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Kultur

Die Kunst der Aufklärung für China

Im Frühjahr 2011 werden knapp 600 Werke aus deutschen Museen zur Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung" nach Peking reisen. Die Ausstellung erlaubt Deutungen, die Chinas Staatsspitze nicht gefallen dürften.

Marie-Gabrielle Capet: Atelierszene, 1808 (Bild: Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

Marie-Gabrielle Capet: Atelierszene, 1808 (Bild: Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

Es soll eine der bedeutendsten Ausstellungen werden, die über die Kunst in der Epoche der Aufklärung je gezeigt wurden. Knapp 600 Exponate – Bilder, Skulpturen, aber auch wissenschaftliche Erfindungen – sollen ab Frühjahr 2011 in Peking zu sehen sein. Es wird die erste Ausstellung in den erweiterten Räumen des Nationalmuseums sein, die derzeit vom Hamburger Büro Gerkan, Marg und Partner geplant werden. "Das chinesische Publikum wird in den Genuss kommen, die hoch ausgebildete Maltechnik und das künstlerische Niveau der deutschen und europäischen Künstler zu sehen", freut sich Huang Zhenchun, stellvertretender Direktor des Hauses, das nach der Erweiterung das größte Museum der Welt sein wird.

Kein Bilderwissen der Epoche

Caspar David Friedrich: Hünengrab im Schnee, 1807 (Bild: Staatliche Kunstsammlungen Dresden)

Caspar David Friedrich: Hünengrab im Schnee, 1807

Die Bilder stammen aus den Staatlichen Museen zu Berlin, aus den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und den bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München. Westliche Kunst und Kultur, vor allem aber westliche Philosophie und Wissenschaft wurden in China vor allem im 20. Jahrhundert stark rezipiert, vieles wurde übersetzt, bis heute sind politische und gesellschaftliche Diskussionen in China von der westlichen Denktradition stark beeinflusst. Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, geht davon aus, dass die Ausstellung auf starkes Interesse stoßen wird. "Wir stellen bei unseren Gesprächspartnern immer wieder ein tiefes Wissen der Literatur dieser Epoche fest", sagt er. "Aber das ist nicht durch ein Bilderwissen hinterlegt."

Johann Heinrich Füssli: Satan und Tod, von der Sünde getrennt, 1802 (Bild: Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

Johann Heinrich Füssli: Satan und Tod, von der Sünde getrennt, 1802

Es ist der Anspruch der Ausstellung, die Werke im Zusammenhang ihrer geistesgeschichtlichen Tradition zu präsentieren. Wenn etwa Johann Heinrich Füssli den Kampf zwischen Sünde, Satan und Tod darstellt, dann ist das auch eine Abkehr von christlichen Dogmen. Das Interesse am Bösen und der Leidenschaft ist Ausdruck einer neuen Freiheit. Ähnliches gelte auch für die Landschaftsbilder des Romantikers Caspar David Friedrichs, erklärt Klaus Schrenk, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Er will sie im Bezug zu Rousseaus Forderung "Zurück zur Natur" interpretiert sehen: "Rousseau hat damit eine der großen Forderungen an die Entwicklung des Menschen gestellt hat und damit die absolutistische Macht der französischen Könige in Frage gestellt." Bezogen auf die Werke Caspar David Friedrichs bedeute das, dass "in der Naturdarstellung das Auswahlrecht und die Gestaltung des Menschen sichtbar wird."

Ein Rahmenprogramm mit Diskussionen deutscher und chinesischer Wissenschaftler soll diese Zusammenhänge für ein interessiertes Publikum weiter ausführen. Für das Auswärtige Amt, das die Organisatoren unterstützt, hat die Schau auch eine politische Dimension.

"Kant übersetzte die Maxime des Dichters Horaz: 'Sapere Aude' mit 'Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen", erinnert Werner Wnendt, der im Auswärtigen Amt für Kulturarbeit zuständig ist. "Dieses Motto der Aufklärung ist eine permanente Forderung an die Politik, das auch ernst zu nehmen und das Benutzen des eigenen Verstandes zu erlauben."

"Politische Debatten nicht Aufgabe von Museen"

Claude Joseph Vernet: Schiffbruch im Gewittersturm, 1770 (Bild: Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

Claude Joseph Vernet: Schiffbruch im Gewittersturm, 1770

Die Ausstellung fällt in eine Zeit, in der gerade Werte, die in Europa der Aufklärung zugeschrieben werden, stark diskutiert werden. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an den Dissidenten Liu Xiaobo hat dem Thema der Meinungsfreiheit in China wieder einmal zu internationaler Aufmerksamkeit verholfen. Und eine der Kernaussagen der Aufklärung, nämlich die Aussage, dass bestimmte Werte universell seien, wird seit einigen Monaten in Pekinger Intellektuellenkreisen heftig diskutiert. Die Besucher allerdings werden solche aktuellen Bezüge in der Ausstellung nicht finden, sagt Michael Eissenhauer. "Auf gegenwärtige politische Diskussionen werden wir in der Ausstellung nicht eingehen. Das ist Sache des Auswärtigen Amtes, dies in der Tagespolitik zu handhaben, aber nicht die Aufgabe von Kunstmuseen."

Die Ausstellung, die eine der umfassendsten Darstellungen der Epoche sein wird, hätte eigentlich schon in diesem Jahr starten sollen, wurde aber dann um ein halbes Jahr verschoben, weil der Museumsneubau nicht rechtzeitig fertig wurde.

Die Werke sollen 15 Monate in Peking zu sehen sein. Weitere Ausstellungsorte sind nicht geplant.

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Martin Schrader