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Deutschland

Die Kriminellen auf der Harley

Motorräder, Tätowierungen, Kutten: Die Mitglieder von sogenannten Motorradclubs wie den Hells Angels oder den Bandidos verbreiten in manchen Städten Angst und Schrecken. Jetzt greift die Politik durch.

Sie lieben den martialischen Auftritt: Lederhose, Nietengürtel und grimmige Gesichter. Schon länger stehen die Rockergruppen Hells Angels, Bandidos, Gremium MC und Outlaws MC im Visier der Polizei. Jetzt erhöht das Land Nordrhein-Westfalen den Druck auf die Rockerbanden. Nun verbot Landesinnenminister Ralf Jäger (SPD) den Verein "MC Bandidos Chapter Aachen" und fünf seiner Untergruppen. Mehr als 600 Polizeibeamte durchsuchten Wohnungen und Vereinsgelände der Rocker und stellten umfangreiches Beweismaterial sicher, darunter Waffen, Bargeld und ein Gerät zum Abhören des Polizeifunks.

Die Motorradgangs gelten schon länger als gewaltbereit und stehen im Verdacht der organisierten Kriminalität. Der Einsatz sei nötig geworden, sagte NRW-Innenminister Jäger, weil es Hinweise gegeben habe, dass die Bandidos im Raum Aachen "ihre kriminelle Vormachtstellung ausweiten wollten".

Beschlagnahmte Fundstuecke aus den Vereinsheimen der Rocker Gruppen 'Bandidos' und 'Hells Angels'. (Foto: apn)

Beschlagnahmte Fundstücke aus einem Vereinsheim

Dass die Gangs an Einfluss gewinnen, ist nicht von der Hand zu weisen. "Seit Mitte 2005 hat sich die Zahl der Rockergruppierungen fast verdoppelt", sagt Thomas Jungbluth, Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität im Landeskriminalamt Düsseldorf. Allein bei den Bandidos habe man 2005 noch zwölf sogenannte Chapter registriert. Heute seien es 25 Untergruppen. Insgesamt gebe es derzeit etwa 900 Personen, die in diesen Gangs organisiert seien.

Große Wirtschaftskonzerne

Die Motorradgangs agieren als "große Konzerne" flächendeckend in Deutschland und ganz Europa, sagt Dirk Wilking, Rockerexperte vom Brandenburgischen Institut für Gemeinwesenberatung. "Sie verfolgen vor allem wirtschaftliche Interessen und tummeln sich überwiegend im Bereich der organisierten Kriminalität."

Die großen internationalen Gangs seien dabei primär im Handel mit Drogen und Anabolika aktiv. Letzteres sei ganz neu hinzugekommen. "Da werden dann Fitness-Studios zum Teil von den Rockergangs mit diesen Mitteln versorgt", sagt Wilking. Dabei würden die Gangs auch immer versuchen, außerhalb der Schengengrenze zu agieren, in Ländern am Rand Europas, um dort Labors für synthetische Drogen betreiben zu können. "Dann sind sie außerhalb der EU und der Reichweite Europols."

Unverkennbare Symbolik

Als unverwechselbares Markenzeichen fahren die Motorradrocker prestigeträchtige Marken wie Harley Davidson und tragen eine Lederkutte, also eine Weste, auf deren Rücken das Vereinsemblem aufgestickt ist. Bei den Bandidos ist das ein mexikanischer Bandit mit Pistole und Machete und bei den Hells Angels ein Totenkopf mit Flügeln.

Mitglieder der Rockergruppe Hells Angels betreten, im Vordergrund vor Polizisten, das Landgericht Müenster. (Foto: ap)

Die Gruppen haben eine große Anziehungskraft auf Männer

Allein diese Symbolik übe eine hohe Anziehungskraft aus, meint Wilking. "Das spielt eine entscheidende Rolle, weil diese Gruppen ein Männlichkeitsbild bieten, das gesellschaftlich kaum noch konsensfähig ist: der richtige Macho, der echte Macker." Deshalb würden sich Männer aus dem Arbeiter- oder Handwerkermilieu von diesen Gruppen angesprochen fühlen, manchmal sei aber auch ein Jurist dabei, so der Experte. "Das macht einfach die Attraktivität dieser Gruppierungen aus." Außerdem werde das kindliche Bild des Piraten bedient: "Ich stehe über dem Gesetz. Ich bin der Rocker", erklärt Wilking.

Behinderung der Ermittlungen

Dabei wird die Strafverfolgung für die Polizei generell immer schwieriger. "Rocker schotten sich gegenüber den Strafverfolgungsbehörden ab. Auch wenn einer schwer verletzt worden ist, gibt er keine Hinweise, die zur Ermittlung der Täter führen", sagt Kriminaldirektor Jungbluth. Vielmehr würden vollkommen unglaubwürdige Aussagen getroffen, um die Ermittlungen zu erschweren oder zu verhindern. Aussteiger gebe es praktisch nicht und wenn doch, dann "müssen sie mit Repressalien rechnen".

Entstanden sind die Bandidos 1966 in Texas; sie haben Wurzeln im US-Militär. Ihr Gründer war der Vietnam-Veteran und US-Marine Donald Eugene Chambers. Sein Club war wie geschaffen für jene Soldaten, die enttäuscht aus Vietnam zurückkehrten und eine neue Heimat suchten. Das Motorrad verkörpert heute wie damals das Symbol der Freiheit, verbunden mit einem starken Zugehörigkeitsgefühl zur Gruppe. Die Hells Angels gründeten sich bereits 1948 in Kalifornien. Nach der Fusion mit weiteren Clubs expandierte die Gang vor allem in den 1960er Jahren nach Europa.

Nur vorübergehende Lösung

Generell seien Verbote wie das jetzt ausgesprochene eine gute Sache, findet Rocker-Experte Dirk Wilking. Da die Gruppen sich unter anderem durch ihre Uniformierung und ihr martialisches Auftreten definierten, fiele es ihnen leicht, ein Klima der Angst zu produzieren. "Das kann man durch Verbote brechen." Eine Schwierigkeit bleibe aber: Die Verbote würden immer nur lokal ausgesprochen, wie aktuell in Nordrhein-Westfalen. "Man verbietet dann dauerhaft nur die eine Filiale und dann mal die andere, aber nicht das Geflecht der organisierten Kriminalität selbst." Die Rockerbanden seien eben ein internationales Phänomen, das im Lokalen seinen Ausdruck finde.