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Aktuell Deutschland

Die Kunst des Nägelkauens

Die Kasseler Weltkunstschau wird bereits am Samstag eröffnet. Nun erst hat die künstlerische Leiterin ihr Konzept vorgestellt. Danach blieben alle Fragen offen.

Die mit Spannung erwartete Pressekonferenz vor Beginn der documenta 13 in Kassel geriet selbst zu einer Art Performance. Chefin Carolyn Christov-Bakargiev gab die Losung aus: "Die Grenze zwischen dem, was Kunst ist und was nicht, wird unwichtiger." Und sie hielt sich daran. Vor Beginn der Präsentation fand eine "Nail-Biting-Performance" statt: ein schwarzgekleidetes Mädchen kaute vor einem Mikrofon seine Fingernägel ab, dass es nur so knackte in den Ohren. Dann legte Carolyn Christov-Bakargiev los.

Rätselhafte Kunst

In einem Affentempo ratterte sie auf Englisch einen seitenlangen Essay herunter. Sie sagte Sätze wie "Das Rätsel der Kunst besteht darin, dass wir nicht wissen, was sie ist, bis sie nicht mehr das ist, was sie war" und machte sich Gedanken, was der Meteorit wohl gewollt hätte, den zwei Argentinier nach Kassel hatten bringen wollen, was dann aber doch nicht gelang. Ihre Einsicht "Ich denke, das führt jetzt zu weit" wurde mit Applaus bedacht. Sie blätterte in ihrem 15-seitigen Manuskript und übersprang genau die Passagen, in denen es um die Künstler und ihre Arbeiten gegangen wäre.

documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev (Foto: rtr)

documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev

Künstler und Wissenschaftler

Ein wenig wurde dennoch deutlich, wohin die Reise in den nächsten 100 Tagen gehen soll: "Die documenta wird von einer ganzheitlichen Vision angetrieben", sagte die künstlerische Leiterin. Dementsprechend liest sich auch die Liste, auf der so viele Teilnehmer stehen wie nie zuvor - fast 300. Nur die Hälfte von ihnen sind Künstler. Die anderen kommen aus den verschiedensten Bereichen, sind Wissenschaftler, Philosophen, Politiktheoretiker und Schriftsteller. "Was diese Teilnehmer ausstellen, mag Kunst sein oder nicht", verkündete sie freimütig.

Eine Skulptur des Bildhauers Stephan Balkenhol in der Turmspitze der Elisabeth-Kirche in Kassel (Foto: dpa)

Von der documenta-Leiterin kritisierte Kunst von Stephan Balkenhol

documenta ist überall

Nicht nur personell, auch geografisch hat Christov-Bakargiev ihre künstlerische Spielwiese großzügig ausgeweitet - auch Kabul, Kairo und ein Nationalpark in Kanada sind als Veranstaltungsorte vorgesehen. Im hessischen Kassel gibt es Kunst nicht nur in Ausstellungsräumen und im bereits früher bespielten Auepark, sondern an vielen neuen Orten wie einem Kino und einem Bunker, einer ehemaligen Bäckerei, einem Brunnen und einem Parkhaus.

Video ansehen 01:39

Documenta 13 wird „wild und disharmonisch

Nach den Worten von Carolyn Christov-Bakargiev geht es auf der documenta diesmal um "Zusammenbruch und Aufbau". Vier zentrale Positionen gebe es auf der Kunstschau: "Auf der Bühne", "Unter Belagerung", "Im Zustand der Hoffnung" und "Auf dem Rückzug". Solcherlei Titel blieben wohl unverständlich, gäbe es da nicht Künstler, die mit ihren Werken konkrete Bezüge herstellten. Zum Beispiel Mohammad Yusuf Asefi, der in Kabul 80 Gemälde rettete, indem er heimlich die darauf dargestellten Menschen und Tiere mit Wasserfarbe übermalte, weil die Taliban sie sonst zerstört hätten. Später konnte er die Farbe einfach wieder abwaschen.

Kritiker sprechen von Zensur

Unmittelbar vor Eröffnung der weltweit größten Schau zeitgenössischer Kunst wird der Leiterin der documenta 13 auch Zensur vorgeworfen. Künstler beklagen, dass die documenta-Chefin unter anderem die Präsentation von Werken des Bildhauers Stephan Balkenhol habe verhindern wollen. Balkenhol wird am Sonntag in einer katholischen Kirche in der Kasseler Innenstadt seine Ausstellung eröffnen. Christov-Bakargiev widersprach den Vorwürfen.

Was die documenta künstlerisch zu bieten hat, bleibt in großen Teilen noch offen. Klar aber ist: Ihre Leiterin wird weiter für reichlich Diskussionsstoff sorgen.

gb/rb (dapd/dpa/rtr)

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