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Kultur

"Die Kultur sollte uns näher bringen"

Deutsche Literatur verkauft sich nicht in Griechenland, griechische nicht in Deutschland. Das muss sich ändern, meint Christos Asteriou. Denn in der Kultur liegt die Chance, dass sich beide Länder wieder annähern.

Christos Asteriou

Christos Asteriou ist in Griechenland ein bekannter Schriftsteller

Die deutsch-griechischen Beziehungen sind mies, so der Tenor. Gibt es noch einen Ausweg aus der Krise? Im Interview spricht der Publizist und Schriftsteller Christos Asteriou über die aktuelle Situation.

Deutsche Welle: Herr Asteriou, wie schaut man heute von Griechenland auf Deutschland und was ist aus Ihrer Sicht daran problematisch?

Christos Asteriou: Man spricht im Griechischen etwa von einer 'griechisch-französischen Allianz', ein Ausdruck, der die bilateralen Beziehungen zu Deutschlands unmittelbarem Nachbarn gut beschreibt. Mit Deutschland gab es so etwas schon lange nicht mehr. Eigentlich seltsam, wenn man an den deutschen Philhellenismus (Anm. d. Red: "Freundschaft zum Griechentum") des 18. und 19. Jahrhunderts denkt.

Was momentan in Athen geschieht, hat auch mit den Wunden des Zweiten Weltkriegs zu tun, die niemals verheilt sind. Bei jeder Krise – und wir erleben hier derzeit die heftigste seit dem Zweiten Weltkrieg - tritt diese Probleme wieder in den Vordergrund. Man könnte etwas plakativ sagen, dass derzeit in Griechenland eine antideutsche Stimmung spürbar ist, ähnlich wie die antiamerikanische der 1980er Jahre, jeweils aus nachvollziehbar politischen Gründen. Letztlich glaube ich aber nicht, dass sich diese Konstellation auf die vielen nach wie vor vorhandenen Freundschaftsverhältnisse als Bruch auswirkt. Ich denke und hoffe, dass das gestörte Verhältnis mit der Überwindung der Krise wieder hergestellt werden kann.

Eine offene Wunde, die behandelt werden muss

Griechenland Blitz über der Akropolis

Die deutsch-griechische Beziehung ist angespannt. Wie sehen das griechische Kulturschaffende?

In Griechenland sind die Reparationsforderungen seit Jahrzehnten nicht nicht nur Gesprächsthema, sondern auch Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen. Das wird jedoch in der öffentlichen Diskussion in Deutschland nicht so gesehen.

Man muss verstehen, dass die deutsche Bevölkerung lange nicht gewusst hat und weiß es vielfach immer noch nicht, was in Griechenland während des Zweiten Weltkriegs passiert ist. Eigentlich absurd, dass wir jetzt – im Jahr 2015 – über Entschädigungszahlungen aus dem Zweiten Weltkrieg sprechen. Es verweist darauf, dass die damals geschlagene Wunde eben nicht in den 1950ern oder 1970ern geheilt werden konnte. Und deswegen liegt sie immer noch bloß und blutet nach wie vor. Sie muss irgendwann richtig behandelt werden, um im medizinischen Bild zu bleiben.

Nun war Bundespräsident Joachim Gauck im vergangenen Jahr (2014) in Griechenland und hat auch das Dorf Lingiades besucht, das 1943 von der deutschen Wehrmacht zerstört wurde. Er bat um Verzeihung...

Gauck in Lingiades 07.03.2014

2014: Bundespräsident Joachim Gauck bei seinem Besuch in Lingiades

...Ja, aber es war zu spät. Über das ganze Thema hat man sich jahrzehntelang nicht wirklich ausgesprochen, es wurde beiseite geschoben in der Hoffnung, dass es irgendwann schon vergessen sein wird. Wir sehen heute, dass Griechenland versucht, seine Staatsverschuldung politisch zu klären, während Deutschland meint: 'Nichts da, die Griechen müssen zahlen'. Das Gegenargument wäre: Auch Deutschland konnte seine Auslandsschulden aus dem Zweiten Weltkrieg politisch regeln, wieso erhält Griechenland diese Chance nicht? Und hier haben wir dann eine Konfrontation.

"Die Griechen sind faul, die Deutschen sind unflexibel"

Wie denken Schriftsteller, Publizisten und Geisteswissenschaftler über Deutschland? Abgesehen von den Reparationen, wodurch sieht man das Verhältnis zu Deutschland belastet?

Einerseits sieht man Deutschland als neue europäische Übermacht, die eine gewisse Verantwortung gegenüber Europa trägt. Wirtschaftlich geht es keinem anderen Land besser, nicht einmal Frankreich oder Italien. Und auf der anderen Seite sieht man, wie diese Macht auf eine sehr „protestantische“ Weise ausgeübt wird: 'Man ist schuldig und muss dafür zahlen'. Deutschland, so wird das hier wahrgenommen, verhält sich momentan wie die große unflexible Macht, die das kleinere Land sühnen lässt.
Und gleichzeitig kommen viele Deutsche, auch Intellektuelle und Künstler, nach Griechenland auf der Suche nach den alten Griechen …

"Nicht die Politik, sondern die Kultur sollte uns näher bringen"

Man hat in Deutschland noch immer das Griechenlandbild des 19. Jahrhunderts, meinen Sie? Das Dorf, die landwirtschaftlich geprägte Wirtschaft, Familienverbundenheit - Dinge, die man in Deutschland vermisst, die sucht man dort, zusammen mit der Natur und dem Klima - eine intakte Welt, die irgendwie materiell arm ist, aber doch eben intakt...

Christos Asteriou

Der Publizist und Buchautor Christos Asteriou lebt in Athen

Ja, in guten Zeiten sucht man nach Alexis Zorbas, dem Griechen, der nur im Moment und für den Moment lebt. Kann ja ganz nett sein, aber wenn er in der Krise steckt, wird aus ihm auf einmal ein fauler Sack.

Ich kann gut verstehen, dass eine Literatur wie die unsere sich in Deutschland nicht verkaufen würde, denn umgekehrt verkauft sich auch deutsche Literatur in Griechenland besonders schlecht. Dennoch gibt es hier eine ganze Reihe von Autoren, darunter Ingo Schulze oder Daniel Kehlmann, deren Bücher auf Griechisch längst erschienen sind. Ein Gespräch zwischen Literaten kann nur dann entstehen, wenn Bücher vorliegen. Und auf deutscher Seite? Ich war 2013 Stipendiat der Jungen Akademie der Künste in Berlin. Die Akademie hatte sich damals bereit erklärt, die Übersetzung meines letzten Romans zum Teil zu finanzieren. Auf der Grundlage dieser Übersetzung habe ich dann monatelang nach einem deutschen Verleger gesucht, aber keiner wollte das Risiko eingehen. Das ist nur ein persönlicher Einzelfall, der aber typisch ist für die griechische Literatur: Man muss griechische Autoren auf Deutsch mit der Lupe suchen.

Ich bin Schriftsteller, kein Politiker, deshalb hoffe ich auch, dass sich die Spannungen mit Hilfe der Kultur überwinden lassen.

Christos Asteriou, 1971 in Athen geboren, ist Buchautor, Publizist und Übersetzer, unter anderem von Christa Wolf und Hugo von Hoffmansthal. Zu Deutschland hat er einen engen Bezug, denn er studierte von 1991 bis 1997 Germanistik und Neogräzistik in Würzburg und war 2013 Literaturstipendiat der Akademie der Künste Berlin. Asteriou ist Mitglied der Jungen Akademie und lebt in Athen.

Das Gespräch führte Christiane Kort.

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