ihm/ihr die Würmer aus der Nase

Schüttelt man etwas im übertragenen Sinne aus dem Ärmel, …?

1. erledigt man etwas ohne Mühe

2. bringt man etwas Geklautes wieder zum Vorschein

3. reinigt man seine Kleidung von Ungeziefer

Was ist beim Moderieren wichtig?

1. immer aufrecht stehen und das rechte vor das linke Bein stellen

2. möglichst locker sitzen und sich vollkommen entspannen

3. gerade sitzen und die Bauchmuskulatur leicht anspannen

Arbeitsauftrag:

Suchen Sie sich einen beliebigen Text aus und bereiten Sie ihn für einen Vortrag vor, indem Sie etwa Pausen, Betonung und Aussprache kennzeichnen. Lesen Sie diesen Text anschließend im Kurs möglichst akzentuiert vor. Gegebenenfalls kann der Vortrag mit einem Diktiergerät aufgenommen werden, um ihn anschließend zur Fehlerkorrektur wieder abzuspielen.

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