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Bücher

Die Kunst der zeitgemäßen Übersetzung

Literarische Klassiker neu zu übersetzen ist ein Luxus. Für die Verlage - und für die Übersetzer erst recht. Und doch hat es in letzter Zeit eine Vielzahl von Neuübersetzungen der klassischen Weltliteratur gegeben.

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Gefragte Klassiker

Es sind nicht nur ein paar Spezialverlage, also die, die sich schon seit jeher für Klassiker einsetzen oder diese gar ausschließlich im Programm haben. Auch renommierte belletristische Häuser wie Hanser und Ammann und kleinere, unabhängige, wie Liebeskind oder Achilla haben in jüngster Zeit das idealistische Geschäft mit der Weltliteratur gepflegt.

Klassiker neu zu übertragen ist immer eine Gratwanderung. Es müsse einerseits erkennbar bleiben, dass es sich um ein historisches Werk handelt, meint etwa Horst Lauinger, Verleger des auf Klassiker spezialisierten Manesse-Verlags. Andererseits aber müsse die Übersetzung sprachlich so frisch sein, dass die ursprüngliche Aktualität auch beim heutigen Lesevorgang erhalten bleibe.

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Anton Tschechow

Anton Pawlowitsch Tschechow (1860-1904)

Wie gehen die Übersetzter nun also vor? Orientieren sie sich an alten Übersetzungen? Vergleichen sie die Texte mit früheren Übertragungen ins Deutsche? Die Antworten auf diese Frage fallen höchst unterschiedlich aus. Elisabeth Edl hat für den Hanser-Verlag gerade Stendhals Meisterwerk "Rot und Schwarz" neu übersetzt, die letzte Übertragung ins Deutsche von "Rot und Schwarz" liegt schon 50 Jahre zurück: "Man muss sich die Vorgänger und die Übersetzungen immer anschauen". Nur dann könne man sehen, ob es sich überhaupt lohnt, eine Neuübersetzung zu machen.

Ganz anders geht dagegen Peter Urban vor, der seit Jahren für den Schweizer Diogenes-Verlag das Werk Tschechows bearbeitet. Urban, ein Perfektionist, lehnt grundsätzlich die meisten älteren Tschechow-Übertragungen ab: "Es hat immer nur Übersetzungen gegeben, die gleichen einem alten gebräunten Firniss, wenn man den abkratzt und das Bild darunter hervorscheinen lässt, dann kommt darunter etwas unheimlich Frisches heraus, etwas Farbenkräftiges und Prächtiges."

Auseinandersetzung mit dem Original - auch im Detail

Marcel Proust

Marcel Proust (1871-1922)

Auch der Schriftsteller und Übersetzer Michael Kleeberg orientiert sich ausschließlich am Original. Für den kleinen Münchner Liebeskind-Verlag hat er gerade den zweiten Teil von Marcel Prousts "Recherche" übersetzt. Kleeberg, dessen Proust-Bearbeitungen nicht unumstritten sind, setzt auf eine möglichst breite Auseinandersetzung mit dem Text: "Sie haben die Architektur der Sätze, haben aber auch ihren Klang, Sie haben den Rhythmus, sie haben das Motiv und den Metaphernbau, sie haben den Wortschatz, und man kann als Übersetzer nicht sagen, ich nehme mir nun einen dieser Aspekte vor unter Vernachlässigung der anderen."

Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881)

Als Perfektionistin gilt auch Svetlana Geier. Sie übersetzt seit Jahren für den Amman-Verlag die großen Romane Dostojewskis. Für Amman ein Prestige-Projekt. Amman-Lektor Clemens Bollinger schätzt vor allem das ungemein fundierte Wissen Svetlana Geiers, das ihren Dostojewski-Übertragungen dann auch inhaltlich zugute kommt. Nur so werden wichtige Detailfehler aus früheren Übersetzungen vermieden.

An diesem Beispiel wird auch deutlich, warum sich Verleger, Lektoren und Übersetzer immer wieder mit Klassikerübersetzungen beschäftigen. Wo sonst erhält der Leser die Möglichkeit so tief einzutauchen in vergangene literarische Epochen, wann sonst kann er sich so intensiv mit Literatur und Literaturgeschichte befassen? In den großen Werken der Weltliteratur trifft der Leser auf scheinbar Nebensächliches - und natürlich auf die großen Themen der Literatur.