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Türkei

Die Kriegsnarben der Bewohner von Sur

Mehr als 24.000 Menschen wurden im Südosten der Türkei durch den Bürgerkrieg aus ihren Häusern vertrieben. Viele von ihnen sind immer noch heimatlos. Tessa Fox berichtet aus Diyarbakir.

Die schreckliche Szene geschah an einem Sonntag. Fatma war gerade beim Essen mit ihrem Mann Abdulkadir, ihren fünf Kindern und anderen Familienangehörigen, als die Bombe explodierte. Granatsplitter durchschlugen die Wand und töteten ihre Nichte. Alle verloren das Bewußtsein. Als das Unglück geschah, waren Fatma und ihre Familie bereits Heimatvertriebene, Flüchtlinge in der eigenen Stadt.

Heftige Kämpfe im Herzen der Stadt

Fatmas Familie gehört zu den rund 24.000 Menschen, die aus Sur, einem Stadtteil von Diyarbakir im Südosten der Türkei, vertrieben wurden. Der Krieg mitten im Herzen der Stadt eskalierte, nachdem im Juli 2015 eine Waffenruhe zwischen der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und der türkischen Regierung auslief.

Laut einem Bericht von Amnesty International kamen bei den Kämpfen mindestens 368 Zivilisten in der Region ums Leben. Wegen der Ausgangssperren seit September 2015 waren etliche Bewohner von der Versorung mit Lebensmitteln und Wasser abgeschnitten und mussten ihre Häuser verlassen.

Offiziell endeten die bewaffneten Auseinandersetzungen in Sur im März 2016. Doch immer noch, auch mehr als ein Jahr später, dauert das Elend an. Wie Fatma und ihre Familie haben viele ihr Zuhause, Angehörige und ihre komplette Lebensgrundlage verloren.

Kurdische Familie in Sur, Türkei (Foto: DW/T. Fox)

Fatmas vorübergehende Unterkunft ist halb so groß wie ihr altes Haus. Die Familie schläft in einem Raum

Fatma öffnet die Tür in ihrem neuen, vorübergehenden Zuhause in Sur. Gleich darauf bittet sie die Reporterin in einen Raum, wo sie, ihr Mann Abdulkadir und das Baby gerade etwas essen. Es gibt Kahvaltı, ein traditionelles Frühstück mit verschiedenen Käsesorten, Joghurt, Eiern, Oliven und frischem Brot.

Fatma und ihre Familie haben zehn Jahre lang in ihrem alten Haus in Sur gelebt. Das Haus gehörte Abdulkadirs Mutter. Als die Kämpfe vor ihrer Haustür in Sur heftiger wurden, musste Fatma mit ihrer Familie in eine Mietwohnung in einem anderen Teil der Stadt umziehen. Dort blieben sie jedoch nur zwei Monate. Dann schlug die Bombe ein und es ereignete sich jenes Unglück, bei dem Abdulkadirs Nichte getötet wurde. Danach fanden sie zunächst in einem Hotel Unterschlupf.

Zu wenig Unterstützung vom Staat

Die Regierung bezahlte die Kosten für das Hotel von monatlich 2000 türkischen Lira (umgerechnet ca. 500 Euro). Aber nach sechs Monaten hieß es: "Jetzt ist es an der Zeit hier wegzuziehen, raus mit euch", erzählt Fatma der DW. Die Regierung unterstützt sie immer noch mit 1000 türkischen Lira pro Monat. Aber das reicht kaum zum Leben.

"Wir haben viele Gegenstände im Müll gefunden. Denn von unserem ursprünglichen Haus existiert nichts mehr. Es liegt komplett in Trümmern." Das Geld, das der Staat zur Verfügung stellt, reicht nicht aus, um all den verlorenen Besitz zu ersetzen und die fünf Kinder zu ernähren. "Wir versuchen, weniger zu essen. Wir können uns manche Lebensmittel nicht mehr leisten", sagt Fatma.

Kurdischer Junge in Sur, Türkei (Foto: DW/T. Fox)

Einer von Fatmas Söhnen braucht eine Brille. "Seine Augen schmerzen immer noch vom Staub der Bomben", sagt sie

Andrew Gardener, Türkei-Experte von Amnesty International, sagt, der Mietzuschuss sei überlebenswichtig für viele Familien. Aber er kritisiert, dass es kein Geld mehr gibt, sobald eine Person in der Familie eine Arbeit hat. "Einige Familien bestehen aus zehn oder noch mehr Personen. Wenn dann ein Familienmitglied einen Job an der unteren Lohngrenze bekommt, reicht das nicht aus für die Mietkosten", sagt er der DW.

Isoliert am Stadtrand

Zeytin lebt in einer sterilen Hochhaus-Wohnung am Stadtrand von Diyarbakir. Vor dem Krieg lebte ihre Familie 22 Jahre lang im Stadtteil Sur. "Unser Zuhause war so schön! Das Haus war voller Licht. Es hatte einen großen Garten mit einem Brunnen. Wir bekamen viel Besuch von außerhalb. Jetzt ist alles zerstört und liegt in Trümmern", erzählt Zeytin im DW-Gespräch.

Während der Kämpfe musste Zeytin das Zuhause in Sur mit ihrem Mann und den acht Kindern verlassen.Nach Kriegsende kehrte sie zurück zu ihrem Haus. Aber davon war nichts mehr übrig.

Kurden in Diyarbakir, Türkei (Foto: DW/T. Fox)

Zeytins neue Wohngegend fühle sich nicht nach Heimat an

Sie sind dann ins Erdgeschoss eines Apartment-Blocks gezogen, eigentlich in einen Tagungsraum. "Gottseidank gibt es die Nachbarn, ich bin ihnen so dankbar für ihre Hilfe", sagt sie. Einige hätten ihnen sogar Möbel gespendet.

Zeytin und ihre Familie bezahlen momentan 650 türkische Lira für die Monatsmiete. Sobald das Schuljahr vorbei ist, wollen sie versuchen, in eine günstigere Gegend umzuziehen, wo die Miete nur 450 türkische Lira beträgt. Denn Zeytin kann nicht arbeiten. "Ich wurde krank nach dem Krieg, mein Herz macht Probleme", sagt sie und erklärt, dass eine Vene nahe dem Herzen verstopft und die Herzklappe verdickt sei.

Zeytins Kinder sind, genauso wie Fatmas Kinder, immer noch traumatisiert und können sich nur schwer auf die Schule konzentrieren. "Ich will hier nicht leben, es fühlt sich nicht wie ein Zuhause an", sagt Zeytin, sichtlich bewegt. Es macht sie traurig, sich daran zu erinnern, wie viele Menschen im Krieg ums Leben kamen. "Das werde ich nie vergessen können", sagt sie.

Wie Flüchtlinge in der eigenen Heimatstadt

Zurück in Sur. Es ist ein glühend heißer Tag. Devran Kaya verkauft Eis und schildert, wie er durch den Krieg seinen Laden verlor. "Überall waren Löcher in den Wänden von den Raketen", sagt er. Den Shop, den er jetzt betreibt, musste er aus dem Nichts aufbauen. Sein letzter Laden war geplündert worden.

Kurdischer Verkäufer in Sur, Türkei (Foto: DW/T. Fox)

Ladenbesitzer Kaya erhält keine Unterstützung. Er fühle sich wie ein Flüchtling in der eigenen Stadt, sagt er

Weder Hilfsorganisationen noch die Regierung boten ihm eine Entschädigung an. Unterstützung erhält Kaya nur von seiner Familie. Doch die Miete für den kleinen Laden ist zu hoch. "Ich zahle fast 200 türkische Lira pro Monat. Das zeigt, wie verarmt wir sind. Ich halte es kaum aus. Niemand denkt an uns. Wir fühlen uns heimatlos und wie Außenseiter. Ich finde keine Worte, um auszudrücken, was ich fühle. Ich bin wie ein Flüchtling in meiner eigenen Heimatstadt."

Derweil macht die Regierung bereits ganze Gegenden mit dem Bulldozer platt. Sie will Platz schaffen für einen Entwicklungsplan, den sie nach Kriegsende angekündigt hatte. Für viele heimatlos gewordene Menschen heißt das, erneut weiterzuziehen. Fatma und ihre Familie werden ihre derzeitige Unterkunft verlieren, auch Kaya seinen neuen Shop. Doch keiner sagt ihm, wann die Bulldozer kommen. "Es kann fünf Monate dauern, ein Jahr oder zwei Wochen", sagt er. "Manchmal kommen sie innerhalb von drei Tagen. Sie geben uns keine Zeit."

Dann muss Kaya zurück zur Arbeit. Ein Kunde wartet bereits darauf, bedient zu werden. Dass er geht, ohne etwas zu kaufen, kann Kaya sich nicht leisten.